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Tag der biologischen Vielfalt

Landwirtschaft

Vielfalt ist mehr als Schönheit der Natur

In Potsdam geben Agrarminister Dr. Dietmar Woidke und der Präsident des Landesumweltamtes, Matthias Freude, heute den Startschuss für den brandenburger Teil des bundesweiten Tag der biologischen Vielfalt, der von allen Agrar- und Umweltministerien am kommenden Freitag begangen wird.
Das alles geschieht im Vorfeld der 9. Vertragsstaatenkonferenz, bei der sich im Mai mehr als 5.000 Delegierte aus den Unterzeichnerstaaten des „Internationalen Abkommens über biologische Vielfalt“ in Bonn versammeln. „Nur wer die Natur kennen und schätzen gelernt hat, er wird auch bereit sein, die Pflanzen und Tiere zu schützen und so mitzuhelfen, sie in ihrer Vielfalt zu bewahren“, ist sich Woidke sicher. Zusammen mit Freude will er deutlich machen, dass es nicht genügt, die Schönheit der Natur zu bewahren, sondern nur der Erhalt der biologischen Vielfalt die Grundlage allen Lebens auf der Erde für kommende Generationen sichern kann.

Der Stör ist wieder da
Eines der erfolgreichsten Einbürgerungsprojekte in Brandenburg ist der Stör im Nationalpark Unteres Odertal. Am kommenden Freitag wird Brandenburgs Staatsekretär Dietmar Schulze zusammen mit Wissenschaftlern 150 Jungstöre aussetzen und die Wanderung einiger Tiere mittels Radiotelemetrie verfolgen. Die Forschungen dienen dazu, festzustellen, wie die in Europa vor Jahrzehnten ausgestorbene Art die naturnahe Flussaue im Nationalpark nutzt. Als Ursache für den Verlust der Fischart sind Überfischung, Gewässerverschmutzung und Wasserbau anzusehen. Der Ostseestör ist ein Fisch der Superlative: Er erreicht über vier Meter Länge, wird über 60 Jahre alt und ist mit seiner über 200 Millionen Jahre alten Stammesgeschichte ein lebendes Fossil aus der Zeit der Dinosaurier. Wirtschaftlich hatte er früher eine große Bedeutung für die Fischerei.

DNA-Fahndung nach Fischotter
Erfolge der Natur erhöhen die Konkurrenz zum Menschen. Seltene oder lokal ausgerottete Tierarten rücken durch den Naturschutz wieder in ihre Stammgebiete ein. Die Lausitzer Wölfe sind aber nicht die einzigen, die auch als Symbol für das Konfliktpotenzial zum Menschen herhalten müssen. Die Kegelrobbe breitet sich jährlich um neun Prozent von Schweden und Finnland gen Süden aus. Zur Freude der Naturschützer, zum Ärger der Küstenfischer. Auch der Fischotter steht in direkter Konkurrenz zum Fischer und Angler. Allerdings werden die Schäden meist überschätzt und wissenschaftliche Unkenntnis bestimmt das Thema.
So fahndet das Bayrische Agrarministerium per DNA-Analyse nach der wirklichen Fischotterdichte im Freistaat. Der Bayrischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) ist es gelungen, einen genetischen Fingerabdruck der Fischotter zu nehmen und einzelne Tiere zu identifizieren. „Das wird die Diskussion um den Fischotter versachlichen, denn erstmals sind konkrete Aussagen über eine Population und ihre Entwicklung möglich“, sagte Minister Josef Miller. In zwei Testgebieten des Bayrischen Waldes wurden bislang 14 Fischotter identifiziert. In den nächsten drei Jahren soll das Nahrungsspektrum der Fischotter, eine Lebensraumkartierung sowie eine Befragung von Teichbesitzern und Anglern durchgeführt werden, um allen Beteiligten ein gemeinsames Konzept zu gewährleisten. Dazu gehören auch Schutzmaßnahmen der Teichanlagen.

