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Sind wir alle Rotkäppchen?

Landwirtschaft

Mit den Wölfen leben – Berliner Wolfstagung

Wölfe, Luchse, Löwen und Leoparden haben eines gemeinsam: Der Gedanke, diesen Tieren bei einem Spaziergang unvermittelt gegenüber zu stehen, rufen einen Schauder und Gänsehaut hervor. Urängste werden wach, die den Menschen daran erinnern mögen, dass er nicht unangefochten am Ende der Nahrungskette steht. Es ist dieser alte Konflikt zwischen Mensch und Wildtier, der ganze Wildtierpopulationen an den Rand der Ausrottung gebracht hat. Das berichtete das Wissenschaftsmagazin New Scientist in seiner Ausgabe vom 24. September 2004. In den USA wurde der Wolfsbestand auf nur noch 4.000 Tiere reduziert. Hauptsächlich sehen Bauern ihre Tierbestände in Gefahr.

Die geringste Bedrohung
Doch das Abschlachten der Räuber ist unnötig. Die in New Scientist erste weltweit veröffentlichte Studie über Effekte auf Nutztierbestände zeigte keine signifikanten Auswirkungen. „Es ist dieser kulturelle Überhang, der sagt, Raubtiere sind böse und sie auszurotten ist der beste Weg, das Problem loszuwerden“, sagte damals Hauptautorin Kate Graham von der britischen Universität in Stirling. Raubtiere sind lediglich für drei Prozent der Tierverluste verantwortlich.
Oft gelangt nur ein Tier in den Hauptverdacht, wie beispielsweise der Rotmilan (Milvus milvus) in Spanien. Ihm wird zwar die Hauptlast am Tod von Kaninchen angekreidet, aber es gibt insgesamt weitere 28 Räuber, die sie jagen. In Simbabwe fallen zwei Prozent aller Rinder Raubtieren zum Opfer, aber 23 Prozent sterben an verschiedenen Krankheiten.
Das Bauern manchmal gute Gründe haben, in Raubtieren gefährliche Feinde zu sehen, betonte Bruce Patterson vom Field Museum of Natural History in Chicago: Während große Farmer in Afrika jährliche Verluste bis zu 9.000 Dollar noch verkraften können, stehen Subsistenzbauern mit sehr kleinen Herden schnell vor dem Aus.

Die Lausitzer Wölfe
Der „Tiger von Sabrod“ wurde als letzter Wolf in Deutschland 1904 in der Nähe von Hoyerswerda geschossen. Seitdem „lebt“ er nur noch als hinterlistiger Isegrim im deutschen Märchenwald. Rotkäppchen hat ihm ein Schreckensdenkmal gesetzt – das genauso falsch ist, wie viele Gerüchte, die Canis lupus nachgesagt werden. So gibt es keinen Leitwolf. Weil die kleinen Wölfe bereits nach einem halben Jahr so groß wie ihre Elterntiere sind, gelten die Tiere bei den meisten Menschen als Rudel aus erwachsenen Tieren – aber es ist eine Familie.
1996 wurde auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz erstmals wieder ein Wolf gesichtet. Vier Jahre später beobachteten Revierförster erstmals ein Paar mit vier Welpen. Das Muskauer-Heide-Rudel besteht heute aus rund 12 Wölfen mit zwei Alttieren. Das benachbarte Neustädter Rudel umfasst 11 Wölfe mit ebenfalls zwei Alttieren.
In dem Maße wie das Bundesumweltministerium im November 2006 mit über zwei Millionen Exemplaren eine Wolfsbroschüre verteilte, wappnen sich in der Lausitz auch die Wolfsgegner. Eine Reiterin sei von einem Wolf verfolgt worden, zwei Wölfe hätten einen Hundezwinger belagert und in Bautzen hat ein Jäger einen Verein von Wolfsgegnern gegründet.

