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Symposium Energiepflanzen Teil I

Landwirtschaft

Energiepflanzen zwischen Potenzial und Risiken

Aktuell hat der Ölpreis die Marke von 90 US-Dollar je Barrel geknackt. Weltweit steigt der Energiebedarf jährlich um 1,5 Prozent. Aber, so Prof. Dr. Martin Kaltschmitt vom Institut für Energetik und Umwelt in Leipzig, dieses Wachstum findet fast ausschließlich in Entwicklungs- und Schwellenländern statt.
Bei Strom liegen Wasserkraft mit 29 Prozent und Windkraft mit 41 Prozent Anteil an den erneuerbaren Energien vorne. Biomasse stellt Zuckerhirsejedoch 92 Prozent des Wärmebedarfs und 100 Prozent des Kraftstoffs. Innerhalb des Anteils erneuerbarer Energien an der Primärenergie bietet die Biomasse mit 76 % ein großes und sinnvolles Potenzial.
Staatsekretär Gert Lindemann aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium (BMELV) kennt aber auch die negativen Bilder, die Verbraucher in den letzten Monaten mit nachwachsenden Rohstoffen in Verbindung bringen: Monokulturen, vermehrte Düngung, Intensivierung und Preissteigerungen bei Lebensmitteln.
Deshalb treffen sich seit gestern Politik, Wissenschaft und Verbände in Berlin zum zweitägigen Symposium Energiepflanzen, das von der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe FNR koordiniert wird. Die Spannungen der nachwachsenden Energien sollen diskutiert, Zwischenergebnisse vorgestellt und Forschungsbedarf aufgedeckt werden.

Ziele und Potenziale
Gemäß der Regierungsbeschlüsse in Meseberg soll der Stromanteil aus erneuerbaren Energien bis 2020 auf 30 Prozent, deren Wärmeanteil auf 30 % und der Anteil an Biokraftstoffen auf 17 Prozent steigen. Das schone fossile Energiereserven, sichere die Eigenversorgung und schaffe Arbeit und Wertschöpfung im ländlichen Raum.
Aktuell werden über zwei Millionen Hektar nachwachsende Rohstoffe angebaut. Davon sind 87 Prozent Energiepflanzen, also auf rund jedem siebten Hektar Ackerfläche.
Würde das ganze Potenzial ausgenutzt, würde Biomasse bis zu 40 Mio. t Steinkohle bei vollständiger Verstromung oder 40 Mio. t Heizöl bei vollständiger Wärmenutzung oder 30 Mio. t Diesel als Kraftstoff ersetzen.

Risiken und Forschung
Es gibt jedoch vermehrt Signale aus Regionen, die den Spaß am Anbau von Energiepflanzen verderben. Florian Schöne vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) fürchtet eine „Intensivierungswelle mit einhergehendem Verlust an Biodiversität“. Durch die Aktivierung still gelegter Flächen für den Anbau von Energiepflanzen gehen ökologische Ausgleichsflächen verloren. Der Landkreis Borken musste in diesem Jahr bereits außergewöhnliche Pachtpreise vermelden und Schöne beklagte den zunehmenden Grünlandumbruch. Er zeigte Beispiele von Maisanbau auf norddeutschem Niedermoor und nach Grünlandumbruch in einem FFH-Gebiet. Biomasse sei wichtig, aber nicht unerschöpflich, so sein Fazit.
Das nimmt die Forschung auch zur Kenntnis. Seit 2004 führt die FNR 190 Projekte mit einem Etat in Höhe von 43 Millionen Euro im Bereich der Bioenergie durch. Auf Energiepflanzen entfallen 50 Projekte, für die über 15 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Für Dr. Andreas Schütte von der FNR ist klar: „Ohne Akzeptanz kann die Entwicklung von nachwachsenden Rohstoffen nicht getragen werden.“ Mais und Raps sind derzeit die beiden Pflanzen, die am meisten angebaut werden. Das soll jedoch so nicht bleiben. Die Projekte der FNR berücksichtigen die gesamte Kette der Energiepflanzenwirtschaft undZuckerhirse deren Nachhaltigkeit. Der Nettoenergieertrag der Pflanzen müsse innerhalb einer vielgliedrigen Fruchtfolge gesteigert werden. So könne auch der Pflanzenarmut entgegengewirkt werden. Nach Abschluss des seit 2005 laufenden Projekts „Entwicklung und Vergleich von optimierten Anbausystemen für die Produktion von Energiepflanzen“ (EVA) sollen den Bauern auf ihre Region zugeschnittenen Konzepte für den Energiepflanzenanbau in die Hand gegeben werden. Dazu gehört auch eine ökologische Begleitforschung.
Dr. Schütte mahnt zu objektiven Auseinandersetzungen und findet den medialen Begriff „Maiswüsten“ unangebracht. Jüngst erregte Nobelpreisträger Crutzen mit seiner Analyse zu Lachgasemissionen Aufsehen. Diese Arbeit befinde sich derzeit jedoch noch in der wissenschaftlichen Bewertung und Dr. Schütte verwies auf Prof. Fried von der Universität Giessen, der zu Crutzens Arbeit zwei Fragen aufgestellt hat: Sei die Lachgasemission nicht ein generelles Problem der Landwirtschaft? Warum hat er seine Betrachtungen ausgerechnet auf die Energiepflanzen ausgerichtet?