Aufwärmen für Bonn
Mit dem bundesweiten Länderaktionstag zum Schutz der biologischen Vielfalt am 04. April wärmen sich Umweltverbände und Politik auf das LogoBonner Großereignis auf. Das Übereinkommen zur biologischen Vielfalt (CBD) ist eines der drei völkerrechtlichen Abkommen, die bei der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1993 in Kraft getreten ist. 189 Länder sind dem Abkommen beigetreten. Ziele sind neben der Erhaltung der biologischen Vielfalt, die nachhaltige Nutzung ihrer Bestandteile sowie die gerechte Aufteilung der Vorteile aus der Nutzung genetischer Ressourcen.
Die biologische Vielfalt ist mehr als die Pluralität der Arten. Sie ist auch die Vielfalt innerhalb einer Art als Vielfalt der genetischen Variabilität und die Vielfalt der Ökosysteme. Die letzte Vertragsstaatenkonferenz war im März im brasilianischen Curitiba.

Lebensbasis auf vielfältigen Füßen
Täglich sterben nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe 150 Tier- und Pflanzenarten aus. Über 41.000 stehen auf der Roten Liste. Die Grundlage unserer Ernährung wird derzeit nur von zwölf Pflanzenarten und fünf Nutztierarten gebildet. 99,6 Prozent der Kulturpflanzen und 2.000 Nuttierrassen sind nach Angaben des Freiburger Öko-Instituts ungenutzt und zum Teil vom Aussterben bedroht.
Doch gerade die Züchter sind auf genetische Vielfalt angewiesen. Ohne sie hätten sie gar keine Arbeitsgrundlage.

Das richtige Maß
Oftmals bleibt in der Diskussion über die Biodiversität das richtige Maß auf der Strecke – weil es schwierig zu definieren ist. So haben die umfangreichen Waldrodungen in Mitteleuropa um das Jahr 800 die Waldflora zurückgedrängt und hat das gewonnene Ackerland Steppenpflanzen als „Einwanderungsgebiet“ einen neuen Lebensraum geboten.
Umfassende Bestandsaufnahmen zu Fauna und Flora hat es erst im 19. Jahrhundert gegeben, weswegen Prof. Dr. Josef Reichholf, Zoologische Staatssammlung München, das 19. Jhd. als „Ausgangsverhältnis“ für die Häufigkeit oder Seltenheit von Arten bezeichnet: „Was es damals gegeben hat und heute nicht mehr vorhanden ist, gilt als Verlust, was hinzukam als Einwanderer oder als eingeschlepptes Neozoon oder Neophyt“.
Oft muss die Landwirtschaft als Bedrohung der Artenvielfalt herhalten. Wenn die landwirtschaftliche Nutzung allerdings aufhört, kann auch die Zahl der Arten zurückgehen, wie Tobias Wronka vom Institut für Agrarpolitik und Marktforschung der Justus-Liebig-Universität nachweisen konnte. Fällt die landwirtschaftliche Produktion weg, dann geht die Zahl der Arten bis zu 70 Prozent zurück. Eine attraktive und vielfältige Landbewirtschaftung gibt einer Vielzahl landestypischen Tier- und Pflanzenarten den notwendigen Lebensraum. Er untersuchte den Lahn-Dill-Bergkreis, der sich durch eine kleinstrukturierte und extensive Bewirtschaftung auszeichnet.
Den größten Einfluss auf die Veränderung der Artenzusammensetzung sieht Prof. Reichholf bei der Intensivierung mit Hilfe von mineralischem Dünger in den 1960er Jahren. Die Düngung wirke über Grund- und Oberflächengewässer stärker auf Randbereiche des Ackerbaus und verändert durch intensives Wachstum die mikroklimatischen Bedingungen.