Wolfstagung in Berlin
Das Bundesumweltministerium (BMU) lud gestern in Berlin zu einer Tagung über die neuen Nachbarn. Astrid Klug, Staatssekretärin aus dem BMU sieht in den Wölfen, die freiwillig aus Polen eingewandert sind, ein „verloren gegangenes Kulturerbe“. Im Vergleich kann in Indien ein Elefant tatsächlich eine ganze Ernte vernichten, während der Wolf „mal ein Schaf reißt. Als wohlhabende Nation ein vergleichsweise kleines Päckchen, das wir zu schultern haben.“ Man müsse die Ängste der Menschen ernst nehmen und die „Erfahrung mit Wölfen erst wieder erlernen.“
Berichte über den bayrischen „Problembären“ im letzten Jahr haben Jochen Flasbarth, Leiter der Abteilung Naturschutz im BMU, eher einen emotionalen Umgang gezeigt, „der dem Begriff Wildnis und Wildtieren nicht gerecht wird.“ Die Rückkehr der Wölfe sei auch kein Zeichen für eine genesende Umwelt, sondern mehr, dass Wölfe anpassungsfähig auf veränderte Standortbedingungen reagieren können.
Den Naturschützern geht es vor allem um die Richtigstellung erneut aufflackernder Schreckensmeldungen. Die Bild-Zeitung erschien zur Tagung mit der Forderung, dass alle Wölfe abgeschossen werden sollten. Die dort zitierten „Experten“ hatte Flasbarth schon vorher einmal unter die Lupe genommen und bei seinen Kollegen im russischen Ministerium die Antwort erhalten, dass die Herren dort „alle bekannt sind, aber nicht als Experte“.
Der beste Schutz gegen die Wolfsangst ist Wissen. So will Flasbarth die Lausitzer Wölfe mit Sendern ausstatten, um deren Wanderbewegungen und -verhalten zu erkunden. Tiere wandern wieder zurück nach Polen, werden von Autos tödlich angefahren und erliegen bereits der Wilderei. Die Wahrheit ist komplexer als die Schreckensbilder der alten Märchen und manch moderner Medien.

Koexistenz und Wolfsmanagement
Dr. John Linnell vom Norwegian Institut for Nature Research berichtete über die Erfahrungen aus dem skandinavischen Land. Dort steht die Koexistenz mit den Wölfen in der Kulturlandschaft im Vordergrund. „Wölfe können unsichtbare Geister in der Landschaft sein, aber auch höllische Nachbarn“. Das Ziel kann nicht sein, dass WölfeMenschen Wölfe anfangen zu lieben – sie sollen sie aber akzeptieren. Sie reißen Schafe und sie können auch Menschen töten – aber Rauchen und Auto fahren sind wesentlich höhere Risiken.
So steht die Öffentlichkeitsarbeit beim Wolfsmanagement im Vordergrund. Dr. Michael Gruschwitz aus der Sächsischen Staatskanzlei nannte die drei wichtigsten Prinzipien der Arbeit: Das Wolfmanagement muss in der Region durchgeführt werden, in der die Tiere sich aufhalten und kann nicht aus der Ferne gesteuert werden. Das Management und die wissenschaftliche Begleitforschung muss in professionelle Hände gelegt werden. Das sächsische und Lausitzer Wolfsbüro müsse zwischen fachlichen und medialen Interessen trennen. Als 2002 über 20 Schafe gerissen wurden, traf es die Wolfsmanager völlig unvorbereitet. Hieraus haben sie viel gelernt.
Dr. Gruschwitz zeigte Bilder von der Alpha-Wölfin des Muskauer Rudels und zeigte damit, dass die Realität oft anders aussieht, als die Fiktion. Das Tier ist einäugig und humpelt. Auf sie wurde wohl bereits einmal mit Schrot geschossen.

Schäfer können sich gut schützen
Die Tagung hatte nicht nur den internationalen Gedankenaustausch über den richtigen Umgang mit Wölfen zum Ziel, sondern stellte der Öffentlichkeit den „Leitfaden für den Umgang mit einer konfliktträchtigen Tierart in Deutschland“ vor. „Leben mit Wölfen“ stammt aus den Federn von Ilka Reinhard und Gesa Kluth, die das Wildbiologische Büro Lupus leiten und die Grundlagenforschung der neuen Isegrims vorantreiben. Mit Gesa Kluth sprach Herd-und-Hof.de über die Situation bei den Schäfern.
Es gibt bereits zahlreiche Informationsveranstaltungen und Seminare für Schäfer, die in Zukunft auch fortgeführt werden. „Wenn es sie vor 2002 bereits gegeben hätte, dann wären die 27 Schafe nicht von den Wölfen getötet worden“, gibt sich Gesa Kluth selbstbewusst. „Die Aufklärung ist ein wichtiger Auftrag.“ Mindestens einmal im Jahr oder anlassbezogen werden kurzfristig über Telefonketten solche Informationsabende veranstaltet und die Wolfsforscherin ist erfreut darüber, dass die Schäfer durchaus eine positive Einstellung mitbringen. Nur gemeinsam mit den Schäfern könne man gute Schutzmaßnahmen aufbauen. Und davon gibt es einige. Ein guter Schutz sind Euronetze, die unter Strom gesetzt werden. Die Erfahrung zeige, dass Wölfe versuchen unter den Netzen durchzukommen und nicht darüber springen. Im Wesentlichen entspricht ein Wolfsschutz einem Schutz vor Wildschweinen, weswegen ein Euronetz nicht etwas vollkommen neues in der Schäferei darstellt. Zusätzliche Barrierelitzen werden den Schäfern finanziert, so dass für den Mehraufwand nicht auch noch Mehrkosten hinzukommen.
Bei kleinen Schafherden und in den Alpen sind Euronetze ungeeignet und für die Schäfer zu teuer. Daher haben die eingewanderten Wölfe den Herdenschutzhunden wieder neue Aufgaben beschert. Zur Zeit sind es hauptsächlich Pyrenäen-Berghunde, die zusammen mit der Schafherde aufwachsen und nicht als Hütehund die Herde begleiten, sondern „ihre Herde“ vor Wildtieren beschützen. Mittlerweile stammen die ersten Herdenschutzhunde bereits aus deutscher Aufzucht. Für die Kosten kommt das Wolfsmanagement auf.
Während der Umgang zwischen Schäfern und Wölfen nicht so konfliktträchtig erscheint, wie es manche glauben machen wollen, sieht Gesa Kluth die Jäger in einer stärkeren Opposition zum Wolf. Beide bejagen die gleichen Beutetiere.
Das allerdings ist nicht nur ein deutsches Problem, wie eine aktuelle Studie aus England über die Wiedereinführung der Wölfe in Schottland zeigt.

