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P.S. Naturbewusstseinsstudie

Landwirtschaft

Was ist Natur?

Den Befragten in der Naturbewusstseinsstudie 2019 [1] fallen ausschließlich wohl besetzte und unklar definierte Begriffe zum Stichwort Natur ein. In absteigender Reihenfolge nennen die meisten die Begriffe Landschaft, Tiere/Lebewesen, Pflanzenwelt gefolgt von Erholung, Freizeit und Naturerleben auf Rang vier. Schon das Meer hat bei 13 Prozent der Menschen einen schweren Stand. Eine Nutzung fällt elf Prozent der Befragten ein, fast so viel wie Naturkatastrophen und Umweltzerstörung (8 %). Dabei hat der Begriff „wilde Natur“ sogar noch zugenommen, obgleich wohl die wenigsten wissen dürften, dass standortbedingte Waldgesellschaften die Klimaxvegetation Europas sind. Wild wollen es die Hedonisten und Vertreter im sozialökologisch orientierten Milieu. Bei den Traditionellen und Prekären ist die Wildheit der Natur unterrepräsentiert.

Natur als Lebensraum oder Natur als gefährlicher Ort?

Die Natur ist mehr als „Schönheit der Landschaft“. Der gestiegene Anteil von Menschen von 63 auf 75 Prozent, die Natur zu schützen, ist deutlich. Aber welche Natur haben die Menschen im Blick? Erhabenheit, Lebensraum und Quelle von tierischen und pflanzlichen Nahrungsmitteln sind die eine Seite. Vom Vulkanausbruch in Pompeji über den Tsunami 2004 bis zur aktuellen Pandemie zeigen auch die Gefahren der Natur auf. Ohne wissenschaftliche Erkenntnisse musste der Mensch bis in das 18. Jahrhundert hinein landwirtschaftliche Erträge „der Natur entreißen“ und war Witterung und Schädlingen meist hilflos ausgeliefert. Ist die Naturbewusstseinsstudie nicht der Romantisierung der Natur zum Opfer gefallen?

Prof. Dr. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz und Peter Südbeck, Vorsitzender des Verbands „Nationale Naturlandschaften“ haben die Studie gemeinsam vorgestellt und die Nachfragen von Herd-und-Hof.de beantwortet:

Beate Jessel

Prof. Dr. Beate Jessel:

„Aber welche Natur haben die Menschen im Blick?

„Was ist Natur? – Diese Frage ist bekanntermaßen ein weites Feld, für uns Menschen persönlich bis hinein in die Philosophie. Um ein Gespür dafür zu bekommen, „welche Natur die Menschen im Blick haben“, stellen wir ihnen im Rahmen der Naturbewusstseinsstudie bewusst sogenannte offene Fragen, zu denen sie frei assoziieren dürfen und sollen. So haben wir in der aktuellen Studie gefragt, was den Menschen „ganz spontan zum Thema Natur einfällt“. (Seite 44, Abb. 14). An den Antworten sehen wir, dass sich die Befragten nicht mit philosophischen Überlegungen zum Naturbegriff aufhalten, sondern ganz konkrete Naturassoziationen und-objekte aus ihrer Alltagserfahrung nennen, Tiere und Pflanzen etwa. Aber auch Fragen der Erholung spielen in der „Alltagsnatur“ eine große Rolle, vergleichsweise wenig genannt werden hingegen Begriffe, die sich mit Nutzung oder Naturzerstörung verbinden. Vielleicht liegt dies daran, denn das bestätigen unsere und auch andere Studien, dass Natur bei den meisten Menschen in Deutschland grundsätzlich positiv besetzt ist – trotz Klimakrise oder Insektenrückgang. Die überwältigende Mehrheit der Befragungen hat uns über alle unsere Studien hinweg immer wieder bestätigt, dass die Menschen „die Natur lieben“, die positive Grundhaltung also überwiegt."

„Ist die Naturbewusstseinsstudie nicht der Romantisierung der Natur zum Opfer gefallen?

„Dies ist eine interessante und wichtige Frage, die wir uns seit der ersten Studie auch immer wieder stellen. Dazu möchte ich zwei Punkte aufgreifen.

„Erstens: Insbesondere sehen wir natürlich die Diskrepanz zwischen sehr positiven Einstellungen zur Natur und den zeitgleichen Handlungen und Entscheidungen zum Schaden der Natur, sowohl im Alltagshandeln vieler Menschen als auch in der Politik. Auf dieses Paradoxon, die widersprüchlichen Verhältnisse der Mensch-Natur-Beziehung, können wir mit der Studie zwar hinweisen, wir können es aber natürlich allein nicht lösen oder gar vollständig erklären. Im Übrigen ist dies auch nicht alleine ein Phänomen im Naturschutz, sondern auch in vielen anderen Gesellschafts- und Politikfeldern wie der Gesundheit oder dem Konsum- und Mobilitätsverhalten zu finden.