Was passiert, wenn eine Art ausstirbt?
Der Begriff der Nahrungskette ist passé. Ökologen arbeiten lieber mit dem Begriff des Nahrungsnetzes, weil sich Nahrungsketten in Ökosystemen überschneiden. Meist arbeiten sie an Computersimulationen, um zu sehen, was passiert, wenn eine Art ausstirbt. Mathematisch bricht das gesamte Nahrungsnetz zusammen.
Die steigende Population von Spechten in einem Buchenwald beispielsweise bringt die baumbewohnende Käferpopulation zum Zusammenbruch, was ihrerseits die Spechtpopulation zusammen brechen lässt. Diese Welle setzt sich über das ganze Ökosystem fort und macht es instabil. Hingegen zeigt sich die Natur durchaus belastbarer als dieses Computermodell. Darmstädter Zoologen haben das Dilemma aufgeklärt.
„Wir haben einen einfachen Trick angewendet“, erklärt Dr. Ulrich Brose vom Institut für Zoologie der TU Darmstadt. Bislang wurden Parameter, wie Fraß- oder Atmungsrate, für die Simulation der Räuber-Beute-Modelle unabhängig und zufällig ausgewählt. Doch Futtermenge, Atmungsrate, Biomasse und Produktionsrate sind an das Körpergewicht gekoppelt. So steigt die Atmungsrate mit der Körpermasse und Dr. Brose hat die Stabilität der Populationen in Abhängigkeit der Körpermasseverhältnisse der Arten untereinander untersucht. Und verblüffendes festgestellt: „Es stellte sich heraus, dass Nahrungsnetz im Wedell-Meernur in einem klar begrenzten Körpermasse-Bereich alle Arten überleben können. Wir nennen das den Stabilitätsbereich“, definiert Sonja Otto, die ihre Doktorarbeit auch in „nature“ präsentierte. „Wird dagegen eine Art relativ zu ihren Beutearten zu klein oder zu groß, bricht das ganze Netzwerk zusammen.“
Mit dieser Grundlagenarbeit wollen die Zoologen die Folgen des Artensterbens besser vorhersagen können. Welches sind die Arten, die ein Ökosystem tragen, welche Auswirkungen hat der Temperaturanstieg auf das Ökosystem – und welches Konsequenzen wird die kommerzielle Fischerei für die Meeres-Ökosysteme haben?
Ende der vergangenen Woche vergab die Robert Bosch Stiftung die erste Juniorprofessur für die Forschung über Biodiversität im Regenwald. Bei dieser Gelegenheit erinnerte Prof. Andreas Troge, Präsident des Bundesumweltamtes, daran, dass die Menschen über die Auswirkungen der Ökosysteme noch zu wenig wissen. Er wünschte sich, dass mehr darüber geforscht werde, welchen Nutzen Menschen aus dem Erhalt der Arten und Ökosysteme ziehen, um das Thema in den Alltag zu verankern.

Lesestoff:
Alle Termine für den Aktionstag der Länder zur biologischen Vielfalt finden Sie unter www.biodive.de/landeraktionstag. Die Deutsche Umwelthilfe wird am 19. April ein großes Fest in Berlin veranstalten, um auf die Bonner Biodiversitätskonferenz aufmerksam zu machen.
Die Brandenburger Termine finden Sie unter www.mluv.brandenburg.de
Den Vortrag von Prof. Reichholf finden Sie in den 32. Rundgesprächen der Kommission für Ökologie der Bayrischen Akademie der Wissenschaften: „Natur und Mensch im letzten Jahrtausend“.
Die Arbeit von Wronka wurde nicht veröffentlicht, fand innerhalb des Sonderforschungsbereich 299 der JLU Giessen statt und findet sich zitiert in: Schmitz, Kim: Die Bewertung von Multifunktionalität der Landschaft mit diskreten Choice Experimenten; Hrsg: Zentrum für Internationale Umwelt- und Entwicklungsforschung; Internationaler Verlag der Wissenschaften Frankfurt 2006; ISBN 978-3-631-56880-4
Sonja B. Otto, Björn C. Rall, Ulrich Brose, Allometric degree distributions facilitate food-web stability, Nature 450, 1226-1230 (2007)

Roland Krieg; Fotos: Logo UN Naturschutzkonferenz; TU Darmstadt: Das Nahrungsnetz des antarktischen Wedell-Meeres, schematische Darstellung (Wedell)

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