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Strukturwandel im Ökobereich

Landwirtschaft

2. Wintertagung des AgrarBündnis in Güstrow

> Im mecklenburgischen Güstrow tagte gestern das AgrarBündnis über die Zukunftsperspektiven des Ökolandbaus in Mecklenburg-Vorpommern. Das AgrarBündnis in MV ist ein Zusammenschluss aus den Ökoverbänden Demeter, Gäa und Bioland, der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und der Tierschutzorganisation PROVIEH. Carola Ketelholdt von Bioland fasste die drei Ziele der Tagung zusammen:
Informationen an die Bauern weiterreichen
Den aktuellen Output aus der Forschung vorzutragen und
Forderungen an die Politik zu formulieren.
Daneben gelang es noch durch qualifizierte Vorträge der geladenen Gäste, ein lebendiges Bild des Ökolandbaus zu zeichnen. In MV ? aber nicht nur für MV.

Ökologisch und rentabel?
Die Daten aller landwirtschaftlicher Betriebe über zwei Hektar Betriebsfläche in MV stehen Dr. Hubert Heilmann von der Landesanstalt für Landwirtschaft und Fischerei aus Gülzow zur Verfügung. Das ernüchternde Fazit: Während im konventionellen Bereich ein Ertragsfortschritt von 1,2 dt/ha und Jahr zu verzeichnen ist, stagnieren die Erträge der Feldfrüchte im ökologischen Landbau. Hinzu kommen sinkende Erzeugererlöse und steigende Betriebsmittelkosten, so dass die Ertragsschere zwischen den beiden Landwirtschaftswelten immer weiter auseinander geht. Das der Ökolandbau bei einem halben Ertrag pro Fläche dafür den doppelten Preis erhält, stimme schon längst nicht mehr, so der Betriebswirtschaftler. Gerade im dünn besiedelten Flächenland MV ist die Direktvermarktung kein Allheilmittel, Produkte zu verkaufen. Der Tourismus, von manchen als zusätzlicher Absatzkanal gesehen, bleibt auf rund sieben Monate des Jahres beschränkt.
Ohne Fördermittel können mittlerweile auch die Ökobetriebe nicht mehr existieren, wie sein Vergleich zeigte. Schon im konventionellen Bereich übersteigen die Fördergelder die Markteinkünfte. Die Produktion von Ökomilch zehrt die Liquidität auf. Meist sind bei 35 ct/kg Milch nur noch die Direkt- und Arbeitskosten gedeckt, während die Kosten für Anlagen und Gebäude aus anderen Quellen bezahlt werden müssen.
Rechtzeitig greift jedoch seit dem 01. Januar die Agrarreform, die mit dem Ziel der Entkopplung der Prämien den Bauern Spielraum gibt, das Land nicht nur mit der markt- und fördergerechtesten Frucht anzubauen. Vor allem im Feldfutterbau gewinnen Leguminosen oder Gründündung an Attraktivität.
Einsparpotenziale liegen generell in der Intensivierung der Ökoproduktion, so Dr. Heilmann. Ohne das Selbstverständnis der nachhaltigen Produktion aufgeben zu müssen, können Mutterkuhbetriebe neben der Aufzucht auch die Mast in die eigene Hand nehmen. Die Alternative sieht Dr. Heilmann in der vertikalen Kooperation, einer engeren Zusammenarbeit zwischen mehreren Aufzuchtbetrieben, einem Mäster und einem Vermarkter. Intensivierung bedeutet hier auch tatsächlich mehr Vieh auf eine Fläche zu stellen. 1,4 Großvieheinheiten pro Hektar sind im Ökobereich auch wegen der in Nordostdeutschland mangelhaften Humusbilanz der Böden wünschenswert - jedoch liegen die meisten Betriebe deutlich unter dieser Marke.

