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Expertenforum des RKI

>Heute Mittag lud das Robert Koch-Institut zu einem Expertenforum in das Präsidium der Freien Universität Berlin. Ziel war es, den aktuellen Sachstand wieder zu geben und nach den verschiedensten Meldungen der letzten Wochen eine Reihe von Experten aufzubieten, die für klärende Frage zur Verfügung stehen.

Aktuelle Lage
Prof. Dr. Reinhard Kurth, Präsident des Robert Koch-Instituts, klärte im Vorfeld ab, was denn gegenüber der letzten Pandemie von 1968 heute anders ist und was die Virologen, Tiermediziner und Ärzte so besonders umtreibt. Statistisch gesehen ist eine weltweite Pandemie längst überfällig, was im Wesen der Viren liegt. Den über die Medien populär gewordene H5N1-Virus gibt es seit 1997 und wurde von Hongkong rigide in Grenzen gehalten. 2003 ist er allerdings wieder ausgebrochen. Die irritierenden Besonderheiten des Virus liegen in seiner außergewöhnlich weiten geografischen Verbreitung. In dieser Form hat es das vorher noch nicht gegeben Der westlichste Punkt ist zur Zeit Kroatien. Besonders ist auch seine Pathogenität: Für die meisten Geflügelarten ist das Virus tödlich. Mit 20 verschiedenen Vogelarten und mittlerweile acht Säugetierarten weist H5N1 ein außergewöhnliches Wirtsspektrum auf. Zu den Säugern zählt hierbei neben Mäusen, Katzen und Frettchen eben auch der Mensch. Dabei stellt sich zur Zeit die Gretchenfrage, so Kurth, ab wann das Virus auch von Mensch zu Mensch weiter gegeben werden kann. Es gebe keinen seriösen Wissenschaftler, der momentan sagen kann, ob das Virus diesen Weg überhaupt geht. Vereinzelt zeigen sich innerhalb des Virus "Punktmutationen", die darauf hinweisen könnten. Eine Mutation reiche aber nicht aus. Prof. Dr. Michael Schmidt, Leiter des Instituts für Immunologie am Fachbereich Veterinärmedizin der FU Berlin sagte, dass "einiges zusammen passen muss", damit eine Vermehrung und Übertragung zwischen Menschen funktioniert. Die neuesten Meldungen über leichtere Anbindungstellen an den Menschen sagen noch nichts aus. Die Tier- und Humanmediziner wissen nicht, welche Erbguttypen überhaupt für eine Verbreitung geeignet sind. Die Fälle in der Türkei weisen auf vier bis fünf Mutationen hin. Die Gefahr resultiere aus einer großen Vielfältigkeit er Möglichkeiten, was die Beschreibung des Risikos so unpräzise macht.

Türkei
Prof. Kurth wies darauf hin, dass die Türkei bereits im letzten Oktober den ersten Fall gemeldet hatte. Die aktuell auffällige Häufung zeige, dass die Türken nicht in der Lage waren, dass Virus aus dem Land heraus zu bekommen. Prof. Dr. Hafez Mohamed Hafez, Leiter des Instituts für Geflügelkrankheiten, fügte hinzu, dass in Haushalten der betroffenen Gebiete, die Tiere in engen räumlichen Beziehungen zu den Menschen gehalten werden. Die Tiere haben in den kleinen Wirtschaften einen so hohen Wert, dass die Menschen zögerten, die Tiere bei Krankheiten heraus zu geben.
Bisher helfe nur, die Tiere zu töten. Im Umlauf befindliche Impfstoffe verhindern eine Infektion nicht. Sie geben keine Immunität und schützen das Geflügel nicht. Neue rekombinierte Impfstoffe sind in der Erprobung und China vermeldet erste Erfolge. Bestätigt sind diese jedoch nach Aussage von Prof. Hafez nicht.
Bei den Meldungen über erkrankte Menschen wird auf Europa noch einiges zukommen. Es gibt zwar einen Schnelltest, der innerhalb von zwei Stunden aber lediglich aussagt, ob ein Mensch Influenza hat oder nicht. Welcher Typ das sei, muss dann erst noch getestet werden, sagte Prof. Dr. Regine Heilbronn, Direktorin des Instituts für Virologie der Berliner Charité. Zudem komme der Patient erst zum Arzt oder in die Klinik, wenn er meist schon Fieber hat. Dann ist der Höhepunkt der Virenreplikation bereits erreicht. Das Virus hat sich dann bereits maximal in seinem Körper ausgebreitet.
Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass die Türkei und Deutschland zur Zeit eines gemeinsam haben: Das Wetter: So wie Ende Januar und im Februar die nächste Grippewelle durch Deutschland läuft, so hat die Influenza-Saison auch in der Türkei noch gar nicht begonnen. Daher hat dort auch eine Grippeschutzimpfung noch nicht gegriffen. Die wird empfohlen, weil dann eine Vermischung des Tiervirus mit einem Menschenvirus im Körper vermindert wird. Darin sehen die internationalen Experten eine Gefahr für eine neue aggressive Virusvariante.
Möglicherweise aber entsteht der Pandemievirus nicht durch die Vermischung in einem Körper, sondern durch eine Mutation des existierenden Virus im Geflügel. Die Pandemie im Jahr 1918 wurde durch einen Erreger ausgelöst, der 20 Jahre Zeit hatte zu mutieren.

