Menü

Plastidentransformation gegen Auskreuzung?

Landwirtschaft

Groß Lüsewitz mit neuen Projekten

Das AgroBioTechnikum Groß Lüsewitz lud am Dienstag zu einem Medienabend nach Rostock, um Bilanz der zweijährigen Kartoffelversuche zu ziehen und neue Forschungsprojekte vorzustellen. Prof. Dr. Inge Broer von der Agrarfakultät Rostock hob hervor, dass besonders zwei Aspekte der Gentechnikgegner eine sensible Sicherheitsforschung bedürfen: Die Bildung von allergenen Proteinen, wie bei der Kreuzung zwischen Ackerbohne und Erbse, und Auskreuzung in konventionelle und ökologische Bestände.

Männliche Sterilität und Plastidentransformation
Gentechnisch veränderte Pflanzen mit sterilem Pollen können sich nicht mehr vermehren. Darüber gibt es bereits verschiedene Grundlagenforschungen. Auf den Versuchsflächen in Mecklenburg-Vorpommern soll drei Jahre lang Mais mit „cytoplasmatisch männlicher Sterilität“ Daten liefern, inwieweit diese tatsächlich die Auskreuzung verhindern kann. Dazu wird weiß- und gelbfarbener Mais, jeweils ohne gentechnische Veränderung, nebeneinander ausgesät. Der sterile Gelbmais wird vom Weißmais umrandet. Die Anzahl gelber Körner im weißen Mais soll dann einen Anhaltspunkt darüber geben, welches Ausmaß eine Auskreuzung hatte und daher welche Stabilität die Sterilität unter „Alltagsbedingungen“ aufweist.
Die zweite Idee, gentechnisch veränderte Pflanzen an der Ausbreitung zu hindern ist die so genannte Plastidentransformation. Sie fußt auf die verschiednen Orte der DNS in der Zelle. Nicht nur der Zellkern ist Träger der DNS, sondern auch die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zelle, und die Chloroplasten, in denen die Photosynthese abläuft. Sowohl Mitochondrien als auch Chloroplasten waren nicht von Beginn an in der pflanzlichen Zelle, sondern sind später, so die Theorie, eingewandert und als Zellbestandteile integriert worden.
Daher können gentechnisch veränderte Erbanlagen bei gleicher Wirkung auf die Pflanze also auch in den Chloroplasten eingesetzt werden. Der Vorteil liegt darin, dass sie nicht in den Pollenzellen vorkommen und nicht an die Nachfolgegeneration weiter gegeben werden.
Es werden auf den Versuchsflächen Arabidopsis thaliana, die Ackerschmalwand, und die Petunie eingesetzt und im Gewächshaus ein Sommerraps. Letztlich soll geprüft werden, inwieweit die gentechnisch veränderten Erbinformationen auch tatsächlich in den Plastiden bleiben und nicht in den Zellkern wandern.
In einem dritten Forschungsprojekt vergraben die Wissenschaftler Kartoffeln. Bei der Kartoffelernte bleiben immer einige Knollen im Boden, was bei gentechnisch veränderten Pflanzen als Risiko angesehen wird. Die Lüsewitzer Kartoffeln, die den biologisch abbaubaren Rohstoff „Cyanophycin“ , mit bis zu fünf Prozent in der Trockenmasse produzieren, sollen auf ihre Winterfestigkeit hin getestet werden. Solche Mengen verändern das Überwinterungsverhalten, aber Dr. Broer kann nicht sagen in welche Richtung: Überwintern oder Absterben? So werden im Frühjahr die in verschiedenen Tiefen abgelegten Knollen wieder hervorgeholt und nachgeschaut, was von ihnen noch übrig ist. Des Weiteren wird geprüft, ob die Knollen eine unerwünschte Wirkung auf Regenwürmer haben.

Das Brandenburger Agrarministerium hat jetzt den Abstand zwischen einem Feld mit gentechnisch veränderten Mais und einem Naturreservat mit 800 Meter festgelegt.
Prof. Dr. Ingolf Schupahn vom RWTH Aachen hält solche besonderen Maßnahmen für unnötig. „Es ist eine politische Entscheidung“, sagte er in einem Interview diese Woche. „In der Nähe des Maisfeldes [5 m; roRo] wurden 175 Gesamtpollen pro Quadratzentimeter gemessen. Der Anteil von Bt-Mais lag dabei zwischen etwa zehn und dreißig Prozent. In 120 Meter Entfernung waren es zehn Pollen je Quadratzentimeter, also ein bis drei Bt-Maispollen pro Quadratzentimeter.“ Effekte auf den Monarch-Falter seien erst ab tausend Pollen je Quadratzentimeter gefunden worden.
Die Studie über den Pollenflug im Ruhlsdorfer Bruch können Sie unter www.nabu.de einsehen.
roRo