Mitschwimmer und Marktprofis
Exklusiv für die Wintertagung hat Astrid Engel von der TU München erste Ergebnisse einer bis Ende des Jahres laufenden Studie vorgestellt, die vom Forschungsministerium (BMBF) unterstützt wird: Motivation und Strategien ökologisch wirtschaftender Landwirte. (Das BMBF fördert im Rahmen des Verbundprojektes ?Von der Agrarwende zur Konsumwende? auch das Projekt Regionaler Wohlstand ? s. Herd-und-Hof.de vom 26.02.2005).
Neben MV weist auch Bayern mit acht Prozent einen sehr hohen Anteil ökologischer Produktion auf, und hat mit Kleinstrukturen und einem höheren Anteil Direktvermarktung einen ?familiäreren Charakter? der Biobranche, was für die Wissenschaftler Grund genug gewesen ist, 65 bayrische und 35 norddeutsche Ökobetriebe für eine Fallstudie ausführlich zu interviewen. Astrid Engel konnte bereits ein erstes Fazit ziehen, dass die Ökobranche dabei ist, zu ?konventionalisieren?: Der wachsende ökonomische Druck lässt die Betriebe sich zunehmend am Markt positionieren, wie es die konventionelle Branche in der Vermarktung und Kooperation schon längst zu tun gezwungen ist.
In MV lassen sich bereits fünf Typen der Ökobetriebe klassifizieren:
Idealisten: Diese Betriebsleiter sehen in der ökologischen Produktionsmethode auch eine ganze Lebenshaltung, ziehen die Direktvermarktung vor und haben ideologische Vorbehalte gegenüber den konventionellen Kollegen. Sie müssen mit dem inneren Zwiespalt zwischen Idealismus der Methode und Pragmatismus des Marktes zurecht kommen.
Überlebenskämpfer: Dies sind meist LPG-Nachfolger, die mit der Ökoproduktion eine Existenz gegründet haben und darin eine berufliche Perspektive sehen. Anstelle einen konventionellen Betrieb wegen der Altschuldenproblematik aufzugeben, betreiben sie extensive Mutterkuhhaltung. Sie schreiben sich selbst eine wichtige Rolle in der ländlichen Gesellschaft zu.
Mitschwimmer: Dahinter befinden sich kleine Umstellungsbetriebe, die den selbstständigen Landwirt als Berufsziel definieren. Auf Grund ständigen Kapitalmangels folgen sie dem Prinzip der betrieblichen Kostenminimierung, sind jedoch fast ständig bereit, ihren Betrieb wieder konventionell umzustellen.
Für die Marktprofis ist der Ökolandbau eine interessante Geschäftsidee. Sie vermarkten ihre Produkte auf konventionellem Weg, haben eine hohe Diversifizierung auf dem Betrieb, auch außerhalb der Landwirtschaft, und sind auf Funktionärsebene aktiv.
Die Experimentierfreudigen suchen immer neue Marknischen und sind daher sehr flexibel aufgestellt. Sie gehen in der Vermarktung und Produktion gerne neue Wege und produzieren nach dem Motto: ?Entweder ökologisch oder gar nicht ? aber rentabel muss es sein!?
Astrid Engel sieht in der Klassifizierung auch eine Standortbestimmung für Optimierungsstrategien. So könnte beispielsweise dem ?Mitschwimmer? über eine Beratung der Gestaltungsspielraum aufgezeigt werden, damit er ökonomische Durststrecken leichter überwinden kann. Die Marktprofis könnten als ?Kristallisationspunkt? genommen werden, um neue Produkte oder Verarbeitungen auszuprobieren und anzusiedeln.
Das sind jedoch nur erste Ergebnisse der bisher ausgewerteten Fallstudie.

Die Macht des Marktes
Die Typenklassifizierungen beinhalten mindestens den Wahrheitskern, dass nicht nur in MV der ökologische Landbau großen Herausforderungen ausgesetzt sein wird. Die EU-Erweiterung übt mit noch mehr Grünland als Produktionsbasis für Milch und Fleisch Druck auf die schwierigen Märkte aus (s. Herd-und-Hof.de vom 24.02.2005). Carola Ketelholdt danach befragt, sieht es etwas gelassener: Handelsbeziehungen hat es bereits vor der Erweiterung gegeben und die Länder sind mit dem Aufbau einer Zertifizierung, den Einhaltungen der Richtlinien noch ausreichend mit sich selbst befasst. Zwar gebe der Export Grund zu Befürchtungen, jedoch der Aufbau eines heimischen Marktes auch Hoffnungen. Man müsse abwarten, wie sich der Markt entwickelt. Regina Witt, Geschäftsführerin von Gäa, wird konkreter: Die Betriebe müssen sich genau überlegen, welche Produktionsrichtung sie einschlagen wollen. Sie sieht in der Verarbeitung und Veredlung noch viele ungenutzte Chancen bei Metzgereien und Bäckereien. Folglich müssen die Betriebe versuchen, die Wertschöpfung der Produktion durch neue Produkte selbst einzutreiben. Dr. Burkhard Roloff vom BUND will auch die Betriebe von Roggen, Rindern und Milch wegbekommen. Ökoschweine und Geflügel sind, nicht nur in MV, Mangelware.

