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Risikofaktor Politik für den Milchmarkt

Landwirtschaft

Rohstoffversorgung bei Milch trotz Dürre gesichert

Im ersten Halbjahr 2018 lag die Milchanlieferung über dem Vorjahreszeitraum. Die anhaltende Trockenheit hat durch geringeren Futterertrag und die Hitze durch Temperaturstress bei den Milchkühen den Ertrag gesenkt. Vor allem die Inhaltsstoffe Protein und Fett stehen den Molkereien im zweiten Halbjahr 2018 weniger zur Verfügung. Doch die Rohstoffversorgung mit Milch ist gesichert, sagte Peter Stahl, Vorsitzender des Milchindustrie-Verbandes (MIV)  auf der Jahrestagung in Berlin. Die Nachfrage nach Käse steigt und stützt damit indirekt den Milchpreis, stellte er am Donnerstag fest. Im Durchschnitt 2018 wird ein Erzeugerpreis von 34 Cent je Kilo Milch erzielt werden.

Markt

Da Milch als Pulver und Butter international gehandelt werden, ist der Blick über die Grenzen ebenfalls wichtig für die Preisbildung. Die Milcherzeugng inNeuseeland ist derzeit wieder expansiv, die Milcherzeugung in den USA liegt ungebrochen über der Vorjahreslinie. Dennoch rechnen sich die Molkerien wegen der Entwicklung der Wechselkurse Chancen auf internationalen Märkten wie China aus. Dort läuft Babynahrung nach wie vor ungebremst mit einem Schwerpunkt auf europäische Ware.

Politik

Größere Sorgen bereitet die Politik. Im Rahmen der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) ab 2020 sollen die Erzeugerorganisationen gestärkt werden. Dazu gehört auch der Artikel 146 der Gemeinsamen Marktordnung (GMO). Der erlaubt EU-Mitgliedsländern ein Zugriffsrecht auf die Lieferverträge. Hier hatte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöcker der Milchbranche ein Ultimatum für eine Sektorstartegie 2030 gesetzt. Stärkten die Vorlagen nicht die Interessen der Milchbauern, dann werde sie den Artikel 148 im Januar 2019 umsetzen [1].

Die Molkereien sind nach wie vor skeptisch. Am Freitag wird die Mitgliederversammlung über das Papier des MIV abstimmen, der Deutsche Bauernverband (DBV) und der Deutsche Raiffeeisenverband (DRV) folgen in den nächsten Tagen mit eigenen Papieren. Alle zusammen werden dann mit einem branchenfremden Mediator beraten. Doch will die Milchindustrie nicht zuerst die Ministerin zufriedenstellen, sondern die Milchbauern, sagte Stahl zu Herd-und-Hof.de. Klöckners Ultimatum habe den Eindruck erweckt, dass nach Umsetzung des Artikels 148 alles in Ordnung sei. Der Artikel ist allerdings kein Allheilmittel. Es gebe keinen Einheitsliefervertrag. Die aktuelle Vielfalt reicht bei Laufzeiten von einem bis fünf Jahre, mit und ohne Angabe von Preisen. „Verträge allein machen keine Preise“, sagte Stahl. Der Internationale Handel mit Restriktionen, Vorgaben und möglichem Embargo habe deutlichere Wirkungen auf die nationale Preisgestaltung. Solche Lösungen sind nach Hans Holtorf vom frischli Milchwerk in Rehburg-Loccum auch nicht im Sinne der Landwirte. Es gebe immer wieder neue Vertragsgestaltungen.

Recht

Der MIV sieht einen größeren Handlungsbedarf beim Produktrecht. Beispielsweise sind bestimmte Filterverfahren für die Proteinanreicherung in Deutschland nicht erlaubt, der Anteil Käse in Schmelzzubereitungen ist nicht ausreichend definiert und Qualitätsansprüche mit Kontrollen im Tankwagen und in der Molkerei sind noch lückenhaft, ergänzt MIV-Hauptgeschäftsführer Eckhard Heuser. Weitere Fragen sind noch offen: Fallen „made in „-Angaben aus Drittländern unter die Lebensmittelinformationsverordnung? Wie ist es bei Begriffen wie „Art“, „Typ“ oder „Stil“? Reicht die einmalige Angabe des Ursprunglandes der primären Zutat im Hauptsichtfeld aus, wenn die Angaben des Ursprungslandes mehrfach auf der Verpackung bereits angegeben sind? Auch bei der Europäischen Gesetzgebung hat Deutschland seinen Stimmenanteil. Der MIV formuliert Hausaufgaben zurück an das Ministerium.