Grippemittel
Tamiflu ist kein Wundermittel, schränkt Prof. Kurth ein. In den USA gebe es für zwei Millionen Menschen H5N1-Impfstoff. Da stelle sich bei über 200 Millionen Einwohnern die Frage, wer diesen im Ernstfall erhalte. Zudem kann ein Impfstoff nur entwickelt werden, wenn das Virus identifiziert ist. Das muss zusammen passen wie Schloss und Schlüssel. So muss der amerikanische Impfstoff gar nicht auf den Pandemie-Virus wirkt: "Knapp daneben ist auch daneben", so Prof. Kurth.
Er rechnet damit, dass wegen der hohen Geflügeldichte und intensiven Verzahnung zwischen Haushalt und Tierhaltung, der gefürchtete Erreger aus Südostasien kommt. Und das muss nicht unbedingt der H5N1-Typ sein. Der amerikanische Virologe Webster hielt auf dem ersten Berliner Influenza Kongress H9N2 für viel gefährlicher.
Weil alle Behörden und Medien entsprechend sensibilisiert sind, bliebe dieser Erreger nicht länger als 48 Stunden unentdeckt. Dann allerdings kann erst ein geeigneter Impfstoff entwickelt werden. Das geschieht derzeit noch über die Vermehrung in Hühnereiern und dauert 8 bis 12 Wochen. Eine Zulassung des Serums würde dann noch zwei Tage dauern und bis alle 80 Millionen Menschen in Deutschland geimpft sind, vergehen etwa drei Monate. Insgesamt müssen 160 Millionen Dosen hergestellt werden, weil das RKI die Menschen zweimal impfen möchte. Bis dahin haben die Menschen gegen das Virus definitiv keinen Impfschutz.
Die österreichische Firma Baxter verspricht eine effektivere Impfstoffvermehrung über Zellkulturen. Dazu verwendet sie Nierengewebe von afrikanischen Affen. Prof. Kurth sagte eindeutig: Dafür gibt es zur Zeit keine Zulassung. Die Entwicklung für die Zellgewebe-Alternative dauere noch etwa fünf Jahre. Deutschland sei in der glücklichen Lage in Marburg und Dresden zwei der weltweit darüber forschenden Firmen zu haben und die Bundesregierung fördert diese Forschung mit 20 Millionen Euro. Wenn allerdings GlaxoSmithKline in Dresden einen Impfstoff hätte, stünde dieser wegen internationaler Lieferverträge nicht ausschließlich Deutschland zur Verfügung.

Informationen
Die jüngsten Meldungen haben gezeigt, dass Fälle in Brüssel und Köln vorschnell mit der Pandemie in Verbindung gebracht wurden. Der Kölner hatte letztlich noch nicht einmal eine Grippe. Die Bevölkerung ist durchaus zu Recht für das Thema Vogelgrippe sensibilisiert. Daher muss man aber nicht bei jedem Influenza-Verdacht die mögliche Pandemie in den Textanhang stellen. "Wenn die Zahl der Opfer, welche eine Krankheit fordert, für ihre Bedeutung zu gelten hat, dann müssen alle Krankheiten ... hinter der Tuberculose zurückstehen". Das schrieb Robert Koch am 10. April 1882. Bei rein mathematischer Betrachtung steht die normale Influenza mit jährlich 20.000 Toten in Deutschland vor der aviären Influenza. Bei aller Unsicherheit sollte man nicht übersehen, dass die Wissenschaftler weltweit mit Hochdruck an dem Thema arbeiten. Sachliche Informationen, die zudem frei für alle zugänglich sind gibt es beim www.fli.bund.de und www.rki.de.

Roland Krieg

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