Wie sieht die Praxis aus?
Der Demeter-Betrieb von Ture Gustavs aus Zandershagen hat mit einer Jersey-Kuh angefangen und dem Bedarf folgend heute 10 Kühe und 15 Mastschweine auf 25 Hektar stehen. Sein Betrieb hat das Ziel eines geschlossenen Kreislaufes weitestgehend erreicht, denn die Rinder bekommen ausschließlich hofeigenes Futter: Im Sommer durch Weidegang und im Winter Heu und hofeigenes Getreide. Mittlerweile hat er auch die alte Zweinutzungsrasse Allgäuer Braunvieh auf dem Hof stehen und bewahrt sie durch Nutzung vor dem Aussterben. Fast zwei Drittel der Milch wird in einer hofeigenen Käserei verarbeitet und im Hofladen verkauft. Nur alleine die Milch erzielt, ohne zusätzliche Prämien und ohne Hofladen, einen jährlichen Umsatz von etwa 60.000 Euro, wie Gustavs sagt. Der Betrieb folgt nicht nur den Anbaurichtlinien, sondern spiegelt eine ganze individuelle Lebenseinstellung erfolgreich wieder. Darin scheint er sein Wachstumsoptimum erreicht zu haben.

Die Klimaxvegetation Mitteleuropas ist der Wald. Die Berliner würden jedoch kaum am Ausflugswochenende die Endmoränen der Feldberger Seenlandschaft überblicken, wenn in dem Naturschutzgebiet Hauptmannsberg überall Bäume stünden. Damit die Landschaft nicht verbuscht und auf den Magerrasenflächen seltene Pflanzen gedeihen können hält Heino Hermühlen von der Gäa Schäferei Hullerbusch das Land mit 400 Schafen und 100 Ziegen offen. Solitäreichen, Ginster- und Schlehenbüsche werden von den kleinen Wiederkäuern zurückgehalten. Allerdings bietet die Magerrasenvegetation keine ausreichende Futtergrundlage, um die Tiere neben der Beweidung gewinnbringend zu vermarkten ? obschon die gesamte Arbeit des Züchtens, der Aufzucht und der Schäferei entlohnt werden muss. Lediglich 100 Lämmer können bis nach Berlin ökologisch vermarktet werden. 300 weitere Lämmer werden konventionell verkauft und erzielen dabei die schlechtesten Preise, denn das Naturschutzgebiet lässt lediglich Schlachtkörper zwischen 40 und 60 Kilogramm zu. Und nicht alle Schafrassen können sich auf den kargen Standorten ernähren. Hermühlen nutzt überwiegend das Rauwollige Pommersche Landschaf (s. Herd-und-Hof.de vom 20.10.05). Die Ausflugslandschaft zwischen den Moränenseen Zansen und Luzin gibt es nicht ?im Katalog anzukreuzen?, wie Hermühlen es formuliert. Die Landschaft müsse schon über die Produkte entlohnt werden.

Die Bio-Gärtnerei Watzkendorf hat den Kleinkram der Direktvermarktung eingestellt. Kohl, Kräuter, Mangold, Radies oder Lauch werden auf sieben Hektar Freigelände gezogen und vermarktet. Erst seit Eineinhalb Jahren erwirtschaftet der Betrieb einen Gewinn, seitdem Sabine Kabath direkt an den Großhandel nach Berlin liefert. Und musste sich an die Gegebenheiten des Marktes gewöhnen: Lieber schon mal fünf Tonnen Zucchini kompostieren als zum Preis für 20 Cent noch den Aufwand betreiben, das Gemüse unter Preis zu verkaufen. Die wirtschaftliche Rechung trägt: Sabine Kabath bildet in MV die einzigen drei Gemüsebaulehrlinge aus.