Brexit

Das größte Problem ist aber der Brexit und seine aktuell offene Ausgestaltung ohne Termin für die nächste Verhandlungsrunde mit der EU. Großbritannien importiert mehr Käse als es selbst herstellt. Das allein zeigt, wie wichtig Großbritannien für die Milchwirtschaft ist. Vorkontrakte sind bereits mit Vermerken ausgestattet, dass sie vorbehaltlich Zolländerungen ab April 2019 gelten. Auch wenn der größte Teil des Austrittsabkommen fertig ist, so gibt es nicht annähernd eine Lösung für die Grenze zwischen Nordirland mit seiner Zugehörigkeit zum Vereinten Königreich und der Republik Irland in der EU. „Jede Neudefinition eines Drittlandsstatus erzwingt eine Neudefinition einer Zollkontrolle“, erklärt Heuser. Für Molkereien, die keine Lieferbeziehungen nach UK haben, ändert sich nichts. Wer aber über den Ärmelkanal liefert, der muss sich jetzt mit Zollsätzen und Tarifbestimmungen auseinander setzen. Nur weil sich niemand einen harten Brexit so richtig vorstellen kann, sind die Planungen bei den Unternehmen noch immer zurückhaltend. Der MIV hält deswegen seit einger Zeit Seminare ab, die Firmen auf den Brexit vorbereiten.

Die Unklarheit besteht vor allem in der Ausformulierung einer Grenze zu Nordirland. Sie wird den gesamtirischen Warenaustausch fragmentieren. Mit einem Zollhaus, mit Verplombung am Absendeort, die aber auch irgendwie kontrolliert werden muss oder mit digitaler Signatur. Doch auch dafür muss eine Infrastruktur an der dann nicht mehr grünen Grenze aufgebaut werden. Nicht nur die Milchindustrie zeigt sich ratlos gegenüber Warenströmen, die eigene Wege finden. Wenn der Käseexport aus der EU auf den innereuropäischen Käsefluss in Richtung Irland umschwenkt und die Käsemenge die physiologische Verzehrmenge der rund 4,5 Millionen Iren übersteigt, dann wird statistisch klar, wohin die Mengen versickern. Irische Molkereiprodukte werden auch mehr nach Berlin als nach London abfließen, prognostiziert Heuser.

Strukturwandel

Vollmilch ist nicht Vollmilch. Der Blick in die Supermarktkühlung zeigt die verschiedenen Qualitäten, die preislich mehr als nur zwischen Öko und konventionell differenzieren. Regionalmilch, Biosphärenmilch und A2-Milch [2] sind neue Spieler im Regal. Der zunehmenden Menge an Qualitäten steht eine abnehmende Menge an Milcherzeugern gegenüber. Aktuell bleiben noch die Menge an Milchkühen und damit das Rohstoffangebot konstant. Doch welche Milch soll der Bauer erzeugen?

Das muss er künftig mit der Molkerei absprechen, die auf den Handel reagiert. Der probiert immer wieder Neues aus, sucht entsprechende Rohstoffe und Milchbauern. Bei der „Umstellung“ von Weltmarkt- auf regionale Milch entstehen auf der Erzeugerseite keine Mehrkosten. Nur die Molkerei braucht neue Verpackungen und kann das Angebot schnell realisieren. Schwieriger wird es bei Umstellungen, wie beispielsweise auf Tierwohlställe, gentechnikfreie Fütterung oder A2-Milch durch Austausch der Rinderrassen. Hier müssen die Bauern Geld in die Hand nehmen und stehen eventuell vor dem Problem, dass der Handel die Milch nach einem halben Jahr wieder aus den Regalen nimmt, weil sie nicht wie geplant abverkauft werden.

Molkereien, die bestimmte Käsesorten im großen Stil herstellen, können sowieso nicht auf kleine Wünsche des Lebensmittelhandels reagieren. Ob daher die Mannigfaltigkeit an Labeln den Strukturwandel wirklich aufhalten kann, bezweifeln Molkereivertreter im Gespräch nach der Pressekonferenz mit Herd-und-Hof.de. Die sinkende Zahl an Milcherzeugern und die damit verbundene Vergrößerung der Milchbetriebe wird der Labelvielfalt ein natürliches Stoppsignal setzen. Ein Liter Milch kann nur einmal zertifiziert werden.

Lesestoff:

[1] Frist für Sektorstrategie: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/kloeckner-setzt-molkereien-frist-bis-148-gmo.html

[2] Autbahnmilch A2? Im Sog der Steinzeitdiät hat der Begriff A2-Milch Furore gemacht. Aus Bayern kommend erobert der Begriff mittlerweile auch den deutschen Raum. Die Bezeichnung A1 und A2 bezieht sich auf die gleichnamigen Caseine im Eiweißanteil der Milch. Die Milchrinder Jersey, Brown Swiss und Guernsey erzeugen natürlicherweise überwiegend A2-Milch. Chemisch besteht der Unterschied lediglich durch die Bindung der Aminosäure Histidin in der Aminosäurekette. Dennoch beeinflusst der Unterschied die Verdauung im Darm durch das Weglassen eines bestimmten Peptids (Betacasomorphin-7). Das Fehlen des Peptids soll gesünder sein und Milch selbst für Menschen mit einer Laktoseintoleranz verträglich machen. Das Max-Rubner-Institut warnt: Vor allem zu Laktoseintoleranz und A2-Milch gibt keinelei wissenschaftliche Belege. Ein Bericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit hat bereits 2009 keine bislang aufgestellten Hypothesen für einen Gesundheitseffekt finden können. https://www.mri.bund.de/de/aktuelles/meldungen/meldungen-einzelansicht/?tx_news_pi1%5Bnews%5D=159&cHash=f3abda586c361333628edc13e4496007

Roland Krieg

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