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Mit Pilton gegen Vorbehalte

Landwirtschaft

Entwicklung von pilztolerantem Weizen

Pilton ist die Abkürzung für ein grundlegendes Projekt, das Pflanzenzüchter, Wissenschaftler im Allgemeinen, Landwirte und Politiker gleichermaßen betrifft. Die einen werden sich grundlegend abwenden, die anderen aus verschiedenen Gründen hinwenden. Pilton ist zentral, ein Schlüsselprojekt, bei dem der Prozess und die Methode mindestens gleich bedeutend sind, wie das Ergebnis. Und schon die Akteure bilden ein einzigartiges Bündnis, das international kaum möglich ist.

Das Bündnis

60 mittelständische Züchtungsunternehmen haben sich für ein gemeinsames Projekt zusammengeschlossen. So viele Pflanzenzüchter gibt es in keinem anderen Land. Dort gibt es ein Oligopol internationaler Konzerne, die das Saatgut dominieren und mit neuen Baukästen, wie Sorte und Pflanzenschutzmittel im System, immer stärker in die Landwirtschaft eindringen. Die Unternehmervielfalt in Deutschland besteht aus zahlreichen kleinen und mittelständischen Firmen, die oft genug von praktizierenden Landwirten gegründet wurden. Züchtung ist aufwendig und wer Erfolg haben will, der muss sich Zeit nehmen. Heute dauert es etwa zehn Jahre, bis eine neue Sorte für den Markt zugelassen ist. So viel Zeit will nicht jeder Landwirt opfern und geprüftes Saatgut ohne unerwünschte Nebenergebnisse nutzen.

Gerade den kleinen Firmen stehen mit Genom Editing neue Werkzeuge zur Verfügung, die mit geringerem Aufwand Innovationen hervorbringen sollen. Das sichert den privaten Forschungsvorsprung gegenüber großen Konzernen. Pilton kann der weltweit einzigartigen Züchterlandschaft die Zukunft sichern.

Klaus Wagner

Die Landwirte

Pilzkrankheiten fallen den meisten Landwirten als erstes ein, wenn nach Pflanzengesundheit gefragt wird. Pilzkrankheiten sind in der Öffentlichkeit nicht so bekannt, verursachen aber neben Ertragsausfällen auch für Menschen gefährliche Mycotoxine. Weizen ist die Brotfrucht der deutschen und europäischen Landwirte. Die vier häufigsten Pilzkrankheiten im Weizen sind Gelb- und Braunrost, Fusarium und Septoria. Etwa 25 Prozent aller Ausgaben für den Pflanzenschutz stecken die Landwirte in die Pilzbehandlung, erklärte Dr. Klaus Wagner, Präsident des Bauernverbandes in Thüringen und Vorsitzender des Fachausschusses für Saatgutfragen beim Deutschen Bauernverband. Pilze und Weizen: „Das hat für uns ein echte Bedeutung“, sagte er am Donnerstag in Berlin. Robuste Sorten ersparen den Landwirten Überfahrten, auch wenn nicht jedes Jahr immer gleich ein Pilzjahr ist. Landwirte sind auf der Suche nach trockentoleranten und pilzresistenten Sorten. Zwei Eigenschaften, die zunächst wenig gemeinsam haben. Denn trockentolerante Sorten stammen aus den ariden Gebieten, wo der Befallsdruck von Pilzen gering ist. Als Vertreter der Landwirte lehnt Wagner Patente auf Sorten ab. Das in Deutschland einmalige Sortenschutzrecht mit dem Züchterprivileg ist für die Praxis ausreichend, sagt er. Züchter dürfen neue Sorten für ihre eigene Züchtung weiternutzen. Pilton kann auch mit Genom Editing über das Züchterprivileg Landwirten eine ausreichende Vielfalt moderner Sorten vorhalten.

