Menü

Staatliches Tierwohllabel setzt sekundären Standard

Landwirtschaft

Interview mit Dr. Martin Piehl, Landesbauernverband MV

Dr. Martin Piehl
Dr. Martin Piehl, Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern

Der Landesbauerntag Mecklenburg-Vorpommern stand am 05. April überwiegend im Zeichen der Diskussion zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) [1]. Doch neben den Witterungsbedingungen und der Unbefahrbarkeit von Ackerflächen ist die Tierhaltung ein Dauerthema. Nach der Wende hat das nördliche Bundesland rund ein Drittel seines Tierbestandes verloren. Die Nutzviehbestände pro Betrieb sind zusammen mit Brandenburg gegenüber den anderen Bundesländern überdurchschnittlich hoch. Auf die Gesamtfläche bezogen liegt die Zahl der Großvieheinheiten jedoch lediglich bei 0,3. In den letzten Jahren ging die Zahl der Milchrinder (minus fünf Prozent) sogar weiter zurück, die Zahl der Mastschweine steigt an (plus zehn Prozent). Herd-und-Hof.de sprach am Rande des Landesbauerntages mit Hauptgeschäftsführer Dr. Martin Piehl über die aktuelle Situation der Tierhaltung in Mecklenburg-Vorpommern, den Chancen für neue Ställe und neue Tierwohllabel.

HuH: Auch das war auf dem Landesbauerntag in Linstow Thema gewesen: Mecklenburg-Vorpommern hat viel zu wenig Großvieheinheiten auf der Gesamtfläche – aber punktuell schon zu viel … [2]

Dr. Martin Piehl: … [schüttelt mit dem Kopf] …

HuH: …wie bekommt man mehr Tierhaltung auf die Fläche?

Dr. Martin Piehl: Ich schüttele mit dem Kopf, weil es zwar punktuell große Viehbestände gibt. In der Regel steht aber auch eine große Fläche dahinter. Das Problem scheint in den Augen vieler die Verteilung der anfallenden organischen Dünger zu sein. Also punktuell große Viehbestände ohne Fläche, das ist nicht unser Kernproblem.

HuH: Auch nicht im Schweinesektor?

Dr. Martin Piehl: Ich denke nicht. Höchstens bei den gewerblichen Geflügel- und Schweinehaltenden Betrieben, kann das durchaus so sein. In aller Regel haben die jedoch Kooperationsmodelle mit den umliegenden Landwirtschaftsbetrieben, die ihre Flächen ohne Vieh bewirtschaften. Und damit ist der ordnungsgemäße Einsatz von organischen Düngemitteln auch wieder kein Problem. Das wird durch Gesetzgebung und umfangreiche Düngemittelverwendungskontrollen gewährleistet.

HuH: Wie würde man dennoch mehr Nutztiere nach Mecklenburg-Vorpommern bekommen?

Dr. Martin Piehl: In dem die Tierhaltung für die Landwirte, die lediglich Flächen bewirtschaften, so attraktiv macht, dass sie an der Veredlung nicht vorbeikommen können. Nichts können Landwirte so gut wie rechnen.

HuH: Aber die Rinderzahlen sinken in Mecklenburg-Vorpommern …

Dr. Martin Piehl: …die Rinderzahlen sinken, die Produktionsmenge der Milch bleibt gleich.  Das heißt, wir verlieren das an Tierbeständen, was wir an Milchleistung zulegen. Damit leistet Mecklenburg-Vorpommern zur Stabilisierung der Milchpreise bei. Theoretisch. Aber der Effekt verpufft, weil andere Regionen überproportional zulegen. Die sinkenden Tierzahlen haben etwas mit der steigenden Milchleistung zu tun.

HuH: Welche Rolle spielt ganz aktuell die Insolvenz der B.M.G.?

Dr. Martin Piehl: Die Anzahl der Milchviehbetriebe, die mit der B.M.G. Lieferverträge hatten ist bei uns im Land verschwindend gering. Es kann allerdings in der Zukunft ein Problem geben, weil die B.M.G. eine Alternative war …

HuH: … zum Deutschen Milchkontor (DMK)…

Dr. Martin Piehl: … zum Beispiel, ja, und jetzt wegfällt. Dadurch werden die Betriebe dann am Markt ein kleines Stück abhängiger.

HuH: Gegenläufig steigt die Zahl der Schweine im Land.

Dr. Martin Piehl: Die steigende Zahl der Schweine ist eine temporäre Erscheinung, die sich sehr gut in Übereinstimmung mit dem Schweinezyklus bringen lässt. Ich glaube nicht, dass das eine nachhaltige Geschichte ist. Für mich wäre es durchaus nachhaltig, wenn gleichzeitig mit den Masttierbeständen auch die Sauenhaltung wachsen würde. Danach sieht es im Augenblick aber nicht aus. Das sind Reaktionen auf den Markt.

HuH: Kürzlich neu herausgeben sind neue Informationenüber Biosicherheitsmaßnahmen in Richtung Schweinehalter über die Afrikanische Schweinepest. Polen geht sogar noch einen Schritt weiter und informiert die Verbraucher. Die Regionalisierung würde vielleicht auch beim deutschen Verbraucher mehr Verständnis hervorbringen. Hat man den Verbraucher bislang vergessen?

