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Rasend vor Liebe

Landwirtschaft

Wild auf der Fahrbahn

In diesen Tagen ist wieder das typische Paarungsverhalten des Rehwildes zu beobachten. Bis in den August hinein wird der Rehbock den ganzen Tag auf den Läufen sein, um eine Partnerin fürs Herz zu finden. Das weibliche Reh, die Ricke, erleichtert dem Auserwählten die Suche und macht ihn mit dem Fiepen auf sich aufmerksam. Allerdings fiept auch der listige Jäger mit Hilfe eines Buchenblattes, teilt die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen mit, um den Rehbock vor die Büchse zu locken. Daher wird die Paarungszeit beim Rehwild in Jägerkreisen auch Blattzeit genannt.

Über Stock, Stein und Straße
Rehwild (Capreolus capreolus) ist sehr anpassungsfähig und damit ein erfolgreicher Kulturfolger des Menschen. Die Deutsche Wildtier Stiftung (DWS) zählt die Ballungszentren zum Lebensraum der Tiere hinzu und weist darauf hin, dass steter Autoverkehr diese nicht stört. Tagsüber äsen die Rehe dicht an Landstraßen und Autobahnen. Aber nicht alleine deswegen steigt die Gefahr, mit einem Reh zu kollidieren. In der Paarungszeit sind die Tiere äußerst mobil und der Bock treibt die Ricke zunächst lebhaft durch Wälder und über Felder, Zäune und Straßen. Hilmar Freiherr von Münchhausen, Geschäftsführer der DWS, mahnt generell zur besonderen Vorsicht – nicht nur dort, wo Wildwechselschilder aufgestellt sind.
In der Wildnis können Rehe zehn bis zwölf Jahre alt werden. Sven Holst von der DWS beziffert für Herd-und-Hof.de die Zahl der jährlichen „Verkehrsopfer“ auf inzwischen 180.000 bis 200.000 Tiere. Hinzu kommen rund 20.000 Stück Schwarzwild und eine unbekannte Anzahl Feldhasen. Geschätzt werden ebenfalls rund 200.000 Hasen – die genaue Zahl ist aber nicht bekannt, da diese Unfälle nur in den wenigsten Fällen der Polizei gemeldet werden. Rotwild ist bei den Unfällen nur zu etwa einem Prozent beteiligt, was daran liegt, „dass es auf 75 Prozent der bundesdeutschen Fläche kein Rotwild mehr gibt“, so Sven Holst.

