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Ökolandbau in den Entwicklungsländern?

Landwirtschaft

Nachhaltige Entwicklung in der Armutsbekämpfung

> Bis 2015 sollen acht so genannte Milleniumsziele die Welt lebenswerter gestalten. Eines davon, ist die Zahl der Hungernden gegenüber 1990 um die Hälfte zu reduzieren. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in ihrem 80-seitigen Zwischenbericht, der am 22. August in Genf vorgestellt wurde, ernüchternd festgehalten, dass dieses Ziel ?nach derzeitigem Stand nicht mehr eingehalten werden? kann, so der Direktor der WHO Lee Jong Wook. Immer noch hungern 850 Millionen Menschen. Die WHO sieht das Bevölkerungswachstum und schlechte Ernten in aufeinanderfolgenden Jahren als Ursache für diesen Stillstand. Lee Jong Wook fordert deutlich mehr Geld von den Industrienationen, um die Milleniumsziele doch noch zu erreichen.

Markt statt Almosen
Ende des Jahres steht in Hongkong die nächste Verhandlungsrunde der Weltwirtschaftsorganisation WTO an. Ganz oben auf der Agenda stehen der Abbau der Zölle und anderer Handelshemmnisse. Aber: ?Die Öffnung der Märkte bestimmt wie ein Dogma die Debatte?, beklagte Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf, Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) angesichts eines WTO-Vorbereitungstreffens Ende Juli in Genf. ?Wir erwarten, dass auch soziale und ökologische Kriterien mit verhandelt werden.?
Die AbL fordert einen ?Qualifizierten Marktzugang? für den ?gemeinsame Regeln entwickelt werden (müssen), wie der Marktzugang einer sozialen und umweltverträglichen Entwicklung in Nord und Süd am meisten dienen kann?. Ökolandbau im drängenden Kampf gegen Hunger und Unterernährung?

Hunger ist kein technisches Problem
Die Hälfte der verzehrten Weltkalorien stammt aus nur drei Nahrungspflanzen: Reis, Weizen und Mais. Angesichts von 30.000 verfügbaren und rund 7.000 tatsächlich genutzten Kulturpflanzen ist das eine sehr starke Einschränkung. Gerade kleinbäuerliche Strukturen nutzen eine größere Anbauvielfalt, weswegen die Bewahrung und Förderung vieler unterschiedlicher Nahrungspflanzen den traditionellen Strukturen in der Landwirtschaft eher entspricht als eine industrialisierte Produktionsform. Bereits auf der diesjährigen Nürnberger BioFach stellten der Naturschutzbund (NABU), Naturland, Misereor, der WWF und der evangelische Entwicklungsdienst ihre gemeinsame Studie ?Ökologische Landwirtschaft ? Ein Beitrag zur nachhaltigen Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern?? vor (Herd-und-Hof.de vom 25.02.2005). Darin heißt es: ?Die Mehrzahl der armen Menschen auf der Welt lebt direkt oder indirekt von der Landwirtschaft, so dass Strategien einer nachhaltigen Förderung ländlicher Gebiete entscheidend zur Hungerbekämpfung beitragen müssen. Außerdem sind Hunger und absolute Armut wesentlich ein Phänomen von marginalen Gebieten, die ökologisch stark gefährdet sind. Hier muss Produktivitätssteigerung und Umweltschutz bzw. Umweltrehabilitierung Hand in Hand gehen. Es gibt kaum eine alternative, als dies mit Ökologischer Landwirtschaft zu versuchen.? Die Erhöhung der nationalen Nahrungsmittelproduktion stehe dabei im Vordergrund. Der Ökolandbau ermögliche, dieses ohne teure Betriebsmittel zu realisieren.

Schwerpunkt in ?Ökologie & Landbau?
Die Zeitschrift ?Ökologie & Landbau? widmet ihren Themenschwerpunkt in ihrer neuesten Ausgabe (135; 3; 2005) dem Bio-Landbau als Chance für eine nachhaltige Entwicklung. Zur Einführung gibt der Schweizer Agrarwissenschaftler Lukas Kilcher vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) einen Überblick:
Bio-Bauern in den Tropen machen sich die ganzjährige Vegetationszeit mit mehrdimensionalen Anbausystemen gegenüber den stark vereinfachten Anbaufolgen zu Nutze: Mit Agroforstsystemen, die landwirtschaftliche Kulturen unter Schattenbäume und im ausgelichteten Wald führen, dem Intercropping als zeitweise oder permanente Kombination verschiedener Kulturen und der Rotation, dem Fruchtfolgeanbau.

