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Ökolandbauforschung: Von der Strategie zur Politik

Landwirtschaft

Kommt ein Bundeskompetenzzentrum Ökolandbauforschung?

„Mir liegt viel daran, über die Frage der politischen Rahmenbedingungen zu reden.“ Mit diesem Satz nahm Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt am Dienstag die Forschungsstrategie der Deutschen Agrarforschungsallianz „DAFA“ auf [1]. Vor dem letzten EU-Agrarrat hat sich Schmidt zu 20 Prozent Ökolandbau ausgesprochen – im Gegensatz zu Renate Künast wohlweislich ohne Angabe eines Zeitfensters für die Realisierung. Mit der umfangreichen und systemaren Forschungsstrategie will Schmidt auch keine „Sonderthematik“ gegenüber dem konventionellen Landbau manifestieren: „Mit geht es darum, keine Gräben aufzureißen, sondern Gräben zuzuschütten.“

Ob das mit der DAFA-Arbeitsstrategie gelingt? Die Beteiligten werden darüber streiten müssen. Die Strategie sieht keine Regenwurm- oder Ökoschweinforschung vor, sondern stellt die Forschung auf das Selbstverständnis der Ökowirtschaft ein. Wer für ein Produkt forscht, der wird auch die Themen Verarbeitung und Verpackung aufnehmen müssen. Deshalb hat die DAFA-Strategie keine „Spiegelstrichsammlung“ von Forschungsthemen, sondern ein spezielles Wissenschaftsverständnis für die Ökowirtschaft.

Verbesserungs- und Nachholbedarf

Leider verliert der Blick in eine Richtung etwas anderes aus dem Sichtfeld. Unbestritten hat der Ökolandbau Verbesserungspotenzial. Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstand Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, sprach bei der Vorstellung seines Buches „Food Crash“ schon vor vier Jahren von einer notwendigen „Ökologischen Intensivierung“ [2]. Geringere Erträge werden mit einem hohen Flächenbedarf erzielt.

Aber: In der Guten Fachlichen Praxis setzt der konventionelle Landwirt ein chemisches Mittel gegen einen Schaderreger nur mit Unterstützung einer Fruchtfolgeerweiterung, Bodenbearbeitung und eines Sortenwechsels ein. Auch das ist ein systemarer Ansatz. Hier ist ein Wechsel in der Forschung dringend notwendig. Dr. Jens Radtke vom Länderinstitut für Bienenkunde in Hohen Neuendorf beklagte am Wochenende auf der Brandenburgischen Landwirtschaftsausstellung, dass die Forschung über Wirkstoffe in den Händen der Wirkstoffverkäufer liege. Negative Effekte von einer Überdosierung bis hin zu Gewässerbelastungen bleiben Forschungsinstituten wie der Universität Koblenz-Landau vorbehalten, die sogar Änderungen im Zulassungsverfahren einfordert. Die Trennung von Verkaufs- und Schadensforschung ist kein systemarer Forschungsansatz.

Wenn beide Bewirtschaftungsformen diesen Ansatz verfolgen sollen, wird es ein „Bundeskompetenzzentrum für den Ökologischen Landbau und weiterer Formen der nachhaltigen Landwirtschaft“ geben müssen. Für eine Vergabe von Planstellen sei zu früh, sagte Schmidt zu Herd-und-Hof.de. So ein Zentrum werde es aber auch nicht geben. Dr. Löwenstein schmuggelte sich um ein klares „Ja oder Nein“ herum. Offenbar ist das „B-Wort“ ein Störenfried in der Diskussion.

Bis 2011 hatte der Ökolandbau das Bundesprogramm Ökologischer Landbau für sich alleine. Danach wurde es für „andere Formen der nachhaltigen Landwirtschaft“ geöffnet und sorgte für einen Aufschrei in der Ökobranche. Schon die Namensgebung für ein Bundeskompetenzzentrum würde die Emotionen wieder aufkochen lassen. Daher bleibt es eine schwierige Aufgabe, die vorliegende Forschungsstrategie gegenüber der Öffentlichkeit so zu kommunizieren, dass daraus keine Abwertung des konventionellen Landbaus entsteht.

Fokus Grundlagenforschung

Außerdem soll die Forschungsstrategie „System Ökolandbau“ nicht Angebot und Nachfrage zusammenbringen, sagte Dr. Löwenstein am Dienstag. Das müsse der Markt alleine richten. Wohl aber solle die Politik den starken Nachfrageimpuls der Verbraucher aufnehmen und aus den Forschungsergebnissen politische Aufgaben ableiten.

Ein erster Schritt zur Nivellierung von Gräben könnte die noch immer offene Kompensationsverordnung sein. Schmidt habe sich mittlerweile mit Bundesumweltministerin Barbara Hendricks auf einen neuen Ansatz beim Thema Flächenverbrauch geeinigt. Naturschutzmaßnahmen sollen nicht mehr separat mit einem zusätzlichen Verlust an Ackerfläche zur Pflicht werden, sondern innerhalb der Fläche, die neu genutzt werden wird.

Gemeinsame Maßnahmen für ökologischen und konventionellen Landbau findet auch Dr. Löwenstein. Der Erhalt von Biodiversität oder Gewässerschutz müssten in die Marktwirtschaft als Leistungen eingepreist werden [3].

EU-Ökoverordnung

Egal wie das Forschungs-Programm Ende 2015 aussieht. Für die Umsetzung sind politische Rahmenbedingungen notwendig. Daher schaute am Dienstag auch jeder nach Brüssel, wo die bestehende EU-Ökoverordnung noch in Revision ist. Der heftige Widerstand hat Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker veranlasst, die Verordnung von der Tagesordnung zu streichen, sofern es bei der Annäherung der Positionen bis Sommer 2015 keine Fortschritte gibt. Beim letzten EU-Agrarrat bezogen Schmidt, Amtskollegin Sharon Dijksma aus den Niederlanden und Österreichs Agrarminister Andrä Rupprechter mit einem „Nein“ eine klare Verhandlungsposition zur Verordnung [4]. Plus: 300 Änderungsanträge, die der grüne Europaabgeordnete Martin Häusling schon für die Triloge ausgearbeitet hat. Ist das eine Verzögerungstaktik, die jetzige Kommissionsvorlage höflich austrudeln zu lassen? „Das ist nicht in unserem direkten Sinne“, unterstrich Dr. Löwenstein. Wenn aber eine Revision absehbar ist, die den Ökolandbau benachteilige, „muss man das Scheitern in Kauf nehmen.“

Lesestoff:

[1] Forschung zum „System Ökolandbau“

[2] Ökologisch oder gar nicht

[3] Inwertsetzung der Natur: Es fehlt nur noch die politische Umsetzung

[4] Keine Fortschritte bei der EU-Ökoverordnung

Roland Krieg

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