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Raubwanzen in Almeria

Landwirtschaft

Gartenbauregion entwickelt sich weiter

Der Blick aus dem All zeigt die südwestliche Ecke Spaniens als „schneebedecktes“ Gebirge. Was allerdings das Sonnenlicht reflektiert sind nahezu sich flächendeckend ausbreitende Treibhäuser auf 28.000 ha. Die Region Almeria versorgt Europa mit Paprika, Tomaten, Gurken oder Auberginen. Doch gerade die Paprika hat im letzten Jahr die Region in Verruf gebracht, weil die Pestizidrückstände zu hoch waren. Während der Fruit Logistica hatte sich die Region zwei Stunden lang Zeit genommen, um die aktuelle Entwicklung zu skizzieren.

Orius laevigatus
Raubwanzen der Gattung Orius ssp. sind der neue Schatz der Provinz Almeria. Die bis zu 3,5 mm großen Raubwanzen haben mit Thripsen, Thripsnymphen, Blattläusen, Spinnmilben, der gefürchteten Weißen Fliege und weiteren Pflanzenschädlingen ein ausgesprochen breites Beuteschema. Die Nützlinge werden sensibel wie frischer Fisch transportiert und helfen den Gartenbauern, vom Einsatz der Pflanzenschutzmittel wegzukommen.

Wirtschaft als besserer Problemlöser
Prof. Dr. Dr. Franz Rademacher, Club of Rome und Manager am Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung der Universität Ulm, ist sich auf dem Frische Forum der Fruit Logistica sicher gewesen, dass die Wirtschaft der bessere Problemlöser ist. Firmen stehen unter dem Druck der Nichtregierungsorganisationen, die in einem Wettbewerb Themen an den Tag bringen, „die sonst nicht da wären“. Nur tut sich die „ökonomische Sphäre schwer so etwas umsetzen“, weil jeder fürchtet, etwas Falsches zu tun und im Wettbewerb zu unterliegen. Die Lösung des Dilemmas ist ein Regelwerk der Weltökonomie, das Umwelt- und Klimaprobleme gleichzeitig adressieren kann. Die EU macht es mit einer Querfinanzierung vor, wenn sie den neuen Mitgliedsstaaten Bulgarien und Rumänien im Bereich der Umweltfragen und Ausbildung zu helfen. www.globalmarshallplan.org
roRo

Kris De Smet, Direktor der Koppert Espana, betonte allerdings, dass es nicht die Kritik im letzten Jahr gewesen sei, die eine Umstellung der Produktion bewirkt. Der Einsatz von biologischen Nützlingen ist auch in Spanien keine neue Entwicklung gewesen – fand aber nur auf wenigen Hektar statt. In der Saison 2005/06 wurden die Schädlingsjäger auf rund 120 ha eingesetzt, in der Saison 2006/07 waren es bereits 700 ha. So richtig „explodiert“ ist die Anwendung erst seit letztem Herbst. Auf 8.900 ha kommt der biologische Pflanzenschutz zur Anwendung und in diesem Frühjahr kommen noch einmal 3.500 ha hinzu.

Vom Erfolg überrascht
Als Gründe für das Umdenken zur integrierten Produktion führte Smet den Druck der Händler auf die Gartenbauer an. So nehmen beispielsweise Lidl und Rewe nur noch Ware ab, die mit dem ARfD-Wert unter der gesetzlichen Höchstmenge liegen. Die spanischen Gartenbauer haben aber auch selbst gemerkt, dass der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln Resistenzen hervorruft, sie immer höher dosieren müssen.
Bislang kommen die tierischen Helfer überwiegend bei Paprika zum Einsatz. Der Erfolg breitet sich aber auch bei den Tomaten- und Auberginenanbauern aus.
Gefördert wird der Entwicklung der Nützlinge durch das Pflanzen des Gemüses im Winter. Almeria will 16 Millionen Euro für den Einsatz der natürlichen Feinde investieren. Für die Gärtner gibt es ein umfangreiches Fortbildungsprogramm.

Ausweg Nützlinge
Jan van der Blom von der Almeria Obst- und Gemüseexportvereinigung sieht keine Alternative für den Einsatz der Nützlinge. Es sei nicht mehr die Frage, ob man dadurch einen besseren Preis erzielen könne, sondern, ob die Gartenbauer überhaupt noch etwas anderes vermarkten können.
Reibungsfrei ist die Umstellung auf die integrierte Produktion aber nicht. Studien zeigen, dass sich der Nützling mitunter auch gar nicht etabliert. In einem Videointerview zeigte sich ein spanischer Gartenbauer skeptisch: „Wenn sich die Tiere nicht etablieren, dann ist das Geld weg und die Arbeit umsonst, aber die Pflanzenschädlinge sind immer noch da.“

„Versuche im Bio-Heidelbeeranbau
Im spanischen Andalusien ist ein Großversuch zum Bio-Anbau von Heidelbeeren gestartet worden. Laut Agriberia will die Firma Atlantic Blue in den nächsten drei Jahren den Bio-Anbau testen und hat dafür von der Landesregierung Fördergelder in Höhe von 162.000 Euro erhalten. Atlantic Blue erzeugt in der Provinz Huelva, im Mündungsgebiet Donana, seit 1993 auf einer Fläche von 136 ha rund 1.000 Tonnen Heidelbeeren pro Jahr.“
Q: ZMP Ökomarkt Forum; Nr. 04; 25.01.08

Trotzdem habe jeder Gartenbauer mittlerweile einen Nachbarn, der bereits umgestellt hat, berichtet van der Blom. Die Bauern üben Druck auf die Züchter aus, neue Setzlinge nicht mehr mit Pflanzenschutzrückständen anzubieten, damit die Nützlinge sich ungestört entwickeln können. Vielfach sind aber durch die hohen Pestizidanwendungen der Vergangenheit immer noch Rückstände in den Böden und Treibhäusern vorhanden, stellt van der Blom fest.
Die Gartenbauern müssen den Einsatz dokumentieren und vorfinanzieren. Die Landesregierung zahlt erst nach der Ernte die finanzielle Unterstützung nach Prüfung der Dokumente aus. Bis zu 50 Prozent werden finanziert.
Geplant ist auch ein „grünes Label“, damit die Verbraucher von dem Umschwung etwas mitbekommen. Die Kommunikation zum Verbraucher hat gerade erst begonnen, sagt Pedro Pablo Pellin Martinez, Direktor der Nützlingsfirma Biobest, Herd-und-Hof.de. Die jetzige Entwicklung hatte niemand vorausahnen und vorbereiten können.

Roland Krieg

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