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Nachhaltige Biomasse von marginalen Flächen

Landwirtschaft

Energie von Flächen ohne Nutzungskonflikt

Hinter der Abkürzung SEEMLA verbirgt sich das Projekt „Sustainable exploitation of biomass for bioenergy from marginal lands“, das von der EU über das Forschungsprogramm Horizon 2020 gefördert und von der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) koordiniert wird. Neben den Ländern mit Pilot­projekten, darunter Deutschland, Griechenland und Ukraine, sind auch italienische Partner in das Projekt involviert. Ziel ist die Nutzung solcher Stand­orte für eine nachhaltige Biomasseproduktion zur Schließung der Bedarfslücke an erneuerbaren Ressourcen bis 2050.

Die Bedarfs­lücke entsteht in Deutschland durch den Ausstieg aus der Atomenergie und der Nut­zungsminderung fossiler Energien und muss über regenerative Ener­gien aufgefangen werden. Derzeit wird diese Lücke an b2050 mit 1.915 Petajoule quantifiziert. Aus der Biomasse müssten zusätzlich 480 PJ stammen. Die Nutzung von marginalen Flä­chen kann helfen, die Bedarfslü­cke zu schließen und den Über­gang zu einer kohlenstoffarmen Gesellschaft verwirklichen.

Dazu haben sich die Partner zu SEEMLA zusammengeschlossen und Ende März in Berlin einen zwei­ten Nationalen Workshop abgehalten. Herd-und-Hof.de sprach mit Projektkoordinatorin Dr. Wibke Baumgarten von der FNR:

KUP-Anbau in der Ukraine

Wibke Baumgarten: Die Vermeidung von Nutzungskonflikten auf den Acker- und Grünlandflächen ist die höchste Priorität von SEEMLA. Da­bei spielen der Nachhaltigkeitsgedanke und die Berücksichtigung der Biodiversität eine wichtige Rolle. Im Workshop wird diskutiert, was al­les zu berücksichtigen ist. Bioenergie muss mit Naturschutz in Einklang ge­bracht werden.

HuH: Wie definieren Sie eine marginale Fläche?

Wibke Baumgarten: Marginale Flächen können sehr unterschiedlich sein. Sie können für den Landwirt ökonomisch marginal sein. Dort lässt sich nicht effizient wirtschaften. Das kann ein sehr magerer Stand­ort sein. In Brandenburg haben wir sandige Böden mit sehr nied­rigen Ertragszahlen. Gerade deshalb kann man diese Standorte für die Bioenergie nutzen. Wenngleich die Landwirte diese Standorte für die Getreideproduktion nutzen, gilt es, diese davon zu überzeugen, solche marginalen Flächen zumindest anteilig für die Biomasseproduktion zu nutzen. Das können unter anderem Eckstücke oder zu kleine Flächen sein.

HuH: Bei dem Begriff marginale Standorte gibt es noch ein ganz ande­res Konzept: Das sind die so genannten „Eh da-Flächen“. Die Flächen, die sowieso schon da sind und die speziell für die Biodiversität aufgear­beitet werden sollen. Gibt es da keinen neuen Konflikt zwischen den „Eh da-Flächen“ und SEEMLA?

Wibke Baumgarten: Das sehe ich nicht, denn das kann in das Konzept einbezogen werden. Wir haben eine erste Projektion von 0,9 Millionen Hektar marginaler Standorte in Deutschland. Für die müssen die Besitz­ansprüche geklärt werden, wie zugänglich und daher wie wirtschaftlich diese Flächen sind. Wie wollen wir die Lücke der Bioenergie 2050 fül­len?

HuH: Da kommen nicht alle Pflanzen für den Biomasseanbau in Frage. Einen Aufwand hat man ja doch. Am Ende braucht man einen entspre­chenden Ertrag. Und das wird über Energiehölzer gewährleistet?

Wibke Baumgarten: Genau. Schnell wachsende Energiehölzer wie bei­spielsweise Pappeln und Weiden. Wir nehmen aber auch grasartiger Bio­masse wie vom Miscanthus, die Becherpflanze bis zur Durchwachsenen Silphie. Die letzten beiden sind gerade für den naturschutzfachlichen Aspekt wichtig, weil sie Futterpflanze für die Bienen sind. Man kann auch Brachflächen zwischen den Kurzumtriebsplantagen für eine natür­liche Sukzession frei lassen, damit man nicht von einer zur nächsten Monokultur übergeht. Wir wollen nicht die Maismonokultur durch eine Pappelmonokultur ersetzen. Wir wollen den Balanceakt zwischen der Ökosystemleistung und der Bioenergie wahren.

HuH: Energiehölzer sind bis 20 und 25 Jahre auf der Fläche festgelegt.

Wibke Baumgarten: Ja, da könnten wir eine Art Staffelung aufbauen und nicht gleich die ganze Fläche mit einer Sorte Energiehölzer bepflanzen. Mit derselben Sorte gestaffelt angepflanzt, wird der Reihe nach geerntet und es entsteht eine Rotation im Anbau.

HuH: Das erfordert sehr viel Planung. Reicht es, dass das ein einzelner Landwirt macht oder ist es die gesamte Kette, die in der Logistik zusam­menarbeiten muss?

Wibke Baumgarten: Wir haben noch keinen Erfahrungswert, wie sich das in der Praxis gestaltet. Auch dazu haben sich die Fachleute in Berlin ausgetauscht. So liefert die „Wald 21 GmbH“ mit Sitz im bayerischen Uffenheim Erfahrungen zur KUP-Nutzung von Sonderstandorten aus der hessischen Mittelgebirgsregion. Dort ist der KUP-Anbau kleinräu­mig, aber das Konzept hat sich bereits bewährt. Weitere Erfahrungswer­te liefern die Experten der Energy Crops GmbH, die 430 ha KUP in Polen betreiben, sowie die Lignovis GmbH.

