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Neues Agrarsystem mit Leguminosen

Landwirtschaft

Wie kann Europas Eiweißversorgung verbessert werden?

Der EU-Agrarausschuss drehte am Dienstagnachmittag am ganz großen Rad. Thema einer Anhörung war die Frage, wie Europa seine Eiweißversorgung verbessern könne. Es ging dabei um die Versorgung der Nutztiere mit Eiweiß aus Leguminosen wie Soja, Ackerbohnen, Futtererbsen oder Lupine und die Minderung der Sojaimporte, die vor allem aus Südamerika kommen.

Schwung durch Greening

Standen Leguminosen vor Jahrzehnten noch auf den Feldern, sank der Anbau, weil die Preise unattraktiv waren und der züchterische Fortschritt gegenüber anderen Feldfrüchten vernachlässigt wurde. Zumal können Brasilien und seine Nachbarländer viel preiswertes Soja exportieren. So hat sich Europa nah China zum zweitgrößten Sojaimporteuer aufgeschwungen, was zunehmend hinterfragt wird: Einmal ist ein großer Teil dieses Sojas gentechnisch verändert, zum anderen haben sich die Länder Südamerikas vom Export der Sojabohne abhängig gemacht und sollten nach Einschätzung von Matthias Krön, Vorsitzender der Initiative Donau-Soja [1], ihren Export diversifizieren.

Erst das Greening hat Schwung in den Anbau von Ackerbohnen und Co. gebracht, erläuterte Prof. Dr. Bernhard Schäfer von der Südwestfälischen Universität für angewandte Wissenschaften in Soest. Die Ökobetriebe bauten schon genug Leguminosen an, können aber aus Gründen der Fruchtfolge den Anbau nur noch über eine Flächenausdehnung steigern. Solange wird die Bedienung der Nachfrage überwiegend von konventionellen Betrieben stammen müssen. Dabei haben Leguminosen, so Schäfer weiter, viele Vorteile: die Nachfrage auch für den menschlichen Verzehr steigt, positive Effekte gegen den Klimawandel, Reduzierung mineralischer Stickstoffdüngung, die rund die Hälfte der fossilen Energie in der Landwirtschaft verbraucht, Erhöhung der Biodiversität und Regenwurmpopulation. Für Schäfer haben Leguminosen auch einen Vorteil gegen zweikeimblättrige Unkräuter, weil es dort bald keine Herbizide mehr geben wird. Eine Steigerung des Anbaus könne durch Anhebung des Anrechnungsfaktors als Ökologische Vorrangfläche von 0,7 auf 1,0 sein und die Bildung neuer Wertschöpfungsketten.

Europas Flächenpotenzial nutzen

Die Verringerung der europäischen Importabhängigkeit für pflanzliche Proteine in Höhe von 70 Prozent ist für Matthias Krön, dem Vorsitzenden von Donau-Soja, wichtig, wenn er den Import auch nicht auf null stellen will. Das wäre nach Schäfer auch gar nicht möglich. Der Einsatz in den Fruchtfolgen sei begrenzt. Die Europäer könnten aber deutlich mehr Leguminosen anbauen. In Rumänien und Ungarn würden nach Krön rund 100 Millionen Hektar landwirtschaftliche Fläche nicht voll ausgenutzt. Dr. Andrzej Gasowski, Politikprofessor an der Cardinal Wyszynski Universität in Warschau, blickt auch noch auf Flächen in Russland und der Ukraine.

Das Thema ist nicht neu, kritisiert der Europagrüne Martin Häusling. Doch die EU habe in den letzten Jahren keine Anreize für den Ausbau heimischer Eiweißpflanzen gesetzt. Für den Abgeordneten Paolo de Castro, Sozialdemokrat aus Italien, könnte auch ein Importverbot von GVO-Soja den heimischen Anbau steigern. Das käme der regionalen Wirtschaft zugute, ergänzt Maria Pelletier von der französischen Mühle Marion bei Macon auf der Höhe von Genf. Das erhalte die Landwirtschaft im ländlichen Raum und sichere die andere Wirtschaft in der Nachbarschaft. Das Verschwinden der Landwirtschaft würde ein soziales Ungleichgewicht hervorrufen. Die Moulin Marion in einem Getreidebecken gelegen und über ein guten Straßennetz mit der Region verbunden bindet Landwirte, Saatguterzeuger, und viehaltende Betriebe in einer Wertschöpfungskette ein. Heimische Leguminosen befördern den Erhalt, was auch für die Ökobetriebe gelte. Pelletier möchte auch kein Bio-Soja mehr importiert wissen.

Integrierte Eiweißpolitik

Nicht nur Bernd Schäfer warnt vor der Illusion, alle Sojaimporte ersetzen zu können. Direktor David McNaughton der britischen Soya UK Ltd., weist auf den Zusammenhang zwischen Sojaimporten und Hochleistungstieren in den Bereichen Rinder, Schweine und Geflügel hin. Die Tiere sind auf bestimmte Aminosäuren für ihre genetisch bedingte Leistung angewiesen. Vor allem die Schwefelhaltigen Aminosäuren Methionin und Lysin sind auf dem hohen Leistungsniveau kaum zu ersetzen. Allerdings, so McNaughton, scheint die Lupine mit ihrem hohen Proteinanteil ebenfalls geeignet, einen Teil der Importe zu substituieren.

Am Ende braucht die EU endlich eine integrierte Eiweißpolitik, die über positive Nebeneffekte des Greenings hinausgeht. Für Matthias Krön geht es dabei weniger um das Soja, sondern mehr um neue und nachhaltige Anbausysteme, die auch mit Leguminosen für einen Systemwechsel stehen. Nicht nur in der EU, wie Krön betont, sondern auch in Südamerika.

Lesestoff:

[1] Donau-Soja

Roland Krieg

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