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„One apple a day keeps Putin away”

Landwirtschaft

Zehn EU-Millionen für deutsche Obstvermarktung

Die Frucht der Erkenntnis wird in der Bibel botanisch nicht spezifiziert. Es war wahrscheinlich die Quitte, die Adam und Eva vernaschten. Der Apfel stammt aus Kasachstan. Alma Ata heißt übersetzt „Vater der Äpfel“ und diese reisten wohl in Satteltaschen gen Westen. Seit Wochen ist Malus sieversii, wie der Apfel heißt, zu einem politischen Symbol gegen Putin geworden. So konnte sich auch Bundesland-wirtschaftsminister Christian Schmidt am Mittwoch den Biss in den süßen Apfel nicht verkneifen, als er die Auswirkungen des russischen Importstopps mit Vertretern der Obst- und Gemüsebranche erläuterte.

Zehn Millionen Euro Vermarktungsgelder

Die Branche müsste Putin sogar dankbar sein, denn die Ernte 2014 wird für Obst und Gemüse gut bis sehr gut. In Europa werden zwischen 12 und 15 Prozent mehr Äpfel als im Vorjahr geerntet. Das sind rund eine Million Tonnen zusätzlich, die auf den Markt drücken. Ein Überangebot gibt es auch bei Paprika, deren Preis vor Wochen bereits ohne Putin in den Keller rauschte. Jens Stechmann, Vorsitzender des Bundesausschusses Obst und Gemüse beim Deutschen Bauernverband, gibt auch unumwunden zu, dass es diesmal ein schwieriges Vermarktungsjahr wird. Putins Agrarpolitik setze dem nur noch eins drauf. Die EU hat bereits ein Vermarktungspaket in Höhe von 125 Millionen Euro geschnürt und Schmidt will die entsprechende Eilverordnung zur nationalen Umsetzung noch Anfang der nächsten Woche veröffentlichen. Er rechnet mit zehn Millionen Euro für Deutschland.

Schmidt will das Geld vor allem in das Schulfruchtprogramm stecken und kostenfreies Schulobst nicht nur in den Grundschulen verteilen lassen. Die teilnehmenden Bundesländer müssen es derzeit zur Hälfte kofinanzieren. Möglicherweise wird das reduziert. Spätestens auf der Agrarministerkonferenz in der nächsten Woche hat Schmidt Gelegenheit, mit seinen Länderkollegen darüber zu reden.

Wie hoch der Schaden wirklich ist, bleibt schwer zu berechnen. Allein die Niederländer berechneten in dieser Woche ihren Schaden auf 300 Millionen Euro. Im Rahmen der Demonstration des europäischen Bauernverbandes wurde die Gesamtsumme auf 400 Millionen Euro beziffert. Auf jeden Fall mehr, als im GAP-Krisenfonds vorhanden ist.

Katalysator Putin

„One apple a day keeps Putin away“, formulierte Schmidt sein Motto. Putin kommt der Branche aber auch deshalb zur rechten Zeit, weil der Konsum des Obst- und Gemüseverzehrs seit Jahren stagniert und keine bisherige Werbekampagne mehr Äpfel, Tomaten, Kohl und Co. auf die Teller gezaubert hat. Die Branche will mehr Konsum und Putins Agrarpolitik „beschleunige“ die Umsetzung nur noch, so Schmidt. Die Gelegenheit für einen „tiefgreifenden Wandel“ der Branche sei reif. Auch die Betriebe müssten umdenken und diversifizieren. Wer nur an einen Kunden geliefert habe, der stehe nun vor einem Problem.

Was macht der deutsche Handel?

In Österreich hat sich der Lebensmittel-handel bereits mit den Obstbauern solidarisiert und bietet bevorzugt österreichische Ware an, die jetzt nicht mehr nach Moskau geht. Hofer, wie Aldi in Österreich heißt, soll sogar die Äpfel zum halben Preis anbieten. Angeblich bei vollem Preis für die Erzeuger. Trotz wiederholter Anfrage von Herd-und-Hof.de hat Hofer zu dieser rechtlich bedenklichen Handelssubventionierung keine Stellung bezogen.

Der deutsche Handel hält sich zurück und Schmidt will in den nächsten Tagen die Möglichkeiten für die hiesigen Frischobstabteilungen ausloten. Es geht dabei jedoch mehr um das generelle Thema, Frischware nicht weiter zu Tiefpreisen anzubieten. „Die Instrumente für die Politik sind gering“, räumt Schmidt ein. Aber neben den Verbrauchern ist der Handel eine weitere Adresse, den Verzehr von Obst und Gemüse zu steigern. Ob sich am Ende höhere Preise wirklich durchsetzen lassen, bleibt fraglich.

Mehr indirekte Effekte in Deutschland

Deutschland liefert mit 25.000 Tonnen Äpfel und 13.500 Tonne Kohl insgesamt nur geringe Volumina nach Russland. Der deutsche Markt ist angesichts der guten Ernte vor allem indirekt durch das Lieferverbot betroffen. Polen verkauft nach Stechmann jährlich rund 500.000 Tonnen Äpfel an Russland. Die wollen jetzt woanders untergebracht sein. Im Vergleich: Deutschland erntet in diesem Jahr prognostizierte 900.000 Tonnen Äpfel. Da muss ein gemeinsames Ventil her. In der EU ist Deutschland mit fünf Millionen Tonnen Frischobst und drei Millionen Tonnen Frischgemüse sowieso schon der größte Importeur. Mit Taiwan wurden gerade die letzten phytosanitären Abkommen abgeschlossen und Schmidt reist in Kürze nach China. Neue Märkte stehen also bereit.

Russland trifft es mehr

Bei der ganzen Aufregung um die Situation, sind Schmidt und Stechmann optimistisch, dass die europäischen Marktverzerrungen nur temporär bleiben. Hingegen fürchtet Schmidt, dass die russischen Verbraucher ärger betroffen sind. Bislang sind Lebensmittel um sechs bis zehn Prozent teurer geworden und würden in den nächsten Wochen noch weiter steigen. Da Russland in seinen Importbann auch Nordamerika, Norwegen und Australien einbezogen hat, koppelte sich das Land von großen Teilen des Weltmarktes ab, fasste Schmidt zusammen. Obwohl Russlands Selbstversorgungsgrad gerade einmal bei 60 Prozent liege.

Schmidt sprach auch das Problem des „Durchhandelns“ an. Wo ein Embargo ist, gibt es auch eine Umleitung. Weil es keine „Endverbleibsklausel“ bei Agrarprodukten gebe, stünden in der freien Wirtschaft Umwege über andere Länder nichts im Wege. Allerdings unterstrich Serbien vor Kurzem, dass sie keine polnischen Äpfel nach Russland weiterverkaufen werden. Sie gefährdeten damit einen ihrer Wachstumsmärkte, wenn die Russen das bemerkten.

Roland Krieg; Fotos: roRo

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