Dr. Martin Piehl: Ich persönlich weiß nicht, ob man damit nicht sogar schlafende Hunde weckt. Die Regionalisierung hat aus meine Sicht nicht etwas mit der Verbrauchersicht zu tun. Dabei geht es um den Handel und das Verhindern der Ausbreitung auf nicht vom Virus befallene Gebiete. Eine Information an die Verbraucher könnte eher das Gegenteil erreichen.

HuH: Der vormalige Landesbauernpräsident Rainer Tietböhl hatte auf der MeLa 2014 gefordert: „Neue Ställe braucht das Land!“ [3]. Was ist daraus geworden?

Dr. Martin Piehl: Die Bemerkung von Präsident Tietböhl bezog sich damals darauf, dass jeder neue Stall, sowohl für die Tiere bessere Haltungsbedingungen nach sich zieht, als auch für die Arbeitsbedingungen der Menschen. Die Investitionstätigkeit in diesem Bereich hat sich nicht in dem erforderlichen Maß beschleunigt. Das hat aber auch damit zu tun, dass die Chancen der Schweinefleischproduktion bei den Landwirten nicht euphorisch eingeschätzt wurden. Zum zweiten wurden an die Förderung von Baumaßnahmen höhere Anforderungen gestellt, so dass diese sich vor dem Hintergrund der Schweinepreise die Refinanzierung als schwieriger erwies. Zuletzt hat auch die zunehmende Sensibilisierung der Bevölkerung dazu geführt, dass bei jedem Bauprojekt und selbst bei der Ökofleischerzeugung Gegenwind zu erwarten ist. Es hat beim Stallneubau keinen Ruck gegeben.

HuH: Der ländliche Raum in Berlin ist nicht mehr nur dem Bundeslandwirtschaftsministerium zugeordnet, sondern möglicherweise dem Heimatministerium. Ist das förderlich oder bremst das?

Dr. Martin Piehl: Wenn man den gleichen Etat auf zwei Ministerien aufteilt, bremst das. Viele Köche verderben den Brei. Wenn man aber ein neues Budget schafft, ohne das Budget im Landwirtschaftsministerium zu kürzen, dann ist es zusätzliches Geld und wird mit Euphorie begrüßt.

HuH: Die Tierhaltung steht in der Öffentlichkeit unter Druck. In der Politik gibt es ein Puzzle aus Nutztierstrategie, staatliches Tierwohllabel, es gibt auch die vorhandenen gesetzlichen Regeln. Fast jede Woche bringt der Lebensmitteleinzelhandel neue Tierwohllabel in die Regale. Ist das paralleles arbeiten oder Orientierungslosigkeit?

Dr. Martin Piehl: Das ist der Drang, sich am Markt der Meinungen vorteilhaft zu platzieren. Das ist auf keinen Fall eine konzertierte Aktion und ist aus meiner Sicht auch negativ zu bewerten. Diese Vielzahl an verschiedenen Stoßrichtungen verwirrt den Verbraucher und garantieren nichts.

HuH. Skepsis auch gegen das staatliche Tierwohllabel? Das Bundesministerium ist für die Gesetze zuständig und hebelt diese durch ein höheres Tierschutzlabel aus?

Dr. Martin Piehl: Es werden übergesetzliche Standards gesetzt.

HuH: Das ist doch eine gefährliche Sache…

Dr. Martin Piehl: … das ist immens gefährlich. Erstens für die Produzenten, weil es fast keine Initiative gibt, die eine hundertprozentige Refinanzierung der Mehraufwendungen garantiert. Das ist schließlich das Kernproblem. Mit jedem zusätzlichen Label muss eine durchgehende Logistikkette vom Produzenten bis zum Ladentisch separat geführt werden. Mit allen Fährnissen die dabei sind, mit allen Möglichkeiten, dass da mal ein Fehler passiert. Damit kann man so eine „Labelei“ diskreditieren. Und die Gefahr wird mit jedem Label größer.

HuH: Das heißt, die Branchenlösung Initiative Tierwohl, ist das umfassendste und beste was wir momentan haben?

Dr. Martin Piehl: Sie ist nicht perfekt, aber sie ist zurzeit die Initiative, die aus meiner Sicht die höchste Chance hat, dass auch der Produzent einen garantierten Vorteil hat. Und: Das man damit auch eine größere Marktdurchdringung haben kann. Wenn man sich anschaut, wie viel Prozent des Fleisches unter der Branchenlösung produziert wird, ist das doch für die Tiere ein echter Fortschritt. Und eine wichtige Einkommenschance für den Landwirt. Wenn das beides zusammenkommt, sollte man das weiter entwickeln.

HuH: Vielen Dank für das Gespräch

Die Fragen stellte Roland Krieg. Das Interview erschien zuerst am Freitag in der vfz Vieh und Fleisch Handelszeitung.

Lesestoff:

[1] Gestalten oder Verwalten? Landesbauerntag Mecklenburg-Vorpommern: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/jede-reform-trifft-auf-ihre-grenzen.html

[2] Viehhaltung in MV: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/tierhaltung-in-mecklenburg-vorpommern.html

[3] Neue Ställe für das Land: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/tierschutz-bei-geringen-gewinnmargen.html

Roland Krieg; Foto: roRo

Zurück