Keine Wirkung auf Mäuse
Vor zwei Jahren hatten Freisetzungsversuche in Groß Lüsewitz mit verschiedenen Kartoffeln begonnen. Die Pflanzen haben sich nach Angaben Dr. Broer nicht von den konventionellen Kartoffeln in Wuchs und Verhalten unterschieden. Die Ernte wurde zerkleinert, getrocknet und in überdimensionierter Menge von 20 Prozent verfüttert. Der Kot der Mäuse und ihre inneren Organe wurden untersucht, was keine Unterschiede zu den Kontrollmäusen hervorgebracht hat. Bislang haben die Versuche gezeigt, dass eine kleine vom Menschen verzehrte Menge gefahrlos sei. Um sich diesem Ergebnis anzunähern, müssen als nächstes Versuche bei größeren Tieren, wie Schweinen durchgeführt werden. Für die dann erforderlichen Futtermengen reiche aber die Ernte eines Testfeldes nicht aus.
Mit den Analysen wollte Groß Lüsewitz auch zeigen, dass sie seitens der Analytik die gleiche Prüfsensibilität erreichen können, wie bei der Arzneimittelprüfung.
Besonders umstritten war die Freisetzung der Kartoffel mit dem Antigen für den Impfschutz der Kaninchenkrankheit. Dr. Broer wies noch einmal darauf hin, dass die so genannte „Impfbanane“, mit der man sich beim Verzehr gleich gegen eine Krankheit impfen kann, „völlig illusorisch“ ist. Die Versuche sollen zeigen, dass es generell geht, Antigene und ihre Wirkung über eine Vegetationsperiode in der Pflanze aufrecht zu erhalten.
Der „Zugewinn“ ist groß, fasst Broer zusammen. Es soll eine Alternative zu dem herkömmlichen Prozess sein, Kaninchen zunächst krank zu machen, den Virus aus der Leber zu isolieren und aufzubereiten. Die Aufbereitung ist besonders wichtig, um anderweitige Erkrankungen auszuschließen. So besteht beispielsweise bei der Blutübertragung die Gefahr, auch Gelbsucht mit zu übertragen. Zudem kann der Impfstoff im Pflanzensamen ohne Kühlung länger gelagert werden, als die Seren im Impfstofflager. Die Aufbereitung entfiele komplett.

Monsanto verhält sich „politisch sehr unglücklich“
Herd-und-Hof.de fragte Dr. Broer nach einer Einschätzung zu den strittigen Angaben der Firma Monsanto im Monitoringplan. Dr. Broer verteidigt das Konzept, weil es völlig richtig ist mit wissenschaftlichen Stellen zusammen zuarbeiten und auf bestehende Ergebnisse zurückzugreifen. Man müsse allerdings die Stellen auch vorher fragen. So wie es gelaufen ist, sei es „politisch sehr unglücklich“, sagte Broer. Das BVL würde mit den Angaben nicht fahrlässig umgehen und mache eine gute, sachliche Arbeit.
Für Verbraucher sei es schwierig, die Inhalte der molekularen Gentechnik vollständig zu erfassen. Sie müssten den Vertrauen, die sich damit täglich beschäftigen. Dabei nahm die Wissenschaftlerin auch die Presse in die Pflicht, bei der Wiedergabe von Argumenten und Gegenargumenten einmal auf den Wissenshintergrund zu schauen. Oft verlören Gegenargumente schnell ihre Kraft, wenn man sie hinterfragt. Viele halten Gentechnik für gefährlich, können aber nicht genau sagen warum.

Sicherheitsforschung
Am Montag hatte Bayerns Landwirtschaftsminister Josef Miller im Landtag die Sicherheitsforschung im Bereich der grünen Gentechnik bekräftig. Die Landessortenversuche einschließlich der vom Bundessortenamt zugelassenen gentechnisch veränderten Maissorten werden demnächst eingestellt. „Die bisher gewonnenen Erkenntnisse zeigen nach Aussage Millers keine Vorteile des BT-Mais gegenüber konventionellen Sorten. Auch weil die Haftung gesamtschuldnerisch und verschuldensunabhängig dem Landwirt angelastet wird, rät er vom Anbau gentechnisch veränderter Sorten ab. Hingegen will Miller die seit 2000 laufenden Langzeitversuche fortführen: „Die langfristige Dauerbeobachtung ist durch nichts zu ersetzen, denn es fehlen Langzeiterfahrungen.“ Sicherheitsforschung bleibt wichtig: „Nur durch einen neutralen staatlichen Versuchsaufbau ist gewährleistet, das wir uns nicht auf die Ergebnisse Dritter verlassen müssen, die möglicherweise nur wirtschaftliche Interessen verfolgen.“
In Rostock sagte Dr. Broer, dass die europäische Sicherheitsforschung, besonders die deutsche, weltweit an der Spitze stehe. Derzeit bemühen sich die Experten in Süd-Korea und China ähnlich hohe Standards einzuführen.

Lesestoff:
Anfang März gab es in Berlin eine Tagung zur Biosicherheit. Den Bericht finden Sie hier.

Roland Krieg

Zurück