Anja Matzk

Der Weizen

Pilton steht für Pilztoleranz bei Weizen mittels neuer Züchtungsmethoden. Dr. Anja Matzk aus dem Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter (BDP) und Leiterin Biotechnologie beim Saatgutunternehmen KWS sagt zum Forschungsziel: „Wir bringen in den Weizen eine neue Resistenzquelle gegen verschiedene Schaderreger.“ Der Weizen kann sich gegen Pilze wehren. Er hat ein bestimmtes Abwehrsystem, dass aber nur temporär wirkt und im Verlauf der Vegetation abgeschaltet wird. Das aktivierte Gen wird von einem Repressorgen wieder deaktiviert. Mit Hilfe von Cas-Endonukleasen wird die entsprechende Stelle für das Repressorgen durchschnitten. Die DNS wächst fehlerhaft zusammen und das Gen für die Repression kann nicht mehr abgelesen werden. Die Pilzabwehr bleibt bestehen. Für den Pilton wird kein Gen zusätzlich in den Weizen gebracht. Pilton-Weizen könne mit konventioneller Züchtung hergestellt werden, er könne mit erlaubter Strahlenmutation erzeugt werden oder schneller und effizienter mit Genom Editing. Das Weizengenom ist deutlich größer als das menschliche und die richtige Stelle für die Unterbrechung des Repressorgens zu finden sehr komplex. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner erwähnt die neuen Züchtungsmethoden immer wieder als weiteres Instrument im Werkzeugkasten der Pflanzenzüchter. So steht es in der Ackerbaustrategie, so wird es auch in der Strategie Farm-to-Fork eingefordert. Klöckner hat die Pflanzenzüchter zu praktischen Beispielen aufgerufen, damit die Debatte auch einen realen Kern bekommt. Außerhalb Europas ist die Anwendung von GE-Methoden bereits Tagesgeschäft. Pilton kann die Diskussion um neue Züchtungstechniken voran bringen und zu einer Differenzierung beitragen.

Die Lizenz

Gegenüber Pilzen tolerante Sorten sind nicht neu. Pilze aber variieren stark und werden im Einzelnen mit bis zu 500 verschiedenen Rassen beschrieben. Während die eine Variante an Gefährlichkeit verliert, bedrohen neue Arten die Resistenz und durchbrechen sie. Bei Pilton wird der Weizeneigene Abwehrmechanismus gegen alle genetischen Rassen verlängert und erreicht eine sogar pilzunabhängige Toleranz. Hier stehen die Methodik und ein allgemeines Resistenzziel im Vordergrund, das weit über eine Einzelresistenz gegen spezifische Gelbrostrassen hinausgeht. Daher taucht aber auch die Frage nach der Lizensierung und der Kosten für die Landwirte auf. „Werde sich die neue Sorte nicht marktwirtschaftlich durchsetzen, wird kein Landwirt sie anbauen“, sagte Stephanie Franck und ist sich mit Klaus Wagner einig. Parallel zum Versuch wird auch über ein Vergütungssystem diskutiert, dass Züchtern den Aufwand entschädigt und Landwirten kein Abhängigkeitssystem gegenüberstellt. Pilton kann zu einer neuen Vereinbarung zwischen Züchtern und Landwirten führen.

Stephanie Franck

Der Versuch

Hinter dem Begriff der Bio-Ökonomie steht viel mehr als eine Kreislaufwirtschaft. Am Ende sollen alle fossilen Kohlenstoffketten durch nachwachsende Kohlenstoffketten ersetzt werden. Die können nur Pflanzen, vom Gras über Sträucher bis zu Bäumen erzeugen. Landwirtschaft muss also viel mehr, als nur Lebensmittel produzieren. „Das Projekt Pilton nimmt die gesellschaftlichen Wünsche auf“, sagte Stephanie Franck, Vorsitzendes des BDP. Wenn die Landwirte Überfahrten mit Fungiziden einsparen ist das ein Unterziel. Das Projekt ist auf vier Jahre angelegt. Zunächst einmal finden die üblichen Grundlagenarbeiten im Labor und Gewächshaus statt. Weil am Ende eine marktfähige Sorte stehen soll, muss es zwingend nach Gentechnikrecht auch Freilandversuche geben. Eine Stufe in der Züchtungsarbeit, die wegen Feldzerstörungen in den vergangenen Jahren eingestellt wurde. Daher startet Pilton eine umfassende und transparente Öffentlichkeitsarbeit mit der Vorstellung des Projektes und der ganzen Forschungsphase hindurch. „Wir stellen uns ins volle Licht der Öffentlichkeit“, sagt Franck. Pilton kann die öffentliche Diskussion auf ein angewandtes Praxisbeispiel fokussieren und exemplarisch für Differenzierung sorgen und auf gesellschaftlichen Druck gegen Zerstörer hoffen.

