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Schäferstunde am Brandenburger Tor

Landwirtschaft

Schäfer demonstrieren in Berlin

Den Berlinbesuchern zauberte gestern am Brandenburger Tor das unverhoffte Bildmotiv einer Schafherde ein Lächeln ins Gesicht. Jugendliche ließen sich zusammen mit Schäfern in ihrer Tracht vor dem Tor ablichten. Über 800 Schäfer aus allen Landesverbänden kamen während der Lammzeit nach Berlin, um in Abwesenheit von Agrarminister Seehofer und aller seiner Staatssekretäre gegen die EU-Bürokratie zu demonstrieren. Auf der Tierparkseite des Brandenburger Tors wurde gleichzeitig die Bühne für die 50-Jahr-Feier der Unterzeichnung der Römischen Verträge aufgebaut.

Schafhaltung unterschätzt
Während bei Rind- und Kalbfleisch der Jahresverbrauch pro Kopf bei fast 13 kg liegt, jeder Bundesbürger im Durchschnitt 54 kg Schweinefleisch im Jahr verzehrt, ist es beim Lammfleisch lediglich ein Kilogramm. 2006 gab es 2,56 Millionen Schafe in Deutschland, davon 1,6 Mio. Mutterschafe und ein Kilo Schlachtfleisch erzielte 4,03 Euro. Rund 100.000 schafhaltende Betriebe gibt es in Deutschland, von denen 60.000 mehr als 10 und 29.000 mehr als 20 Schafe halten.
Generalsekretär Dr. Helmut Born vom Deutschen Bauernverband (DBV) sagte auf der Kundgebung, dass Schäfer Aushängeschild und Sympathieträger der Landwirtschaft sind. Und in der Tat zählen Wollträger und ihr Hirte als romantisches Hintergrundbild zur bäuerlichen Landwirtschaft.

Wer unsere Schäfer quält,
der wird nicht mehr gewählt!

Wo Schäfer verrecken,
da wachsen nur Hecken!

Transparente auf der Schäferdemo

Die Leistung als Deichschützer ist den meisten Verbrauchern aus dem Urlaub an der Küste noch bekannt und dass es die Weite der Lüneburger Heide ohne Wanderschäferei nicht mehr gäbe, vielleicht auch noch. Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände (VDL), Carl Lauenstein, wies in seiner Rede jedoch noch auf ein zukünftig dringlicheres Problem hin: Im Rahmen der Agrarreform werden mehr Milchbetriebe auf den traditionellen Grünlandstandorten aufgeben und ihre Kühe abschaffen. Zudem zieht sich die intensive Landbewirtschaftung von den Grenzertragsstandorten immer weiter zurück, weil dort keine Gewinne mehr zu erzielen sind. Damit diese Flächen offen bleiben und nicht durch die so genannte Sukzession, d.h. dem Einwandern von Büschen und Bäumen schließlich verwalden und zuwachsen, gibt es keine Alternative zur Schafhaltung. Maschineneinsatz und Arbeitskräfte sind unvorstellbar. Rund 300.000 Hektar Grünland werden durch die kleinen Wiederkäuer kostengünstig gepflegt.

Ärgernis Kennzeichnung und Transport
Ende März steht im Bundesrat die Novelle der Viehverkehrsverordnung auf der Tagesordnung, die Anlass für die Demonstration auf dem Pariser Platz gewesen ist. So fordert der VDL eine Bestandskennzeichnung und keine Einzeltierkennung. Verlieren die Schafe im Gestrüpp ihre Ohrmarke, dann muss diese mit der gleichen Bürkratieabbau DBVNummer wieder ersetzt werden. Das kostet nicht nur fünf Euro und bis zu vier Wochen Wartezeit, sondern noch eine aufwändige Ermittlung der verloren gegangenen Nummer. In der Hütehaltung sind 700 Tiere keine Seltenheit. Hat da ein Tier seine Nummer verloren – müssen erst die andern 699 erst ermittelt werden? Beim wandern in einen andern Landkreis, muss der Schäfer dies aus seuchenhygienischen Gründen einen Tag vorher bekannt geben. Lauenstein fragt, ob die Schäfer demnächst mit Landkarten ausgerüstet sei müssen, um die Kreisgrenzen zu identifizieren und wie an einem Wochenende der zuständige Beamte zu erreichen sei? Außerdem werde verlangt, dass bei Tiertransporten über 65 Kilometer Entfernung ein Sachkundenachweis Pflicht werde. Allerdings gehörte dieser bisher nicht zur Schäferausbildung und wer von den erfahrenen Hirten diesen Nachweis nachholen möchte, der findet noch niemanden, der diesen Nachweis ausstellen kann.
Gefahr drohe auch bei den Cross Compliance-Maßnahmen, die im WanderschäferRahmen der Agrarreform einen fließenden Übergang von der Betriebs- in eine Flächenprämie vorsehen. Lauenstein sieht dabei die flächenarmen Schäfereien leer ausgehen.
Auf die Bremse trat dann Ulrike Höfken, verbraucherpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, die eine generelle Kritik „an das böse Brüssel“ nicht gelten lassen wollte. Änderungen in der Viehverkehrsordnung seien durchaus im guten Willen geplant, um beispielsweise Tiertransporte von Bulgarien nach Spanien tier- und seuchengerechter zu regeln. Allerdings trat die EU vor 50 Jahren mit dem Versprechen an, dass es den Landwirten besser gehen werde. So sind sinnvolle Regeln für die Agrarindustrie eben nicht auf die Wanderschäferei anzuwenden und Höffken appellierte an die Bundesregierung, die kleinen Betriebe in der EU besser zu schützen. Auf diese Weise könne man jungen Menschen den Berufseinstieg in die Schäferei „auch wieder schmackhaft machen“.

Lesestoff:
Zu den kleinen Wiederkäuern gehören neben den Schafen auch die Ziegen. Zwei Wirtschaftszweige, die meist nur am Rand des Tagesgeschehens erwähnt werden. Auf Herd-und-Hof.de finden Sie einen Bericht von Dr. Jurkschat über den Brandenburger Ziegentag 2006.
Ein attraktives Saisonereignis findet alljährlich auf der Schwäbischen Alb mit dem Lammauftrieb im Altmühltal statt.
Mehr Informationen aus den Landesschafzuchtverbänden finden Sie unter www.schafe-sind-toll.de

Roland Krieg; Grafik: DBV; Foto Wanderschäfer: VDL

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