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Modernes Brandenburg I

Landwirtschaft

In den Apfel schauen

>Albrecht Daniel Thaer (1752 - 1828) begann, die Landwirtschaft mit ökonomischen Prinzipien zu verbinden. Von Friedrich Wilhelm III. nach Preußen geholt, gründete Thaer 1806 in Möglin eine landwirtschaftliche Lehranstalt und analysierte neue Formen der Tierhaltung und Landbewirtschaftung und wusste, dass "Intelligenz, die in Wirklichkeit in diesem Fache mehrenteils weniger wie in anderen angetroffen wird, aber in keinem in ihrer Anwendung so unbegrenzt ist wie in diesem."
Überwiegend hat die Landwirtschaft heutzutage nicht den besten Ruf und wird hauptsächlich mit Schmutz in Verbindung gebracht. Auf der anderen Seite wollen Verbraucher immer mehr über ihre Lebensmittel wissen, erhalten jedoch kaum einen Einblick in die Geschehnisse bei der Produktion. Die Lebensmittelproduktion findet nicht, wie zahllose "Dokumentationen" im Fernsehen glauben machen wollen, durch Wiegen, Mischen, Transportieren und Verpacken am Fließband statt, sondern auf dem Feld - in Abhängigkeit von Wetter und Politik.
Selbst der Urlaub auf dem Bauernhof erfüllt lieber die Klischees von Gummistiefel, Heuhotel und Streichelzoo, als das er einen realen Blick in den bäuerlichen Beruf gewährt. Wobei dieser doch außerordentlich spannend ist, wie die kleine Reihe "Modernes Brandenburg" von der Pressefahrt der Staatskanzlei in den nächsten Wochen zeigen wird.
Erstaunlicherweise gibt es nur eine landwirtschaftliche Fakultät in Brandenburg: Die Fachhochschule in Eberswalde. Sie hat sich nun auf Ökolandbau und Vermarktung spezialisiert. Brandenburgs Wissenschaftsministerin Johanna Wanka sieht die Lehre "klassischerweise in Berlin angesiedelt", betont jedoch die "enge Zusammenarbeit" der Brandenburger Forschungsinstitute mit der Humboldt Universität und deren Studenten in Berlin. Die Forschungseinrichtungen gelten als außeruniversitäre Institute.

In den Apfel schauen
Wer zu Hause ein paar Apfelbäume hat, kann den optimalen Erntezeitpunkt durch ausprobieren relativ leicht feststellen. In großen Obstplantagen hingegen muss die Ernte wie am Schnürchen klappen. Zudem soll der Apfel alle Vitamine und Mineralstoffe noch haben, wenn er beim Verbraucher angekommen ist. Es gilt, den richtigen Erntezeitpunkt zu ermitteln. Traditionell wird er dazu aufgeschnitten und in eine Lösung getaucht, die mit einer verminderten Schwarzfärbung den Reifegrad anzeigt. Allerdings ist dieser Apfel dann nicht mehr zu vermarkten.
Das Leibniz-Institut für Agrartechnik Potsdam-Bornim (ATB) schickt seine Erntehelfer mit einem Rucksack voller High-Tech in die Plantage. Am Unterarm trägt er ein kleines Kästchen mit einer Lampe für die Faust. Sechs Lämpchen bestrahlen den Apfel zerstörungsfrei mit Licht und sammeln die Reflektionen wieder ein. Innerhalb von drei Sekunden ermittelt der Prozessor im Rucksack die Pigmentfärbung des Apfels, den Chlorophyllgehalt und mit der Anzahl der Anthocyane die Deckfarbe der Schale. Alles zusammen ergibt ein spektraloptisches Bild des aktuellen Reifegrades: Ernten oder noch hängen lassen.
Zur Zeit werden Obstsorten vermessen, um Vergleichswerte zu erhalten, mit denen der Prozessor im Rucksack gespeichert werden kann. Neben dem Zeitvorteil und dem Erhalt des Erntegutes gewinnt der Bauer ein Gesamtbild vom Baum und weiß, ob heute nur die Äpfel in den Kronen oder nahe am Stamm zu pflücken sind.

Das Pendel misst den Bewuchs
Wenn die Pflanzen auf den Feldern noch nicht aufgelaufen sind, dann erkennt der Spaziergänger unterschiedliche Färbungen des Ackers. In Brandenburg sind das meist hellere Sandblasen im dunkleren Boden. Oft ist der Getreideaufwuchs an diesen Stellen geringer und zeigt, dass der Boden oft nur ein Mosaik aus unterschiedlichen Bedingungen für das Pflanzenwachstum ist. So muss Dünger nicht überall gleichmäßig ausgebracht werden, lässt sich allerdings bei der Fahrt über den Acker kaum steuern. Dafür hat das ATB im Rahmen der Präzisionslandwirtschaft für den Frontanbau am Traktor das CROP-Meter entwickelt. Das umgedrehte T pendelt als stabiles Rohr vor dem Traktor über dem Boden und wird vom Getreide durch die Fahrt nach hinten weggedrückt. Der Pendelausschlag gibt direkt an, wie stark der aktuelle Bewuchs ist. Damit das CROP-Meter die Pflanze immer in der gleichen Höhe trifft, befindet sich unter der Aufhängung ein Spurrohr, dass die Höhe über den Boden misst und das T-Pendel einstellt. Der Winkel des Ausschlages wird über einen Prozessor an den Düngerstreuer gemeldet, den der Traktor huckepack trägt und nur noch soviel Dünger ausbringt, wie Pflanzen im Bestand stehen. Und das in Echtzeit bei 12 Stundenkilometern. Brandenburgs Agrarminister Dr. Dietmar Woidke sieht in dieser Entwicklung die Verbindung zwischen Ökonomie und Ökologie. Die Wasserrahmenrichtlinie der EU kann so viel einfacher eingehalten werden und die Ergebnisse zeigten, dass rund 25 Prozent Dünger weniger ausgebracht werden.
Der zweite Traktor trägt eine Kamera vorneweg, die bereits bei 12 km/h Pflanzen mit zwei Millimeter Höhe erkennt - gerade so bei ausgebreitetem Keimblatt. Die Kamera muss zwar noch lernen, die Pflanze zu erkennen, definiert jedoch bereits die Anzahl der Pflanzen, deren Größe und, als Drittes, den Bedeckungsgrad des Bodens. Ein Rechner gibt die Daten über den Computer im Traktor an einen anderen Rechner nach hinten weiter, der die Pflanzenschutzspritze steuert. Dieser gibt die Spritzdüsen je nach Ergebnislage frei. Ziel der Folgeforschung ist: sogar noch einzelne Düsen für die laufenden Meter abschalten, bei denen keine Pflanzen zwischen der Kultur wächst. Bisher werden bereits etwa 10 Liter Spritzmittel je Hektar, rund 25 Prozent, eingespart. Verwendet werden zur Zeit etwa 46.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel in Deutschland.
Die drei gemessenen Parameter können auch unterschiedlich miteinander für den reduzierten Düngemitteleinsatz kombiniert werden. ATB
Die Sensortechnik als Miniaturisierung der Technik ist eine Kernkompetenz des ATB, erklärte Prof. Dr. Reiner Brunsch, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts. Seit 75 Jahren gibt es die Technikforschung in der Lenné?schen Feldflur Bornims. 1992 neu gegründet, ist das ATB heute die größte agrartechnische Forschungsstätte Deutschlands und beschäftigt 160 Mitarbeiter und Mitglied der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz.
Internetadresse: www.atb-potsdam.de

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