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Pyrrhuspreis 43 Cent?

Landwirtschaft

Erfolge und Gegenwind zum Milchstreik

Begonnen hat den Milch-Lieferstreik der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter BDM. Mittlerweile hat der zunächst abwartende Deutsche Bauernverband (DBV) das Medienheft in die Hand genommen. Gestern fuhren die ersten Traktoren vor die Zentralen des Lebensmitteleinzelhandels, aber heute versammelt der BDM die Milchbauern vor dem Brandenburger Tor.
Vor der Essener Aldi-Zentrale forderten gestern rund 40 DBV-Bauern höhere Milchpreise. Der BDM begrüßte die Aktion: „Es handelt sich zwar nicht um eine konzertierte Aktion mit dem DBV, aber wir unterstützen die Proteste natürlich“, sagte ein BDM-Sprecher. Vereint im Kampf um faire Milchpreise, gehen später die Wege unausweichlich wieder auseinander. Der DBV hat sich auf dem Bamberger Bauerntag auf die politische Richtung verständigt, das Auslaufen der EU-Quotenregelung zu akzeptieren und hat ein Begleitprogramm zum Ausstieg aufgestellt. Der BDM will die Mengensteuerung behalten und sie durch regelmäßige Konsultationen an Nachfrage und Erzeugerpreis korrigieren.

Kartellamt greift ein
In der Solidarität für die Bauern stellt sich der DBV geschickter an, als der BDM. Es rollen nur die Traktoren. Unternehmen und Verbände dürfen nach dem geltenden Wettbewerbsrecht nicht zu einem Boykott aufrufen. Inwieweit der BDM gegen die diese Regelung verstoßen hat, prüft jetzt das Bundeskartellamt.
Außerdem will die Milchindustrie, die den bisher entstandenen Schaden auf rund 50 Millionen Euro schätzt, Bauern verklagen, die Molkereizufahrten blockiert haben und damit lieferwilligen Milchbauern die Erfüllung ihrer Lieferpflicht nicht haben nachkommen lassen. Angesichts der Sympathiewelle in der Bevölkerung forderte Bodo Ramelow, stellvertretender Vorsitzender der Linken Fraktion auf, „kein freies Spiel der juristischen Kräfte gegen die Milchbäuerinnen und Milchbauern“ zuzulassen. „Die Androhung der Milchindustrie, gegen den Lieferboykott juristisch vorzugehen, zeigt, dass diese den Ernst der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Milchbäuerinnen und Milchbauern nicht verstehen will.“
Wenn hier ein schwarzer Peter vergeben werden wird, dann bekommt ihn nur einer der Verbände. Der BDM hat jedoch bereits am 02. Juni ausdrücklich darauf hingewiesen, „dass die Teilnahme am Lieferstopp die freie Entscheidung jedes Einzelnen ist.“

Preise rauf
Das Schreiben der Milchwerke Berchtesgadener Land weist lediglich drei gute Zeilen auf, die von der Nachrichtenagenturen übernommen wurden: 43 Cent für konventionelle Milch, 51 Cent für Naturland-Milch und 52 Cent für Demeter-Milch. Je Kilogramm, zuzüglich Mehrwertsteuer, gültig ab 01. Juni.
Die andern 27 Zeilen zeigen die Wand auf, vor der die Molkerei steht. Ohne Anlieferung kann sie ab kommenden Montag ihre Lieferverpflichtungen nicht mehr einhalten und fürchtet neben erheblichen Verlusten auch „hohe Vertragsstrafen“. Die Kosten für die Milchsammlung sind von zwei auf 26 Cent/kg angestiegen. Vorstandsvorsitzender Andreas Argstatter fürchtet, dass andere Molkereien in die Lieferlücke springen und die Berchtesgadener Land ihren Markt verliert. Deswegen wird in Vorleistung der geforderte Preis gezahlt. In der Hoffnung, dass der Handel die Preise auch heraufsetzen wird: „Wir bitten Sie, im gemeinsamen Interesse, ihre Milchanlieferung wieder aufzunehmen“, schreibt die Molkerei an die Bauern.
Lidl hat versprochen am Montag für ein 250-Gramm-Päckchen Butter 20 Cent mehr zu nehmen, für einen Liter Milch 10 Cent. Der Netto-Mehrpreis soll ausschließlich den Bauern zugute kommen, erklärte Lidl. Doch die verhandeln nicht mit dem Lebensmitteleinzelhandel. Der LEH, so die Milchindustrie, müsse auf sie zu kommen und die ausgehandelten Kontrakte wieder auflösen. Die meisten Genossenschaften sind nur Liefergenossenschaften, die an die verarbeitende Industrie liefern.

Preise akzeptiert?
Der Deutsche Bauernverband schaltete das Bundeskartellamt ein, als im April die Preise „einheitlich“ nach unten gingen. Schaute das Amt jetzt weg, damit die Preise alle wieder nach oben gehen, bleibt der Verbraucher die nächste Hürde, höhere Milchpreise zu akzeptieren. Eine aktuelle forsa-Umfrage des „stern“ weist eine Zustimmung von 88 Prozent der Konsumenten aus, mehr Geld für faire Preise bezahlen zu wollen.
Nur hätten sie das auch vorher schon machen können und die Zahlen des Kaufverhaltens im ersten Quartal 2008 zeigen eine ganz andere Realität. Milchprodukte fanden reißenden Absatz – an der Aktionstheke. Die 43 Cent werden sich letztlich am Verbraucherverhalten erweisen müssen.
Wie auch immer der Streik ausgeht, Bundesagrarminister Seehofer will die Beteiligten dann zu einem Milchgipfel laden. Dabei wird es auch um die Molkereistruktur gehen. Und die hat in der Vergangenheit bereits starke Konzentrationsprozesse hinter sich gebracht. In den 1980er Jahren gab es noch 500 Molkereien, 1990 waren es nur noch 360, im Jahr 2000 noch 127 und 2006 gab es nur noch 101 Molkereien. Milchanalystin Marina Rebello von der niederländischen Rabo-Bank sah zum ZMP-Milchforum die Sicherung der Rohstoffversorgung, die Effizienz der Logistik und die Flexibilität im Produktportfolio als Triebkraft hinter den Fusionen. Das geht nur über die Loyalität der Zulieferer, also der Milchviehhalter, die schon in manchen Ländern einen Treuebonus oder Mengenzuschlag erhalten. Doch treten die Molkereien auch auf dem Weltmarkt auf und treffen dort im Wettbewerb auf Ländern, in denen die Herstellung der Milch nur halb so viel kostet.
Auf dem Milchgipfel wird es die bäuerliche Landwirtschaft schwer haben.

Roland Krieg

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