Was zählt mehr?

Pilton ist ein multifaktorielles Projekt. Seine Einzelteile sind wichtig, wirken aber nur im Gesamtpaket. Pilztoleranter Weizen ist essentiell. Gerade in diesem Jahr sind die Tage warm bis heiß gewesen, die Nächte aber kühl und feucht. Exemplarisch hat der Mehltau die Hälfte der Bio-Gurken zerstört. Das kann sich eine Regionalisierung und Ernährungssicherheit nicht leisten. Im Bioanbau gibt es keine Mittel gegen Pilze. Kupfer kann nicht endlos in den Boden gebracht werden, zumal der Biolandbau Lösungen aus der Anwendung des Schwermetall sucht. Wenn die neue Züchtungsmethode ihre Wirksamkeit und Ungefährlichkeit zeigen kann, wird sich die Frage nach Übernahme der Methodik auch im Ökolandbau stellen. So wie es der frühere Vorsitzende des Forschungsinstituts für biologischen Ökolandbau (FIbL), Urs Niggli, und die jungen Grünen mit der progressiven Agrarwende fordern. Sie wollen die Technik nur als weiteren Baustein aufnehmen.

Es geht bei dem Projekt also auch um die neuen Züchtungsmethoden. Die begleitende Aufklärung Im Projekt soll am Ende deren Etablierung zulassen. Pilton-Weizen ohne weitere GE-Züchtung wäre gescheitert – oder nur als Ausweichziel erfolgreich. Stephanis Franck hat das Thema auf die große Bühne gesetzt: Die Bio-Ökonomie. Pflanzen für Fasern, Öle und wirkliche Bio-Kunststoffe nehmen nur einen kleinen Teil der Ackerfläche ein. Textilien aus Milchfasern sind auf dem Markt, Lösungen finden sich nahezu täglich. Doch Bio-Ökonomie für 80 Millionen Bundesbürger, 450 Millionen Europäer und sieben Milliarden Menschen erfordert eine neue Dimension, die mit Regionalsierung allein kaum zu bewältigen scheint. Diese Dimension ist Verbrauchern und Politikern noch nicht anzumerken.

Der Nachweis

In der vergangenen Woche haben Gentechnikkritiker mit der Meldung auf sich aufmerksam gemacht, dass GE nachweisbar ist. Anja Matzk hat die wissenschaftliche Reaktion auf diese Fehlinterpretation noch einmal unterstrichen. Mit Hilfe der Polymer Chain Reaction (PCR) kann ein noch so kleines Schnipselchen DNS so lange kopiert werden, dass dessen Nachweis gelingt. So wird auch beim Pilton der Nachweis gelingen, dass das Repressorgen abgeschaltet ist. Was aber nicht nachgewiesen werden kann, ist die Herkunft der Veränderung. Pilton könnte eine spontane und natürliche Mutation sein, durch eine konventionelle Züchtung hervorgerufen, durch erlaubte  ionisierende Strahlung oder durch nicht erlaubtes Genom Editing verursacht sein. Pilton kann im Umkehrschluss belegen, dass die Methode für ein wirksames Ergebnis Nebensächlich ist.

Das Gesetz

Pilton hat eine europäische Dimension. Wissenschaftler zeigten sich entsetzt über das Urteil des Europäischen Gerichtshofes, der die neue Züchtung unter das alte Gentechnikrecht unterbrachte und damit jeden Fortschritt negierte. Wie eindeutig das Urteil ist, bleibt noch offen. Pilton besitzt die europäische Dimension die in die Jurisdiktion tief fortgeschrittene Diskussion um das alte Gentechnikrecht mit einer modernen Rechtsauffassung neu zu gestalten. Eine Umwälzung der über die drei Säulen basierenden Gewaltenteilung hinweg manifestierte negative Auffassung von Gentechnik neu zu schreiben.

Fazit

Die gesellschaftliche Aufladung von Pilton macht bei dieser Forschung das Besondere aus. Die Beiträge der Beteiligten zeigen, dass sie sich dessen bewusst sind.  Wann ist das Projekt erfolgreich? Das wird sich in den kleinen Schritten offenbaren, die im Labor mit der Sequenzierung beginnen.

Roland Krieg

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