?Bio-Bauern in den Tropen kombinieren diese drei Varianten zu einer optimalen Mischung aus Diversität an Ort und Diversität an Zeit. Kubanische Produzenten überführen zum Beispiel ihre intensiven Zitrusplantagen in mehreren Schritten in ein Intercropping-System: Der Reihenabstand wird von sechs auf neun Meter erhöht, um eine bessere Durchlüftung zu ermöglichen und Platz für andere Pflanzen zu schaffen. In den neuen Zwischenräumen werden junge Bäume gepflanzt, zusammen mit Bohnen für Selbstversorgung und Leguminosen für Futterzwecke. Die großen Parzellen (über 100 Hektar) werden eingeteilt in kleinere ?Produktionsmosaike? (zwei bis zehn Hektar); Hecken ? zum Beispiel aus Palmen, Mangos und Avocados ? werden angebaut. Sobald nach etwa drei Jahren die jungen Zitrusbäume in Produktion sind, werden statt Bohnen Futterleguminosen angebaut, da Bohnen zu stark in Bewirtschaftungskonkurrenz zu Zitrus stehen. Bei nicht maschineller Boden- und Baumpflege sind jedoch Bohnen, Mais und Gemüse weiterhin möglich. Einige Bio-Produzenten halten auch Schafe zwischen den Zitrusbäumen.?

Bio-Bauern schonen Ressourcen
?Geschlossene Nährstoffkreisläufe und eine effiziente Nutzung lokaler Ressourcen ? zum Beispiel Kompost, Mist oder Saatgut ? sind insbesondere für Subsistenzbauern wichtig, welche mit dem Wenigen, das sie selbst haben, auskommen müssen. Der Zukauf betriebsfremder Hilfsstoffe ist für diese Bauern meist unerschwinglich. Bio-Landbau bedeutet für sie angepasste Technologie, mehr Unabhängigkeit und einen Ausweg aus der Schuldenfalle.?
So haben ?32 Bio-Bauern des Dorfes Tekelioglu (Izmir, Türkei) gemeinsam mit ihrem Abnehmer Rapunzel Türkei ein Projekt initiiert, um die Bodenfruchtbarkeit durch die Anwendung von Kompost zu verbessern. Vor der Umstellung haben die Bauern mit leicht löslichen synthetischen Düngern gearbeitet und den Mist ihrer Kühe eher als Abfall behandelt. In dem Projekt wurde ein zwei Hektar großer Kompostplatz mit Rotteplatte und Kompostumsetzer angelegt und eine optimale Kompostmischung aus lokal erhältlichen Rohmaterialien (Mist, Stroh, Grünabfälle) gefunden.?

Selbstkritik
Lukas Kilcher stellt allerdings auch einige kritische Fragen aus Sicht der Entwicklungszusammenarbeit:
?Brüssel, Tokio und Washington? definieren den Bio-Landbau weltweit. Wie können Produzenten künftig besser an der globalen Richtliniendiskussion teilhaben und ihre eigenen Richtlinien entwickeln?
Kontrolle, Zertifizierung und Akkreditierung werden immer komplexer und zu wachsenden Hürden speziell für Kleinbauern in Entwicklungsländern. Wie können die zuständigen Organisationen die gegenwärtige Diskussion um Richtlinien-Harmonisierung stärken und auf die Themen Zertifizierung und Akkreditierung ausdehnen?
Bio-Landbau ist eine wissensintensive Anbauform und verlangt spezifische Inputs. Wie können Forschung und Entwicklung den Zugang zu den Methoden des Bio-Landbaus, zu Produktionsmitteln wie Saatgut und biologischen Pflanzenschutz verbessern?
Erreicht der biologische Landbau die ärmsten der Armen? Sind nicht zertifizierte ?Low-external-Input-Systeme? für viele arme Bauern eine bessere Alternative??

Zur weiteren Lektüre:
Die Studie Ökologische Landwirtschaft gibt es unter www.forumue.de
Das aktuelle Heft ?Ökologie & Landbau? mit dem Themenschwerpunkt ?Ernährungssicherung und Ökolandbau? gibt es unter www.oekom.de/zeitschriften/oekologie-landbau zu bestellen. Die Auszüge aus dem Einführungsartikel von Lukas Kilcher wurden freundlicherweise vom Verlag genehmigt.

VLE

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