Flächenkonkurrenz und Biogaspleiten
Für die Furcht vor Flächenkonkurrenz sieht das BMELV keine Veranlassung. Die Anbaufläche für Lebensmittel werde sich in Europa nicht weiter ausdehnen müssen. Die Landwirtschaft erziele jedes Jahr eine Produktivitätssteigerung von ein bis zwei Prozent. Das entspricht nach Berechnungen von Dr. Jürgen Ohlhoff aus dem BMELV einem Flächenäquivalent von rund 120.000 Hektar. Die kann dann anderweitig genutzt werden.
Derzeit bringen die steigenden Kosten für Mais manche Biogasanlage in schwieriges ökonomisches Fahrwasser. Sogar die Bioethanolanlage in Schwedt musste in diesem Jahr ihre Produktion einstellen. Lindemann sieht darin nur eine „marktwirtschaftliche Bremse“. Für manche Investitionen, die u.a. zu hohe Renditen versprochen hätten, „ist es derzeit problematisch“. Die Situation sei jedoch auch ein Zeichen, dass die Nahrungsmittelproduktion, wie andererseits auch befürchtet, nicht zu kurz komme. Die Bauern können je nach Preislage ihre Produktion wieder umstellen und es werde sich auf dem neuen Markt eine Balance finden.
Das BMELV will sich auch weiterhin für eine angemessene Besteuerung des Biodiesels einsetzen, auch wenn letztlich die Bundesregierung entscheidet, so Lindemann.
Offen bleibt die Frage, welcher Wertschöpfungsanteil bei den Bauern bleibt. Bei den vielen kleinen Anlagen profitieren sie direkt. Bei großen Anlagen von börsennotierten Unternehmen verschiebt sich der Anteil. Je mehr die Bauern in den Prozess eingebunden werden, desto besser sei es. Lindemann sieht Bioenergiedörfer und vergleichbare Kreislaufwirtschaften als „hervorragende Beispiele“ der Partizipation: „Die Möglichkeit erneuerbare Energien dezentral zu machen ist also ein Glücksfall für den ländlichen Raum.“

Die neuen Feldfrüchte – Sorghum bicolor
Zuckerhirse gehört zu großkörnigen Sorghumhirsen. Besonders zuckerreich sind die Mohrenhirsen, die aus Afrika stammt. Dort wird sie als Getreide für Hirsebrei angebaut. In den USA für die Sirupherstellung und mittlerweile auch als Futtermittel. Ihre Massenwüchsigkeit und Trockentoleranz rückt die Zuckerhirse Sorghum bicolor in den Fokus der Biogasbranche. Die C4-Pflanze kann bei Trockenheit ihr Wachstum unterbrechen und später wieder aufnehmen. Eine sinnvolle Fruchtfolgeergänzung an Standorten mit geringer Wasserversorgung.
Die Zuckerhirse hat derzeit noch eine große Erntspanne. Sie kann zwischen acht und 20 Tonnen Trockenmasse je ha erzielen. Der Methangehalt des Biogases liegt bei 54 Prozent. Weil die Zuckerhirse eine langsame Jugendentwicklung aufweist, muss sie in der Anfangszeit vor Unkraut geschützt werden. Da es keine zugelassenen Herbizide gibt, kZuckerhirseommt die Maschinenhacke zum Einsatz. Sorghumhirsen leiden leicht unter Brandpilzen, falschem Mehltau oder Halmfliegen.
Weil die Pflanze mit einer Wärmesumme von mindestens 2.500 °C in der Vegetationszeit zwischen Mai und September braucht, kommt sie nur für die besseren Ackerstandorte in Frage. Ein kälteres Jahr bestraft sie gleich mit Ernteeinbußen. Im heißen und trockenen Sommer 2003 hat sie den Mais in den Schatten gestellt.

Teil II und Teil III

Roland Krieg; Zuckerhirse und Fotos: FNR

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