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Regionalprodukte – aber wie?

Landwirtschaft

Regional, überregional und international

„Regionale Lebensmittelerzeugung ist das Rückgrat für vitale ländliche Regionen“. Eigentlich wollte Elisabeth Köstinger zu diesem Thema ihre Amtskollegen aus den Agrarressorts nach Wien einladen. Daraus hat die Pandemie am Dienstag eine Videokonferenz gemacht, an der neben Julia Klöckner und Marija Vučković im Rahmen der kroatischen Ratspräsidentschaft auch der Agrarkommissar Janusz Wojciechowski und der Vorsitzende des Agrarausschusses Norbert Lins teilnahmen. Agrarrat, Kommission und Parlament zeigten damit in einer Form des Trilogs, dass sie bei dem Thema gar nicht weit auseinander liegen.

Beschleunigt die Pandemie die Regionalisierung?

Die Pandemie hat das Thema auf die politische Agenda katapultiert. Die Landwirte haben ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt und voreilig aufgebaute Grenzschließungen wurden mit Hilfe eines grünen Korridors wieder frei gegeben. Ein Teil der notwendigen Saisonarbeiter konnte bislang Gemüse und Obst ernten. Es hat zu keiner Zeit einen Versorgungsmangel gegeben und die Gefahr einer Hungersnot war weit weg. Die Konsumenten haben nach dem Einkauf zur Bedarfsdeckung den Wert heimischer Landwirtschaft schätzen gelernt und fühlen sich offenbar bei kurzen Lieferketten aus der Nachbarschaft sicherer. Schon vor der Pandemie hat „Regionalität“ den Wert „Bio“ abgelöst. Dabei liegt noch keine Definition vor, was Regionalität eigentlich bedeutet. Kann die Regionalität in Kilometern angegeben werden, gilt ein Bundesland, die Bundesrepublik oder die EU? Dürfen Friesen Alpenmilch trinken oder müssen Ostdeutsche auf Bio-Möhren verzichten, weil die überwiegend aus der Südpfalz kommen? Für Berliner haben westpolnische Kartoffeln nur die Hälfte der Wegstrecke von niedersächsischen Knollen hinter sich. Julia Klöckner betonte, dass regionale Produkte nicht in einem Food-Nationalismus führen dürfen.

Verbraucher verstehen unter regionalen Produkten meist auch kleinere Produktionseinheiten. Dabei beleben Familienbetriebe das Land und die Dörfer und sichern sich mit hochwertigen Produkten ein Auskommen. Verbraucher finden in den Produkten „von nebenan“ Identität und Prozessqualität [1]. Vučković warnt, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist und Familienbetriebe die Nahrungssicherheit  gewährleisten. Die Ministerin sagt das vor dem Hintergrund, dass Kroatien seit dem EU-Beitritt im Agrarbereich ein Handelsdefizit einfährt.

Regionale Unterschiede

Österreich hat die 25 Prozentmarke für den Anteil des Ökoanbaus an der Landwirtschaft, wie er in der Strategie Farm-to-Fork formuliert ist, bereits erzielt. Wir haben das mit einem starken Fokus auf der zweiten Säule in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) erreicht, sagte Köstinger. Dort sind die Module für die Entwicklung des ländlichen Raums und Agrar-, Umwelt- und Klimaprogramme angesiedelt. Norbert Lins legt den Schwerpunkt auf den Alpenraum und die Oberrheinebene. Neben Österreich stehen auch Bayern und Baden-Württemberg bei den Maßnahmen in kleinstrukturierter Landwirtschaft gut dar. Diese Regionen könnten als Vorbild für andere Länder dienen, wie eine Wunschlandwirtschaft umgesetzt werden könnte. Eine Lösung für die großen Agrarstrukturen wie in Ost- und Norddeutschland ist das noch nicht. Zudem, so Lins, gehen Bulgarien und Polen derzeit eher den Weg, nationale Produkte zu proklamieren.

