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Nachhaltige Aquakultur in Deutschland

Landwirtschaft

Nachhaltiger Fisch aus Deutschland

Tilapia
Tilapia; Foto: Ralf Günther

Die Aquakultur, also die kontrollierte Erzeugung von Wasserorganismen wie Fischen, Muscheln, Garnelen oder Algen, gilt als der am schnellsten wachsende Zweig der Lebensmittelproduktion weltweit. Dagegen fristet die Aquakultur in Deutschland ein Nischendasein. Weniger als drei Prozent des deutschen Fischkonsums werden zurzeit durch heimische Aquakultur abgedeckt. Die im Rahmen des Nationalen Strategieplans Aquakultur (NASTAQ) bis zum Jahr 2020 gesetzten Produktionsziele werden klar verfehlt, Deutschland bleibt stark von Importen abhängig. Dabei könnte das Potenzial für eine stärkere Eigenversorgung und für den Export von Fisch mit nachhaltigen Verfahren entwickelt werden, um den Nutzungsdruck auf aquatische Ökosysteme und mögliche Umweltfolgen ins Ausland zu verlagern. Zu dieser Einschätzung kommen Forschende des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) im aktuellen IGB Policy Brief „Nachhaltige Aquakultur in Deutschland – Chancen und Herausforderungen“ [1]. Wie sich die Aquakultur in Deutschland weiter entwickelt ist vor allem eine Frage der gesellschaftlichen und politischen Diskussion.

Wildfang kaum noch zu steigern

„In Deutschland sind Nahrungsmittel im Vergleich zu anderen Ländern sowohl in Quantität als auch Qualität gut verfügbar. Es ist daher zunächst eine freie und individuelle Entscheidung, ob Verbraucher sich grundsätzlich für den Verzehr von Fisch als tierisches Produkt entscheiden“, betont Prof. Werner Kloas, Leiter der Abteilung Ökophysiologie und Aquakultur am IGB und Mitautor des Policy Briefs. Die Marktzahlen zeigen, dass Fisch kontinuierlich nachgefragt werde, aber auch dass sich der Wildfang aus den Ozeanen nicht mehr steigern lasse [2].

Erweiterung nur nachhaltig

Laut Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen stamme schon jetzt über die Hälfte der weltweit konsumierten Fischprodukte aus der Aquakultur – Tendenz steigend. „Dieser Ausbau muss aber dringend nachhaltig gestaltet werden, um der weiteren Übernutzung natürlicher Ressourcen entgegenzuwirken – sonst ist wenig gewonnen“, unterstreicht Mitautor Dr. Fabian Schäfer [3].

Deutschland hat genug Wasser, Fläche, Technik, Know-how und Kaufkraft für eine eigene Produktion von Speisefischarten für den Binnen- und Exportmarkt mit nachhaltigen Verfahren zur Verfügung.. Potenzial wird insbesondere bei landbasierten (teil-)geschlossenen Kreislaufanlagen (KLA) gesehen, die auch in andere bestehende Produktionskreisläufe integriert werden können. So lassen sich Synergieeffekte bei Energie-, Wasser-, Wärme- und Kälteversorgung nutzen oder anfallende Nährstoffe recyceln.
Durch die Regionalisierung der Aquakultur und vergleichsweise hohe Umweltstandards können die Qualität von Tierhaltung, Tierwohl und Produkt sowie die Versorgungssicherheit und die örtliche Wertschöpfung in Deutschland bei gutem Management grundsätzlich gesteigert werden, erläutern die Wissenschaftler.

Nachhaltiger Fisch braucht fairen Wettbewerb…

Fisch aus die KLA ist teurer: Investitions-, Energie- und Fachpersonalkosten schlagen sich im Preis nieder, der mit kostengünstigen Importen konkurrieren muss. „Ohne höhere tatsächliche Zahlungsbereitschaft von Handel und Konsument wird sich diese Form der Aquakultur voraussichtlich nicht flächendeckend in Deutschland durchsetzen können“, mutmaßt Fabian Schäfer.

… und ein neues Fischverständnis

Außerdem brauchen die Fische aus KLA ein neues Verständnis bei Verbrauchern. Technische Systeme werden weniger „stimmig“ angesehen, als Systeme, die in der freien Natur eingebettet sind. Dieses Phänomen ist auch aus anderen Konsumbereichen bekannt, oft im Kontext einer relativ idealisierten und romantisierten Vorstellung von moderner Nahrungsmittelproduktion. Viele Verbraucher kennen Fisch nur als verarbeitetes und verzehrfertiges Produkt im Warenregal, das in den meisten Fällen importiert wurde. Häufig findet die Aquakultur-Produktion im Ausland unter geringeren Sozial- oder Umweltstandards statt. Diese vorgelagerten Produktionsbedingungen und die mit ihnen verbundenen Umwelteffekte bleiben jedoch weitgehend unbekannt – oder werden ausgeblendet.

Die Diskussion über Fisch aus KLA muss ergebnisoffen stattfinden. „Dabei sollten jedoch keine einseitig werbenden Marketingbotschaften für die Aquakultur verbreitet werden, sondern Vorbehalte und Anregungen aus der Gesellschaft aufgenommen werden“, betont Werner Kloas.

Lesestoff:

[1] IGB Policy Brief: https://bit.ly/IGBPolicyBriefNachhaltigeAquakultur

[2] Fangquoten für die Ostsee weiter runter: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/ostseedorsch-bleibt-in-gefahr.html

[3] Geschlossene Aquaponikanlage mit Afrikanischem Wels: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/phosphor-tour-fisch-glas-haus.html

Roland Krieg; Foto: Ralf Günther

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