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Nachhaltige Geflügelwirtschaft

Landwirtschaft

Jahrestagung Geflügelwirtschaft

Bis zum Bundesverfassungsgericht hat es die Produktionsrichtung Legehennenhaltung aus der Agrarwirtschaft bislang als einzige geschafft. Nach dem höchstrichterlichen Beschluss endet im Dezember auch die letzte Übergangsfrist für die Haltungskäfige. Das Thema „Nachhaltigkeit“ hat die Geflügelbranche erfasst. Auf dem Deutschen Geflügeltag des Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) in Berlin stand am Donnerstag unter dem Motto „Nachhaltigkeit als neue Messlatte“. Präsident Gerhard Wagner dachte dabei nicht nur an die Nachhaltigkeit beim Tierschutz, sondern auch an die „wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und soziale Gerechtigkeit“. Die Diskussion zum Thema soll ein Signal für einen konstruktiven Dialog der Geflügelbranche mit Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit sein.
Wagner wies darauf hin dass der oft bemühte Begriff „Klimakiller Fleisch“ den Unternehmen ein falsches Zeugnis ausstelle und angesichts der steigenden Weltbevölkerung mit wachsendem Fleischverbrauch globale Entwicklungen ignoriere.

Vom Tierschutzstreit zur Nachhaltigkeit
Die Diskussion mit Verbraucher- und Tierschützern sowie Umweltorganisationen verzettelte sich zu Beginn in den jahrzehntealten Details, ob das Sojaschrot aus brasilianischen Savannen oder Regenwaldgebieten komme (BUND- und grüner Agrarsprecher Friedrich Ostendorff und Paul-Heinz Wesjohan, Vizepräsident der europäischen Geflügelschlachtereien), ob Fleisch nur dann nachhaltig sei, wenn es so viel Kalorien erzeuge, wie auch vorher verfüttert worden seien gegen das Argument, das sich gegen die industrielle Autoindustrie auch niemand beschwere (Dr. Jörg Styrie, Vorsitzender vom Bund gegen Missbrauch der Tiere und CDU-Bundestagsabgeordneter Johannes Röring) bis hin zu den Feststellungen, dass es nicht nachhaltiger wird, wenn Verbraucher Geflügelfleisch durch Sojaschnitzel ersetzen (Laura Gross von der Verbraucher Initiative) und dass die Geflügelindustrie mehr Zeit für die Umsetzung der Gesetze brauche (Dr. Bernd Diekmann, Vorsitzender des Bundesverband Deutsches Ei).
Dann aber nahm die Diskussion ihr gewünschtes Signal auf und stellte die Geflügelwirtschaft nicht mehr in Frage, sondern widmete sich der nachhaltigen Ausrichtung der künftigen Produktion.
Claus Rückert, Geschäftsführer der Naturgas GmbH berichtet von den Erfahrungen, mit Hühnerkot Strom und Wärme in der Biogasanlage zu produzieren. Eine Tonne Hühnerkot habe rund 1,6 Mal mehr Energie als eine Tonne Mais und nach ersten Ideen fährt Rückert Anlagen mit bis zu 70 Prozent Hühnerkot in der Mischung. Anschließend gehen die wertvollen Mineralien als Dünger auf den Acker.
In der Legehennenproduktion werden jährlich rund 40 Millionen männliche Küken geschreddert, weil sie als Legehennenlinie keine wirtschaftliche Masteigenschaften aufweisen. Doch wurden in Norddeutschland traditionell so genannte Stubenküken sprichwörtlich in der Wohnung durchgefüttert, bis das Geschlecht eindeutig zu erkennen war. Nach drei bis vier Wochen wurden die Tiere dann mit 300 bis 500 Gramm geschlachtet. Professor Dr. Wolfgang Branscheid vom Max Rubner Institut will das Stubenküken in einem Projekt wieder aufleben lassen, was aber wohl nicht die Wünsche der Verbraucher trifft. Das Fleisch ist zwar zart, hat aber eine leicht gelblich Färbung.
Die Kommunikation mit dem Kunden wird sich nicht als einfach erweisen, denn nach Dirk Bathen, Geschäftsführer des Trendbüro, sagte, setzen Verbraucher oftmals Nachhaltigkeit mit Ethik gleich. In ihrer Bewertung sei es dann nicht mehr wichtig, ob das Tier in der Nahrungsproduktion oder als Mitgeschöpf angesehen werde. Trotzdem müsse auch die Geflügelbranche handeln, denn nach dem Bioboom konsumieren Verbraucher immer bewusster: Corporate Social Responsibility wird zum Auswahlkriterium.

Verwirrende Nachhaltigkeit
Dr. Guido Reinhardt vom IFEU Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg stellte einige Ergebnisse der kürzlich veröffentlichte Studie zu Ökobilanzen von Lebensmitteln vor. So weist argentinisches Rindfleisch eine bessere Energiebilanz auf als einheimisch produziertes Fleisch, das mit Importfutter erzeugt wurde. Da aber das Fleisch aus Argentinien gekühlt werden muss, kehre die Treibhausbilanz der klimaschädlichen Kühlmittel den Vorteil wieder um. Kaufen die Kunden importiertes Bier, ist das umweltschädlicher als regional erzeugtes – wenn aber die heimische Brauerei so individuelle Mehrwegflaschen verwende, die wieder zurückgebracht werden müssen, dann entpuppe sie sich als umweltfeindlicher als die importierte Einwegflasche.
Beispiel Brot: Backen ist in der Herstellungskette Brot die energierelevanteste Größe. Das zu Hause gebackene Brot hat eine schlechtere Ökobilanz als das Brot vom Industriebäcker, so Reinhardt. Kunden können mit einem Umstieg auf Ökogetreide die Bilanz verbessern und erreichen dann Werte des konventionellen Industriebäckers. Wer sich weiter verbessern will, der muss auf den ökologischen Industriebäcker zurückgreifen.
Aber die Heidelberger Studie hat eine Überraschung parat: Der Kunde kehrt alle Klimabemühungen der Bäckereien um, wenn er mit dem Auto zum Bäcker fährt.
Zwei Kilo Äpfel von der Streuobstwiese erfordern einen Kohlendioxidaufwand von 1,5 Gramm. Das ist dreimal mehr als zwei Kilo importierte Überseeäpfel. Das Resümee von Dr. Reinhardt ist erhellend: „Verbraucher können mehr für das Klima tun als der Bauer!“ Um alles richtig zu machen müssen Verbraucher regional, saisonal, bio, verpackungs- und verkehrsarm einkaufen. Sobald eines der Kriterien nicht erfüllt werde, kehre sich die Ökobilanz der Konsumauswahl um.

Lesestoff:
„Ökologische Optimierung regional erzeugter Lebensmittel: Energie- und Klimabilanzen“. IFEU 2009. Kostenfrei unter www.ifeu.de

Roland Krieg

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