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Tagung zur Biosicherheitsforschung

Landwirtschaft

Abschluss Biosafenet in Berlin

Gentechnisch veränderte Pflanzen in der Landwirtschaft sind ein umstrittenes Thema. Der Runde Tisch Gentechnik, vom Bundesforschungs- und Landwirtschaftsministerium initiiert, beinhaltet die Möglichkeit, das Thema sachlich und erneut zu diskutieren. Hatten in den vergangenen Jahren die Nichtregierungsorganisationen die Meinungsführerschaft, wollen sich nun die Wissenschaftler stärker in die öffentliche Debatte einbringen. Die biologische Sicherheitsforschung spielte in der Diskussion nur eine untergeordnete Rolle, klagen die Experten in ihrer Ankündigung zur heute in Berlin stattfindenden Abschlusstagung „Biosafenet“. Biosafenet ist ein EU-gefördertes Netzwerk von europäischen Biosicherheitsforschern, die ihre Erkenntnisse vermehrt einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen wollen. Ziel sind fundierte Sachinformationen und objektive Politikberatung.

Sterile Pollen...
Soll die Forschung über gentechnisch veränderte Pflanzen nur noch im Glashaus stattfinden, wie es der bayerische Umweltminister fordert? Die Wissenschaft ist mit sterilen Pollen und Plastidentransformation schon viel weiter. Dahinter verbirgt sich der gemeinsame Antrieb, das Gegenargument der Auskreuzung gentechnisch veränderten Materials, ernst zu nehmen.
Um die Pollenbildung gezielt zu unterbinden, kann einmal das entsprechende Gen für die Pollenbildung unterdrückt werden, oder die Pollen werden ausgehungert und entwickeln sich gar nicht erst. Das erste Konzept für männliche sterile Pflanzen gibt es seit mehr als 15 Jahre im Hybridsaatgut. Beim zweiten Ansatz wird ein antheren-spezifisches Enzym ausgeschaltet. Antheren sind die Staubbeutel, die zusammen mit dem Staubblatt (Filament) das Pollen bildende Organ in der Blüte bilden. Für die Pollenentwicklung ist die Aufteilung der Saccharose in die Einfachzucker Fructose und Glucose wichtig. Die Invertase, die das hier für den Pollen macht, kann ausgeschaltet werden und der Pollen „verhungert“. Das Ausschalten kann über einen Inhibitor erzeugt werden oder über die Antisense-Technik. Dabei wird auf die Boten-RNA ein passendes Gegenstück für die nicht abzulesenden Gensequenz eingebracht, der daraufhin blockiert.

Kommerzieller Anbau GVO in Europa und der Welt. Angaben in Hektar

2005

2006

2007

2008

Spanien

53.225

53.667

75.148

79.269

Frankreich

492

5.000

21.147

0

Tschechische Republik

150

1.290

5.000

8.380

Rumänien

(So.) 110.000

(Soja) 90.000

350

7.146

Portugal

750

1.250

4.500

4.851

Deutschland

342

945

2.685

3.170

Polen

k.A.

k.A.

320

3.000

Slowakische Republik

k.A.

30

900

1.900

EU gesamt (Mais)

54.959

62.284

110.050

107.717

USA

49,8 Mio.

54,6 Mio.

57,7 Mio.

62,5 Mio.

Argentinien

17,1 Mio.

18,0 Mio.

19,1 Mio.

21,0 Mio.

Brasilien

9,4 Mio.

11,5 Mio.

15,0 Mio.

15,8 Mio.

Kanada

5,8 Mio.

6,1 Mio.

7,0 Mio.

7,6 Mio.

Indien

1,3 Mio.

3,8 Mio.

6,2 Mio.

7,6 Mio.

China

3,3 Mio.

3,5 Mio.

3,8 Mio.

3,8 Mio.

Welt (o. EU) gesamt

90,0 Mio.

102,0 Mio.

114,0 Mio.

125,0 Mio.