HuH: Es gibt viele Pilotprojekte mit Energiehölzern bei den Landwirten. Auch der Energieversorger Vattenfall experimentiert auf den Renaturierungsflächen des Brandenburger Braunkohletagebaus. Aber so richtig in Schwung gekommen ist der Anbau von Energiehölzern noch nicht.

Wibke Baumgarten: Das stimmt. Daran arbeiten wir. Viel hängt daran, das Thema nach außen zu tragen und in das Bewusstsein der Menschen zu bringen. 2050 wirkt aus unserer Sicht noch weit entfernt, aber wir be­wegen uns stetig darauf hin und wir haben definitiv eine Energiebedarfslücke, die gefüllt werden muss. Deshalb führen wir heute den Workshop mit vielen Multiplikatoren aus der Universität und aus der freien Wirt­schaft durch.

KUP-Anbau in der Ukraine

HuH: Sind auch kommunale Vertreter dabei, die eventuell ein Kataster für die marginalen Standorte haben?

Wibke Baumgarten: Leider nein. Heute nicht. Ich habe jedoch schon Kontakt zu verschiedenen Institutionen. Wir haben heute einen Vertreter des NABU dabei, der mit seinem Netzwerk Kontakt zu den Kommunen hat.

HuH: Heute ist einjähriges Jubiläum von SEEMLA?

Wibke Baumgarten: Es sind sogar schon eineinhalb Jahre und bislang haben wir unsere Pilotstudien gestartet. Wir haben uns im Wesentlichen mit der Definition der marginalen Standorte befasst. Wo sind die mar­ginalen Standorte und was eignet sich für unsere Untersuchungen. Wir haben Bodendaten erhoben und wir haben die ersten Ertragsdaten aus der Ukraine ...

HuH: ... weil SEEMLA nicht nur ein deutsches Projekt ist....

Wibke Baumgarten: ... Da haben wir noch die griechischen Partner mit ihren Pilotstudien. Die italienischen Partner sind ohne Pilotstudien dabei.

HuH: Und im vergangenen September war auch eine vietnamesische Delegation bei der FNR in Gülzow? Was haben die für ein Interesse? Und was kann SEEMLA international leisten?

Wibke Baumgarten: Vietnam hat viele Rekultivierungsflächen. Dort wird insbesondere Steinkohle im Tagebau gewonnen. Zur Rekultivie­rung wird dort hauptsächlich Maniok genutzt. In Vietnam gibt es eine „Green Policy“. Aber auch dort ist das Thema noch nicht in den Köpfen der Menschen angekommen. Wir können unser Knowhow der Rekulti­vierung an die vietnamesischen Kollegen weiter geben.

HuH. Das könnte dann auch China mit viel Bergbau interessieren...?

Wibke Baumgarten: Das kann für viele asiatische Länder interessant werden. Ende April findet von der European Geoscience Union in Wien die zweitgrößte wissenschaftliche Tagung weltweit mit 14.000 Teilneh­mern statt. SEEMLA ist mit einer eigenen Session vertreten. Internatio­nal fangen wir gerade erst an.

HuH: International gibt es viele marginale Flächen, die darauf warten, rekultiviert zu werden?

Wibke Baumgarten: Auf jeden Fall. Schätzungen zufolge sind bereits 20 bis 25 Prozent der Böden weltweit degradiert. Hierzu gehören vor allem versalzene oder erodierte Flächen, Flächen, die übermäßig bewirtschaftet wurden, sowie verdichtete Flächen. Es spielt längerfristig eine Rolle, wie man diese Flächen nutzen kann. Vieles geht mit den Themen Einsparung von CO2 und Kohlenstofffestlegung einher.

HuH: Für Deutschland sind das also rund 0,9 Millionen Hektar Fläche. Wie kann man das in Petajoule umrechnen?

Wibke Baumgarten: Das wird schwierig sein. Wir gehen von einer Energielücke von 1.915 PJ im Jahr 2050 aus. Das wird aus diversen Quellen erschlossen werden müssen. Insgesamt ist der Energiepflanzenanbau in Deutschland 2050 nach Auffassung verschiedener Experten unter Berücksichtigung naturschutzfachlicher Restriktionen auf bis zu vier Millionen Hektar mit einem Beitrag von bis zu 740 PJ möglich. Wenn wir von SEEMLA dafür einen Beitrag von 100 bis 200 PJ leisten könnten, wäre dies ein erreichbares und möglicherweise erweiterbares, längerfristiges Ziel.

Aber: Wie viel Fläche können wir nutzen, welche Pflanzen sind sinnvoll – aktuell und in Zukunft. Grasartige Pflanzen haben beispielsweise weniger Ertrag als holzartige, wachsen jedoch schneller und sind weniger anspruchsvoll. Für marginale Standorte würden sich insbesondere Pappel und Robinie als holzartige Biomasse eignen. Aktuell sind wir nach einer Schätzung der Energy Crops GmbH bei rund 6.000 Hektar Kurzumtriebsplantagen. In Zukunft wird es in SEEMLA darum gehen, entsprechende Anreizprogramme für Land- und Forstwirte zu schaffen oder bestehende Programme anzupassen und um den Aspekt der bioenergetischen Nutzung marginaler Standorte zu erweitern.

HuH: Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Roland Krieg

Lesestoff:

www.seemla.eu

Roland Krieg; Fotos: salix-energy.com (Anbau von Kurzumtriebsplantagen in der ukrainischen Volny-Region)

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