Kann die Politik Vielfalt sichern?
Gegenüber des Vorjahres gaben 29 Betriebe in MV den ökologischen Anbau auf. Es wurden 1.880 Hektar Fläche eingebüßt. Weniger die Betriebsaufgaben als mehr der Flächenverlust wurde einhellig auf der Tagung bedauert. Ausgeschieden sind Betriebe, die Landwirtschaft im Nebenerwerb betrieben und keine Direktvermarktung fuhren ? was durchaus dem bundesdeutschen Strukturwandel entspricht. Positiv verzeichnet Dr. Kai-Uwe Kachel aus dem Schweriner Landwirtschaftsministerium den Zuwachs an verarbeitenden Betrieben im Ökobereich. 1995 gab es nur 13 und zehn Jahre später sind es bereits 79 Betriebe. MV sieht sich gerne als agrarisches Exportland und ist dabei, die Wertschöpfung am Ende der Produktionskette zu gewinnen. 155 Millionen Euro standen einst von der EU für den Umweltschutz zur Verfügung, von denen rund die Hälfte des Geldes an die Landwirtschaft ging. Als der Etat ausgeschöpft war, so Dr. Kachel, wurde die Förderung für Neueinsteiger eingestellt. In diesem Jahr soll jedoch die Förderung wieder aufgenommen werden. Festgehalten wird an der Erweiterungsförderung für die Betriebe, die durch die Herausforderungen des Marktes weiter wachsen müssen. Darin sieht der Politiker die bestimmende Komponente für die Branche. Mit Rügen und Usedom weist das Küstenland ansprechende touristische Gebiete auf, in denen MV nun auch die Gastronomie nach Ökorichtlinien zertifizieren will. Tourismus und Wellness als Vermarktungswiese. Dr. Kachel sieht in den großen Betriebsstrukturen auch die Chance größere Partien von gleichbleibender Qualität großhandelsgerecht anzubieten. Zusammen mit den Verbänden hat das Ministerium festgelegt, dass die Ökobetriebe keine Flächen mehr stilllegen müssen. Dafür stelle der praktizierte Ökolandbau bereits eine extensive Bewirtschaftung dar. Die Betriebe bekommen anstelle der Stillegungsprämie dann bei geringem Aufwand für den Nachweis die Ökoprämien. Aber die Politik gibt auch klar die externe Grundbedingung vor: Die ?Ausrichtung der Produktion auf eine den Absatzpotenzialen orientierte Angebotsentwicklung?, so Dr. Kachel. Ähnlich unklar bleibt auch die Frage nach der Koexistenz zwischen gentechnikfreien und Anbau mit gentechnisch veränderten Organismen (GVO). ?Gentechnikfreie Zonen sind ganz klar ein Marketinginstrument? und deren Erhalt ?ein Signal an die Landwirte?. Ob die Koexistenz allerdings auch gelingen kann, wusste Dr. Kachel nicht. Schwerin gibt keine Empfehlung für den Anbau von GVO.

Forderungen an die Politik
Damit sich alle Betriebe, die sich mit Kurzporträts auf der Tagung vorstellten, in der Politik wiederfinden, stellte Dr. Roloff 10 Forderungen des AgrarBündnisses zur Entwicklung des ökologischen Landbaus in MV vor. Fast schon heldenhaft steht die Forderung nach 20 Prozent Ökobaufläche bis 2010 ganz vorne in der Agenda. Immerhin muss man sich Ziele und Visionen setzten, verteidigte sich das AgrarBündnis in der Pressekonferenz. Mit der Forderung der Aufrechterhaltung direkter Förderung stehen die Ökobauern nicht alleine da. Auch die konventionellen Familienbetriebe leiden darunter, dass sie ihre Betriebseinkommen nicht alleine durch Marktpreise decken können. Die Entwicklung von standort- und betriebsstrukturtypischen Bio-Demonstrationsbetrieben dient nicht nur der Gefahr vorzubeugen, dass sich Betriebe wieder konventionell Rückumstellen, sondern auch der weiteren Forderung, die Forschung mit einem Kompetenzzentrum Ökologischer Landbau voranzutreiben. Mehr Forschung wird auch international vom Institute of Food Science & Technology aus Cambridge gefordert (s. Herd-und-Hof.de vom 03.03.05). Es gibt in MV nur einen landwirtschaftlichen Berater für den Ökolandbau, aber 9 Millionen Euro Investitionskapital für ein neues Biotechnologiezentrum bei Rostock, bemängelte Dr. Roloff.

Roland Krieg

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