Schotten wollen Wölfe
Eine Studie in den Proceedings of the Royal Society B: Biological Scienes vom 31 Januar 2007 führt die Vorzüge einer Wolfspopulation für das Schottische Hochland aus. 1769 wurde Canis lupus dort ausgerottet und die Rothirschpopulation wird seitdem lediglich kostenaufwändig von den Bauern und Jägern kontrolliert. Das Ökosystem verkraftet keine zusätzlichen Rothirsche mehr und die Tiere verhindern die Wiederaufforstung in großem Maßstab. Sie stehen in Konkurrenz zur Weidehaltung und reduzieren durch ihren Verbiss und durch das Niedertreten der Vegetation eine mannigfaltige Vogelpopulation. Wölfe könnten den Rothirschbestand kostengünstiger regeln, als die zur Zeit durchgeführten Bestandsmaßnahmen. Forscher des Imperial College London haben die in Schottland geführte Debatte, um die Wiedereinführung des Wolfes untersucht. Zwischen der positiven Grundstimmung für die Neuansiedlung tragen lediglich die Farmer Sorgen um ihre Schafsbestände. Die Studie hat aber auch herausgefunden, dass „die Farmer deutlich positiver über die Idee denken als ihre Repräsentanten, die sie vertreten: Der Bauernverband für Schottland.“
Biologe Dr. Milner-Gulland resümiert seine Forschung: Wir haben zeigen können, dass Wölfe im schottischen Hochland sowohl der Ökologie als auch der Ökonomie Nutzen bringen können. Mitautor Dr. Tim Coulson fügt noch hinzu: „Schottland unterscheidet sich ein wenig von Skandinavien und Nordamerika, wo Wölfe wieder eingeführt wurden. Dort hat die Kultur der Rothirschjagd zur Fleischgewinnung zu einem Konfliktpotenzial zwischen Jägern und Wölfen geführt. Schottland hat nur einen kleinen Markt für die Trophäenjagd und diese Probleme würden gar nicht erst auftauchen.“

Vielfältige Konflikte
Der ländliche Raum wird in den nächsten Jahren erheblichen Veränderungen ausgesetzt sein. Dabei wird es immer wieder zu Interessenskonflikten kommen: Sollen auf einer Fläche Pflanzen für die menschliche Nahrung oder als erneuerbare Energie angebaut werden? Können wir uns Flächen für den Naturschutz leisten, während alle stillgelegten Flächen doch gerade wieder aktiviert werden? Die Städter suchen Erholung und Wellness-Urlaub auf dem Bauernhof, aber die Landbevölkerung sieht im ländlichen Raum ihre Arbeitskulisse. Unter so einen großen Hut, müsste es doch auch noch Platz für den Wolf geben?

Lesestoff:
Anna Goslin: Crying wolf over predator attacks: www.newscientist.com, 25. September 2004; DOI: 10.1016/j.biocon.2004.06.006
Erland B Nilsen, EJ Milner-Gulland et al.: Wolf reintroduction to Scotland: public attitudes and consequences for red deer management, Proceeding of the Royal Society B: Biological Sciences, 31. Januar 2007; www.imperial.ac.uk
Wölfe; Naturschutzmagazin des Bundesumweltministeriums, November 2006;
Die Wolfsbroschüre und die Vortragsfolien der Tagung können unter www.bmu.de eingesehen werden.
Der Leitfaden für den Umgang mit Wölfen kann im Internet unter www.wolfsregion-lausitz.de als PDF heruntergeladen werden. Hier finden Sie vieles über die Biologie der Wölfe, dem Status in Deutschland und Europa, sowie Lösungsansätze im Wolfsmanagement für verschiedene Konfliktfelder.

Roland Krieg; Foto: BMU

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