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Premiumfleisch oder Laborfleisch?

Landwirtschaft

Welche Chancen haben Landwirte gegen das in-vitro-Fleisch?

Fleisch ist in der jungen Generation zu einem Statussymbol geworden.  Die Demonstration „Wir haben es satt“ zur Internationalen Grünen Woche zeigt nach Hendrik Haase die Politisierung des „Essens“. Der Berliner Food-Aktivist gab auf der Wintertagung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) in Hannover Einblick in das städtische Wohlbefinden der Konsumenten. „Food und Fashion“ werden bei Veranstaltungen schon gleichgesetzt. Seine Metzgerei in der Berliner Markthalle 9 zeigt den Kunden, wie Fleisch zubereitet wird und damit, dass die Zukunft der tierischen Lebensmittel erhalten bleibt.

Möglicherweise aber anders, als die Nutztierhalter sich das vorstellen [1]. Eine Stammzelle, ein Wachstumsmedium und der Vertrieb reichen heute aus, Fleisch ohne Tiere herzustellen. Ein 20.000-Liter Tank ist drei Wochen voll. Während es dort hinter Glas heranwächst, sitzen die Kunden im Vordergrund und genießen die Hackfleischpattys. So sieht Haase den Fleischkonsum der Zukunft. Mittlerweile können Muskel- und Fettzellen sogar marmoriertes Fleisch erzeugen. Die USA und Israel regulieren bereits den Markt, während das deutsche Agrarbusiness noch die Nase rümpft. Dabei ist „Memphis Meat“ in San Francisco beispielsweise nur eine von rund 15 Firmen, die sich mit dieser Zukunft beschäftigen. Heute kostet das Kulturfleisch nach Haase noch rund 100 US-Dollar. Doch wenn der Preis in den nächsten Jahren auf zwei bis drei US-Dollar sinkt, dann komme der Markt richtig in Schwung. Das Laborfleisch werde den Billigmarkt aufrollen. Den Landwirten aber bleibt der Premiummarkt mit Wagyu- und Koberindern.

„Kulturelle Bedrohung“

„Wir müssen die kulturelle Bedrohung, die auf uns zukommt, ernst nehmen“, mahnt Prof. Dr. Peer Ederer vom Global Food and Agribusiness Network. Er hat in Hannover der Frage nach den Konsequenzen  gestellt. Keine Frage, die Landwirtschaft wird sich ändern müssen. Würde sie zusammen mit dem Agribusiness weiter wie bisher produzieren, wären im Jahr 2050 zehn Milliarden Menschen nur zu ernähren, wenn die Anbaufläche um 28 Prozent ausgedehnt würde. Das aber wäre nur in den Regionen mit Regenwald möglich, der dafür geopfert werden müsste.

Auch eine fleischarme Ernährung würde kaum etwas ändern. Die Fleischproduktion findet im Wesentlichen im Norden statt. Doch während der „Fleischberg“ im Norden ist, müssen die zusätzlichen Lebensmittel im Süden angebaut werden. Für Dr. Ederer ist Steigerung der Produktivität die Lösung, bei der die Landnutzung sogar zurückgefahren werden kann.

Vor diesem Hintergrund spielen alternative Ernährungsmöglichkeiten wie Insekten und Laborfleisch durchaus eine Rolle. Sie werden die Nutztierhaltung zwar verändern, aber nicht abschaffen. Ein Rind in Deutschland erzeugt beim aktuellen Ernährungsstil rund zehn Kilo Filet, aber 200 Kilo Hackfleisch. Bei den prognostizierten Preissenkungen gerate vor allem das Hackfleischsegment gerate unter Druck. Kommt das Fleisch aus dem Labor, steht die Verwertung des Rindes  in Frage. Doch selbst wenn im Labor Muskel- und Fettzellen „wertvolleres“ Fleisch erzeugen können, sind Premiumssegmente wie Angus, Wagyu und Kobe nicht aus den Ställen zu verdrängen.

Dem stimmte Dr. Ederer zu, wenn er auch nicht daran glaubt, dass Laborfleisch einmal einen größere Mengeneffekt haben wird. Die Ökobilanz für Fleisch aus dem Inkubator steht derzeit noch nicht fest. Vorteile einer ersten Studie aus dem Jahr 2011 wurden bereits revidiert. Da derzeit noch nirgends Kulturfleisch in großem Maßstab hergestellt wird, resultieren die Bilanzen für Energie und Treibhausgase aus Hochrechnungen. Der Energieaufwand, so viel scheint schon sicher,  ist groß. Zudem zeigten neueste Erkenntnisse, dass die Rinderhaltung auf der Weide sogar eine Senkenfunktion für Kohlenstoff hat. Ökologische Vorteile liegen offenbar nicht auf der Laborseite.

Allerdings müsse sich das Kundenverhalten ändern. Der Filet-Hackfleisch-Quotient könne so nicht bleiben. Die Landwirte wollen sich dem stellen. Christoph Selhorst betreibt im Münsterland einen Ackerbaubetrieb mit Schweinehaltung und fordert seine Berufskollegen auf, sich zu den neuen Herausforderungen eine Position zu erarbeiten. Er setzt auf Tierwohl, Qualität und Rückverfolgbarkeit. Selhorst gibt der traditionellen Landwirtschaft eine Chance für die Zukunft.

Lesestoff:

[1] Ausgangspunkt NASA: https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/schnitzel-ohne-leiden.html

Öffentliches Anbraten von Kulturfleisch: https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/laborfleisch-statt-veggie-day.html

Roland Krieg

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