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Platz ist auf der kleinsten Parzelle

Landwirtschaft

Hortisol ist Boden des Jahres 2017

Als im Neolithikum die Menschen mit dem Ackerbau begannen, war es zuerst sicher nur ein Garten. Ob der allerdings auf freiem Feld oder schon in der Nähe der Behausung lag bleibt offen, erklärte Prof. Dr. Hans-Heinrich Meyer von der Fakultät Landschaftsarchitektur und Gartenbau der FH Erfurt.

Doch schon die Gärten des Amun-Tempels in Karnak 1.400 v. Chr. und die Hängenden Gärten der Semirabis als Teil der acht antiken Weltwunder 600 bis 800 v. Chr. Sind berühmte Vorgänger der berühmten Klostergärten. Hildegard von Bingen hat in diesen Gärten Heilkräuter angebaut und der Mönch Walahfrid Strabo hat im Kloster Reichenau 838 streng geteilte Hochbeete mit Stallmist und Bewässerung kultiviert. Gärten waren in Schlössern und Burgen Aushängeschilder, die später im Barock zu reinen Ziergärten mutierten. Dafür bildeten sich rund um die Dörfer frühe Kleingartenanlagen, die Dorfkern und freie Feldflur teilten und den Menschen Platz für den Gemüsebau boten. Auf den beliebten Streuobstwiesen wuchs Obst heran. „Gartenstädte“ gab es bereits im 12. Und 13. Jahrhundert. Vor den Stadtmauern, selbst in den engen Gassen der mittelalterlichen Städten wurde gepflanzt, gejätet, bewässert und geerntet. Herdasche, flüssige Abfälle aus Kloaken, Küchenreste und Haushaltsabfall wurden in den Boden gemischt. Die Schrebergärten der Neuzeit dienten ebenfalls der Selbstversorgung und haben sich in der Bewirtschaftung kaum von ihren Vorgängern unterschieden.

Hortisole

So entstand unter den Wurzeln von Kresse, Zwiebeln, Kohl und Radieschen ein Boden, der wie Plaggenesch und Kolluvisol, zu den anthropogenen Böden gehört [1]. Der Boden ist das Spiegelbild der gärtnerischen Arbeit. Der Hortisol zeichnet sich durch einen humusreichen und mit Pflug bearbeiteten Oberhorizont auf, der bis zu 40 Zentimeter Tiefe reichen kann. Der tiefer gelegene so genannte Ex-Horizont ist vor allem für Archäologen interessant. Denn neben Garten- und Küchenabfällen haben die Menschen im Garten auch Knochen, Gerätschaften und Ziegel vergraben, die heute ein Archiv der Zeitgeschichte sind und auf die Lebensweise der Menschen hinweisen. Dieser Bodenhorizont hat ein sehr lockeres Bodengefüge und weist eine hohe Bioturbation auf. Das bezeichnet die Durchmischung des Bodens durch Bodenlebewesen, erklärte Prof. Dr. Beate Michalzik von der Friedrich Schiller Universität in Jena. Diese Bodenschicht hat einen hohen Nährstoffgehalt und ein enges C/N-Verhältnis. Die Wasserversorgung ist ausgesprochen gut.

Bodenprofil Hortisol

Erst der tiefer gelegene C-Horizont gibt Hinweise auf das Ausgangsgestein. Er ist aber auch bereits stark verwittert und kann sehr locker sein. In Thüringen gibt es fünf verschiedene Hortisole, die sich durch den Gehalt an organischer Substanz unterscheiden. In Erfurt reicht der Anteil organischer Substanz von vier Prozent bis zu 80 Zentimeter in die Tiefe. An anderen Standorten werden im A-Horizont bis zu 300 mg pflanzenverfügbaren Phosphors gemessen. Im Ackerboden liegt er zwischen 10 und 15 mg pro 100 Gramm Boden. Gartenböden können zwischen 300 und 380 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar speichern und lassen den Wald mit rund 100 Tonnen Speichervermögen weit zurück. Hortisole treten allerdings ausgesprochen lokal und kleinräumig auf.