„Zweitens: Unsere zweijährlichen Studien sind wissenschaftlich angelegt und sollen mithilfe von Wiederholungsfragen auch langfristige Trends und Entwicklungen abbilden. Dabei spielen die Entwicklungen bzw. möglichen Veränderungen der Naturverständnisse bzw. der Naturschutzverständnisse in der Gesellschaft über die Zeit eine wichtige Rolle. Bislang sehen wir hier allerdings erst vereinzelt Veränderungen, die noch keine großen Schlussfolgerungen zulassen. Für derartige Aussagen ist unsere Beobachtungszeit (seit 2009) noch viel zu kurz.“

Peter Südbeck

Peter Südbeck:

„Die Naturbewusstseinsstudie zeigt uns, dass sich die Menschen immer mehr auf die Natur besinnen, ihren Wert schätzen und sich für sie engagieren möchten. Es stimmt, dass Schutzgebiete als Sehnsuchtsorte und Orte der Rückbesinnung wahrgenommen werden. Sie besitzen als Ruheräume eine heilende Funktion. Doch die Bevölkerung ist sich auch mehr und mehr deren Funktionen bewusst: Sie sind Referenzstandorte zur Erforschung natürlicher Prozesse, Bildungsorte, Erholungs- und Erlebnisräume und vor allem Refugien vieler seltener oder bedrohter Tier- und Pflanzenarten. Die Regionalentwicklung in sowie im Umfeld von Schutzgebieten profitiert ebenso.

Die Menschen verstehen, dass Natur mehr ist, als die „Schönheit der Landschaft“ und der Erhalt der Natur ganz wesentlich der Zukunftssicherung unserer Gesellschaft dient.

„Gerade im Blick auf die derzeitige Pandemie ist den Menschen die Gefährdung der Natur immer bewusster und der Naturschutz wichtiger geworden. Die Bevölkerung hat erkannt, dass Schutzmaßnahmen erforderlich sind. Regeln in Schutzgebieten werden weitestgehend akzeptiert. Ausnahmen gibt es natürlich immer, aber viele sehen, dass es so nicht weitergehen kann und befürworten einen Schutz der Natur, wollen sich sogar selber aktiv dafür einsetzen.

„Das zunehmende Interesse an Informationen über Lebensräume und Arten sowie die Nachfrage nach Engagementangeboten zeigt uns, dass die Menschen nicht nur eine romantisierte Vorstellung von der Natur haben. Nur wenn wir die Natur schützen, können wir zukünftig sicherstellen, saubere Luft, sauberes Wasser und gesunde Böden zu erhalten und nutzen zu können.  Wir müssen verstehen, dass der Mensch ein Teil der Natur ist und nur mit ihr leben kann und nicht gegen sie. Der wissenschaftliche und technische Fortschritt hat dem Menschen erlaubt, sich den Widrigkeiten der Natur zu entziehen, doch führt er mehr und mehr zur Entfremdung und Ausbeutung unserer Lebensgrundlage. Dies darf der Mensch aber nicht weitertreiben. In den Schutzgebieten fördern wir deswegen eine Forschung, die den Prinzipien einer sich selbst organisierender Natur nachspürt, aber auch nachhaltiges Wirtschaften erlaubt. Die Bevölkerung ist sich darüber bewusst, dass wir unsere Lebensgrundlage schützen müssen, auch im Hinblick auf nachfolgende Generationen. Der Zuspruch für die Aufgaben der Schutzgebiete steigt. Das freut uns als Verband natürlich und stärkt uns in unserem Vorhaben und Bemühungen, unsere Lebensgrundlage zu bewahren. Es ist ein Beweis für die hervorragende Arbeit der Schutzgebiete.

„Naturerleben und Naturschützen sind zwei Seiten derselben Medaille, deren Balance es zu wahren gilt. Zur Erreichung dieses Zieles ist nicht nur ein Rückhalt aus der Politik, sondern auch aus der Gesellschaft notwendig. Die Naturbewusstseinsstudie gibt uns das klare Signal, dass wir auf dem richtigen Weg sind. „

 

Vielen Dank für die Antworten

Lesestoff:

[1] Natur ist ein hohes Gut für die Bundesbürger: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/die-natur-und-das-bewusstsein.html

Roland Krieg; Fotos: BfN und Nationale Naturlandschaften

© Herd-und-Hof.de Nutzungswünsche: https://herd-und-hof.de/impressum.html

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