Eine Frage der Kaufkraft

In den reicheren Staaten ist die Diskussion über eine Regionalisierung mit höheren Standards leicht. In Deutschland hat auch der Biosektor durch die starke Nachfrage in der Pandemie profitiert. Ob sich das ändert, wenn die Kurzarbeiter in die Arbeitslosigkeit wechseln, bleibt offen. Marija Vučković muss die unterschiedliche Kaufkraft berücksichtigen. Nicht alle Konsumenten können sich Produkte mit höheren Standards leisten. Ökonomische Preiseffekte wie die Economy of Scale, die zu Kosten- und Preisoptimierung führen müssen ebenfalls möglich sein. Ernährungssicherheit sei eine Frage der allgemeinen Landessicherheit. Norbert Lins ergänzt: Als öffentliches Gut dürfen nicht nur Biodiversität und sauberes Wasser, sondern auch die Ernährungssicherheit gesehen werden. Die finanzielle Unterstützung der Landwirte über die erste Säule entspräche dann auch der Forderung nach öffentlichen Geldern für öffentliche Gütern.

Regional und überregional

Lege die europäische Agrarpolitik den Fokus stärker auf die regionale Versorgung, bedeutet das keine Abkehr vom internationalen Handel, betont Klöckner. Vertrauen, Nahrungsversorgung und ein geringerer ökologischer Fußabdruck seien die eine Seite des Agrarhandels. Deutschland und die EU sind aber wichtige Importeure und Exporteure von Agrargütern. Eine Reihe an Ländern wird aufgrund der geografischen Lage kaum in der Lage sein, sich einmal selbst zu ernähren. Die Handelsabkommen müssten aber eine faire Balance zwischen den verschiedenen Standards definieren, damit die europäischen Landwirte wettbewerbsfähig sind. Innovationen wie Digitalisierung und neue Züchtungstechniken könnten Zielkonflikte auflösen. Wohin sich Landwirte mit ihrer Erzeugung und den Verarbeitungsprozessen hin bewegen müsse sich marktgetrieben entwickeln, ergänzt Norbert Lins [2].

Was regional ist regional

Janusz Wojciechowski hat als einziger Regionalität zu bestimmen versucht. Er nahm dabei das Jahrbuch von Eurostat zur Hilfe. Die Version vom April 2020 hat die Transportaufkommen von Agrarprodukten aufgelistet [3]. Die Zahlen überraschen. 87 Prozent der Agrarprodukte von in der EU registrierten Lkw werden weniger als 300 Kilometer weit gefahren. Der Durchschnitt liegt sogar nur bei 176 Kilometern. Eurostat vermerkt dazu, dass die Zahlen die Frische von Produkten und die weitreichende Verfügbarkeit von regionalen Produkten schon aufzeige [4].

Der Agrarkommissar hält sich am Durchschnittswert fest und will mit der Farm-to-Fork-Strategie die Distanz noch weiter verkürzen. Urban Farming könne dabei eine Lösung sein. Die Landwirtschaftsministerinnen aus Österreich, Kroatien und Deutschland jedoch sehen im Anbau von Obst und Gemüse auf und in Hochhäusern lediglich eine Ergänzung. Julia Klöckner.  Sie verbrauchen mehr Energie und benötigen bestimmte Lichtquellen.

Lesestoff:

[1] Gerade hat Österreich mit dem QHS-Siegel ein neues Regionalmarketing gestartet: https://herd-und-hof.de/handel-/oesterreich-startet-qhs-regional.html

[2] Die aktuelle Umfrage von Adama zu regionalen oder überregionalen Vermarktungsstrukturen zeigt die Entwicklung der deutschen Agrarstruktur auf: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/regionale-und-globale-landwirte.html

[3] From Farm to Fork: Statistic: https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=From_farm_to_fork_-_a_statistical_journey&stable=0&redirect=no#Farm_production_stage

[4] Finnische und Forscher aus Göttingen haben bei sechs pflanzlichen Produkten die Wege der weltweiten Transportwege nachgezeichnet und vorhandene Infrastrukturen al seiner der Wegbereiter für internationalen Agrarhandel aufgezeigt. Je nach Produkt und geografischer Lage bezeiht rund die Hälfte der Weltbevölkerung Nahrung aus weniger als 1.000 Kilometer Entfernung: https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/wie-viel-regionalitaet-nach-der-pandemie.html

Roland Krieg

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