Ausweichen oder nicht?
Für den Zeitraum 2003/2004 wurden den Versicherern rund 220.000 Verkehrsunfälle mit Wild gemeldet. Dabei wurden 2.700 Personen verletzt und 30 getötet, so die DWS. Das Landwirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern hat gerade die aktuellen Zahlen aus 2005 veröffentlicht: In dem wald- und wildreichen Bundesland kam es im letzten Jahr zu 11.251 Rehkitz im WaldVerkehrsunfällen mit Wildtieren. Das waren etwa 700 weniger als im Vorjahr. Dabei wurden 6.636 Stück Rot-, Dam, Muffel, Reh- oder Schwarzwild getötet. Wildunfälle müssen der Polizei oder dem Jagdausübungsberechtigten gemeldet werden, heißt es aus Schwerin.
Rehe können überraschend groß sein und wenn ein Auto mit 100 km/h auf ein Reh trifft, dann schlägt es mit einer Kraft von etwa 1.000 kg auf das Auto – oder in die Frontscheibe. Schon alleine deshalb rät der Automobilclub ADAC dringend, die Warnschilder zu beachten und ernst zu nehmen. Wenn Tiere auf der Straße stehen: Bremsen, hupen und abblenden, damit das Wild einen Fluchtweg finden kann. Wichtige Regel: Weichen Sie nicht aus. Das ist nur als Rettungsmaßnahme erlaubt. Damit ist allerdings nicht die Rettung des Tieres gemeint, sondern die Vermeidung eines Schadens am Auto.
Für Herd-und-Hof.de hat der ADAC die aktuellste Rechtsprechung einmal zusammen getragen: Versucht also ein Autofahrer durch ein Ausweichmanöver einen großen Schaden am Auto zu vermeiden, dann kann er Schadensersatz von der Teilkasko verlangen. Er kann dies aber nur tun, wenn bei dem Zusammenstoß tatsächlich ein erheblicher Schaden am Auto zu erwarten gewesen wäre. Dies ist nur bei großen Tieren, also zum Beispiel Rehen oder Wildschweinen, der Fall (OLG Oldenburg, Az 3 U 80/04, SP 2005, 171). Ein Ausweichmanöver vor einem kleinen Hasen ist dagegen nicht als Rettungsmaßnahme zu rechtfertigen. Der Autofahrer geht zumindest bei der Teilkasko leer aus: So das OLG Koblenz, Az 10 U 14423/02, r+s 2004, 11 beim Fuchs und das OLG Bremen, Az 3 U 33/02, r+s 2003, 276 beim Dachs. Ansonsten kommt die Teilkaskoversicherung für den Schaden auf. Allerdings auch nur bei den Tieren, die den Versicherungsbedingungen nach, Haarwild sind: Rehe und Hasen. Auch Seehund und Wisent zählen die Versicherer dazu, nicht aber Rentier oder Hirsch (OLG Frankfurt a.M., Az 7 U 190/02, VersR 2005,1233). Das Urteil bezieht sich auf die ausdrückliche Listung von Tieren als Haarwild im Bundesjagdgesetz.
Wer allerdings in Bayern mit einem Seehund zusammenstößt, hat möglicherweise ein ganz anderes Problem. Die einfachste Regel lautet sowieso: Langsam fahren.

Duftzäune als Barriere
Draht- und Holzzäune bieten nicht immer den wirksamsten Schutz vor überraschendem Wildwechsel. Vor über zehn Jahren hatte der ADAC einen Ideenwettbewerb ausgelobt. Mittlerweile gibt es an rund 20.000 Kilometer Straße die patentierten Duftzäune. Auf beiden Straßenseiten werden tennisballgroße Polyurethanschaumballen an Bäumen angebracht. Die Schäume werden mit Düften von Bären, Wölfen und Menschen geimpft: Alles was ein Reh nicht mag. Bei Sonnenbestrahlung weiten sich die Poren und geben den Duftcocktail ab. Erstaunlicherweise soll das Reh aber nur von der Straßenüberquerung absehen, wenn es den Duft in Verbindung mit Geräuschen und Bewegung wahrnimmt. So bleiben traditionelle Wildwechsel erhalten und die Tiere verlieren kein angestammtes Areal. Gerade die Böcke sind standorttreue Einzelgänger, so die DWS.
Wolf, Luchs, Bär und Steinadler sind die generellen Feinde der Kitze. Sie fehlen aber weitgehend in der Kulturlandschaft. Nur Fuchs, Wildschweine und wildernde Hunde regulieren den Bestand auf natürliche Weise. „Die Hauptgefahr geht jedoch vom Straßenverkehr aus“, stellt die DWS fest. Sven Holst sieht in den milden Wintern einen „positiven“ Populationseffekt. Jagdliche Abschussplanungen werden auf drei Jahre im voraus erstellt und können solche Effekte mit Berücksichtigen: „Insbesondere beim Schwarzwild wird man sich nach einem milden Winter mit guter Mast in den Folgemonaten mit einer restriktiveren Bejagung auseinandersetzen müssen.“

Lesestoff:
Warum Bambi ein Weißwedelhirschkalb ist und kein Reh, hatte die DWS bereits zum Kinostart nicht nur den Kleinen erklären müssen. Die Stiftung hält die Broschüre „Vorsicht Wildwechsel“ mit wertvollen Tipps zur Vermeidung von Unfällen bereit. Sie kann kostenlos unter www.DeutscheWildtierStiftung.de angefordert werden.

Roland Krieg; Foto: roRo

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