Q: www.isaaa.org und BMBF; Welt: Soja (65,8 Mio.), Mais (37,3 Mio.), Baumwolle (15,5 Mio.) und Raps. China noch zusätzlich mit Pappeln, Tomaten, Petunien, Paprika und Papaya, USA zusätzlich auch Zuckerrüben, Alfalfa und Kürbis

... und Plastidentransformation
Das Ziel gentechnischer Veränderung ist nicht das Einschleusen eines fremden Gens, sondern die Herstellung eines daraus entstehenden Proteins mit einer bestimmten Funktion. Und Gene gibt es nicht nur im Zellkern, wo sie auf die nächste Generation weiter gegeben werden können, sondern auch in den so genannten Plastiden der Zelle. Das sind ehemals freie Organellen, vielleicht Bakterien, die sich für ein symbiotisches Leben mit der Zelle verbunden haben und die wir heute als Zellbestandteile bezeichnen. Die Photosynthese betreibenden Chloroplasten gehören genauso dazu wie die Mitochondrien, die als Kraftwerke der Zelle gelten. Auch sie haben DNS, die verändert werden kann und die Proteine aufbaut. Über sie können neue Informationen in die Pflanze eingeschleust werden, was die Experten als „Confinement“ bezeichnen. Sie werden nicht an die nächste Generation weitervererbt.
Die aufwendige Plastidentransformation schließt Fremdgene nicht nur sicher in die Pflanze ein, sondern sie weisen auch eine wesentlich höhere Aktivität auf. Bis zu 100 Plastiden gibt es in der Zelle, die jeweils bis zu 100 Kopien ihres Erbguts tragen. Nach erfolgreicher Transformation werden dann fast die Hälfte aller Proteine in der Zelle von diesem Gen gebildet.

Keine Wissenschaft ohne Politik
Die Ablehnung von Mon810 durch das Bundeslandwirtschaftsministerium stieß in der Wissenschaftswelt auf scharfe Kritik. Der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin schrieb in einem offenen Brief: „Es handelt sich um eine rein politische Entscheidung, die nichts mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu tun hat.“ Die FDP-Fraktion wirft der Bundesregierung eine „völlig widersprüchliche“ Haltung vor, denn das Bundesforschungsministerium fördere die biologische Sicherheitsforschung in erheblichem Umfang. Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg antwortete der FDP auf eine schriftliche Anfrage am 06. Mai 2009: „Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie setzt sich dafür ein, die Wachstumsbranche Biotechnologie in ihrer gesamten Breite durch positive Rahmenbedingungen zu unterstützen.“

Renationalisierung GVO-Zulassung?
Ende März hatten die Niederlande vorgeschlagen, die Zulassung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) zu renationalisieren. Die EU soll weiterhin über die Zulassung der Importe von Futter- und Lebensmittel entscheiden, doch die einzelnen Mitgliedsländer können über den Anbau oder ein Verbot selbst bestimmen. Die Idee stieß nur bei Großbritannien, Estland, Portugal und Spanien auf entschiedene Ablehnung.
Jetzt hat Österreich auf der EU-Umweltministertagung in Luxemburg Ende vergangener Woche den Vorschlag erneut eingebracht und findet Zustimmung bei insgesamt elf Mitgliedsländer. „Angesichts der unbefriedigenden gegenwärtigen Situation und der Ablehnung von gentechnisch veränderten Organismen in breiten Kreisen der Bevölkerung vieler Mitgliedsstaaten ist die Zeit gekommen, einen neuen Umgang mit der Zulassung von GVO in der Landwirtschaft zu finden“, begründet die Alpenrepublik ihren Vorstoß.
Bislang dürfen nur Verbote ausgesprochen werden, wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse Zweifel an der Sicherheit der Pflanzen begründen lassen, ergänzt das Portal Biosicherheit.de. Als Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner in einer „Einzelfallentscheidung“ dem MON810 die Zulassung entzog, fiel die Wahl der Begründung auf den bis dato weitgehend unbekannten Zwei-Punktmarienkäfer und gegen die Langzeituntersuchung der TU München, die keine gentechnisch veränderten Bestandteile in Kuh und Milch ausmachen konnte.
Die Umsetzung des Vorschlags zur nationalen Regelung würde die Realität widerspiegeln, denn neben Deutschland und Luxemburg, gibt es auch in Österreich, Frankreich, Griechenland und Ungarn Zulassungsverbote. Die Diskussion würde es aber nicht erleichtern, denn neben strittigen wissenschaftlichen Expertisen, sollen dann auch „sozioökonomische“ Kriterien herangezogen werden. Ein Spielball der Politik.

Lesestoff:
Die Biosicherheitsforscher haben im Internet eine eigene Plattform: www.biosicherheit.de (www.gmo-safety.eu)
Den Tagungsbericht gibt es morgen hier

Roland Krieg

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