Blumen- und Gartenstadt

Die Veranstaltung zum Boden des Jahres fand am Montag in der Landesvertretung Thüringen beim Bund in Berlin statt. Das hatte seinen Grund, denn der Pfad der Gartengeschichte hat auch über Erfurt geführt. Christian Reichart (1685 bis 1775). Reicharts Stiefvater führte eine Gärtnerei, in deren Geschäft sich der gelernte Jurist autodidaktisch einführte und berühmt machte. Er erfand die Stachelwalze, führte den Blumenkohl aus dem Mittelmeerraum in Erfurt ein, baute Brunnenkresse an und schrieb ein sechsbändiges Gartenwerk, das Generationen von Gärtnern als Grundlage diente. Reichart gilt als Begründer des Erwerbsgartenbaus und förderte die berufliche Weiterbildung. Den Beinamen Blumen- und Gartenstadt hat Erfurt diesem Stadtsohn zu verdanken. In erfurt wurde der erste Gemüseerzeugermarkt gegründet und war bis Mitte des 20. Jahrhunderts weltweit führend im internationalen Handel des Saat- und Pflanzguthandels.

1912 gab es 112 Kunst- und Handelsgärtnereien in der Stadt sowie 120 Gemüsebaubetriebe. Thüringen ist dieser Tradition treu geblieben. Heute gibt es im Land 320 Erwerbsgärtnereien, die mit 3.300 Arbeitskräften rund 6.000 Hektar bewirtschaften und 2013 einen Umsatz von 270 Millionen Euro erzielten.

Tradition in Thüringen hat auch der Arzneipflanzenanbau. Das rund 240 Quadratkilometer große Gebiet des Thüringer Waldes auf beiden Seiten der Schwarzach gilt auf Grund seiner geografischen und geologischen Besonderheiten als „Kräutergarten Thüringens“. Kräuterfrauen waren sammelnd unterwegs und haben bereits Anfang des 17. Jahrhunderts in kleinen Waldlaboratorien Waldheilmittel, die so genannten Olitäten hegestellt.
Olitätenhändler, die auch Buckelapotheker genannt wurden, haben ihre Heilkräuter in ganz Mitteleuropa vertrieben. Der Höhepunkt lag im 18. und 19. Jahrhundert.
Seit der Wende werden die Traditionen der Olitätenproduktion touristisch genutzt. So wurde ein 177 Kilometer langer Olitätenrundwanderweg eingerichtet, der über die Traditionen informiert.

Auf rund 1.400 Hektar wachsen in Thüringen heute schon Kamille (970 ha), Pfefferminze (218 ha) und Zitronenmelisse (51 ha). Neun Betriebe und Verarbeiter widmen sich dem Heilpflanzenanbau. Für weitere 1.000 Hektar, davon 300 Hektar ökologisch bewirtschaftet, ist nach dem Thüringer Heilpflanzenverband noch Bedarf.
Die Genossenschaft „Agrarprodukte Ludwigshof“ in Ranis bewirtschaftet 760 Hektar mit insgesamt zehn kultivierten Arten – darunter auch Baldrian, Goldrute und die Kapuzinerkresse [2].

Anja Siegesmund. Umweltministerin Thüringen

„Blütezeit Apolda“

Der Boden des Jahres dient vor allem der Öffentlichkeitsarbeit. Luft und Wasser stehen mehr im Rampenlicht, während der Boden oftmals vernachlässigt wird. Doch er ist einer der wertvollsten Güter der Menschheit, sagte Umweltministerin Anja Siegesmund und warb für mehr nachhaltigen Bodenschutz. 50 Prozent der europäischen Böden sind geschädigt, es weiterhin verdichtet und versiegelt. Die Landesgartenschau in Apolda vom 29.04. bis zu 24.09. wird den Garten und Hortisol in den Mittelpunkt stellen,. Nach Ausrichtung im Jahr 2007 wird Thüringen in Erfurt auch wieder die Bundesgartenschau 2021 ausführen. Der Garten zeiht auch wieder in die Städte ein. Gemeinschaftsgärten sind eine belebende Gemeinschaftsaktion, betonte Siegesmund und können den Menschen aufzeigen, wie wichtig die Ressource Boden ist.

Peter Paschke vom Bundesverband Deutscher Gartenfreunde ist bei Balkonen, Fässern und Substraten allerdings skeptisch. Das sei kein nachhaltiger Anbau. Ulrich Hagen vom Landesverband Gartenbau hingegen wünscht sich, dass der Boden wegen des Bodens und nicht wegen des darauf herumlaufenden Feldhamsters geschützt werde.

Lesestoff:

[1] Plaggenesch: Boden des Jahres 2013: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/boden-des-jahres-2013.html

[2] www.olitaetenwege.de

Roland Krieg; Fotos: roRo

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