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Tierzucht in der Landwirtschaft

Landwirtschaft

Tierschutz fängt bei der Züchtung an

Schon einmal hat sich die Allianz für Tiere in Berlin getroffen, um Verbrauchern das Thema Tierschutz bei Nutztieren gemeinsam näher zu bringen. Gestern tagte sie erneut, um vor allem das Thema Züchtung in den Vordergrund zu rücken, so Wolfgang Apel, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. Besonders hinsichtlich der kommen UN-Konferenz zur Artenvielfalt in Bonn. In den vergangenen sechs Jahren sei jede Woche eine Nutztierrasse ausgestorben.

Tierzucht und Verantwortung
Apel überreichte Staatsekretär Gerd Lindemann aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium gleich zu Beginn ein symbolisches Masthähnchen, dass stellvertretend für die rund 40 Millionen gekeulten Tiere stehen, die nur deswegen getötet werden, weil sie keine Eier legen können. Lindemann erinnerte daran, dass es weltweit mehrere Methoden gibt, das Töten der männlichen Küken zu verhindern – aber keine wirtschaftliche. Praktiziert werden die Verfahren nur im wissenschaftlichen Bereich.
Der Umgang mit gesunden Tieren ist der Alltag der Bauern, so Lindemann weiter, aber es gebe „Tierhalter, bei denen es nicht so ist“. Deswegen müsse der Staat Regeln aufstellen und sie kontrollieren. Das Landwirtschaftsministerium arbeite an einem Fachprogramm zur periodischen Überwachung von bedrohten Tierrassen. Des Weiteren soll ein Erhaltungsprogramm gefördert, eingefrorene Genreserven aufgebaut und Vorsorge für den Fall von Tierseuchen getroffen werden. Das Klonen von Tieren lehne die Bundesregierung ab, weil es nicht mit der Tierethik zu verbinden sei. Prof. Dr. Hermann Swalve, Professor für Tierzucht am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaft der Martin-Luther-Universität in Halle, unterstrich, dass Klonen das Gegenteil von Zucht ist: Genetischer Stillstand, den niemand wollen kann.

Tierzucht und Ökonomie
Prof. Dr. Bernhard Hörning vom Fachgebiet Ökologische Tierhaltung an der Fachhochschule Eberswalde erinnerte daran, dass in der Vergangenheit sinkende und niedrige Lebensmittelpreise zu Reaktionen auf der Betriebsebene geführt haben. Die Menschen müssen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer weniger für ein Kilo Fleisch arbeiten. Das hat mit zur arbeitsteiligen Geflügelerzeugung und Mast geführt, zur Konzentration in Gebiete mit günstigeren Produktionskosten. 70 Prozent der Hühnchen werden in Betrieben mit über 50.000 Tieren gehalten. Eine Produktionseinheit umfasst 10.000 Tiere – die Lademenge eines Lkw. Und trotzdem verdienen die Betriebe heute nur noch zwischen einem und fünf Cent je Masthühnchen.
Die Züchtung hat es geschafft, dass die Tiere in immer kürzerer Zeit mehr Fleisch ansetzen, als ihre Vorfahren. Nach 34 Tagen wiegt die Legehenne 400 g, das Masthühnchen bereits 2000 g. Die Legehenne hat um 1850 noch 50 Eier im Jahr gelegt, kam 1960 auf 150 Eier und legt heute 300 im Jahr, beschreibt Dr. Brigitte Rusche, Vizepräsidentin des Deutschen Tierschutzbundes.

Tierzucht und die Folgen
Mehr preiswertes Fleisch in den Supermarkt: Bei Puten machen Brust und Schenkel bereits 60 Prozent des Tieres aus. Die Muskeln wachsen sogar schneller als die inneren Organe, weiß Prof. Hörning. Normalerweise setzen die Puten ihre Füße unter den Bauch, unter den Körperschwerpunkt. Die Hochleistungsrassen schaffen das nicht mehr. Sie sind so schwer, dass die Tiere pendelnd die Füße nach außen stellen, um sich fortzubewegen. Drei Viertel der Zeit allerdings liegen sie, weil sie beim Laufen zu schnell ermüden. Keine Haltungsverbesserung kann den Tieren helfen. Die überschweren Puten sind weder in der Lage einen angebotenen Auslauf zu nutzen, noch auf eine Sitzstange zu klettern. Das Haltungsformen nichts mehr korrigieren können, hatte kürzlich auch eine britische Studie festgestellt.
Puten sind sogar so schwer, dass sie sich nicht mehr natürlich fortpflanzen können. Der Hahn wiegt doppelt so viel wie die Henne. Die Fortbestand der Mastrassen wird über die künstliche Besamung gesichert.

Tierzucht und Recht
Qualzuchten sind nach dem Tierschutzgesetz verboten. Paragraph 11 regelt, dass Nachkommen aus der Zucht keine Schmerzen oder Qualen erdulden dürfen. Allerdings werde das Gesetz nach Ansicht der Tierschützer nicht angewendet. Haltungsformen wie Käfige oder Managementformen wie das Schnabelkürzen vertuschen negative Auswirkungen. Prof. Hörning ist sich sicher: Die intensiven Zuchtprogramme wirken negativ auf das Sexual-, Sozial- und Komfortverhalten der Tiere, sowie bewirke eine veränderte Nahrungsaufnahme. Alle diese Punkte seinen Tierschutzrelevant.

Tierzucht und Referenzsystem
Prof. Swalve überraschte bei Milchrindern mit Zahlen aus dem Ökolandbau, die verschiedene Studien aus dem Bundesprogramm hervorgebracht haben. Auch die Ökokühe sind zu 33 Prozent mit Euterentzündungen und zu 21 Prozent mit Lahmheit geschlagen wie vergleichbare Tiere aus der konventionellen Nutzung. Auch die Ökobauern setzen die Milchproduktion in der Formulierung des Zuchtzieles an erste Stelle.
Ein Vergleich mit Zahlen aus ganz Norddeutschland zeigte, dass die derzeitige Nutzungsdauer von Milchkühen seit den 1980er Jahren stagniert. Der Anteil an aufgestallten Jungtieren variiert zwischen 36 und 38 Prozent in der Altersklasse bis 3,9 Jahre. Nur vorher lag er mit 28 Prozent geringer, was seiner Meinung nach mit einer längeren Nutzungsdauer der Tiere in Verbindung steht. Auch die Zwischenkalbezeit bei Kühen ist höher als angenommen. Der Lehrsatz „Jedes Jahr ein Kalb“ war in den 1990er Jahren mit 387 Tagen schon länger als ein Jahr. Der aktuelle Wert liegt bei 401 Tagen. Diese Daten nutzte er, um die Nutzungsdauer der Tiere zu bestimmen. Die „Länge des produktiven Lebens“ einer Milchkuh beträgt in Deutschland 1.100 Tage. Die Holländer liegen mit 1.200 Tagen etwas besser da, aber die Amerikaner zeigen, dass Tiere mit 700 bis 800 Tagen noch früher ausgemerzt werden.
Prof. Swalve machte auch mehrfach deutlich, dass die Nutzungsdauer der Milchkühe deutlich heraufgesetzt werden muss. Angesichts des gegenwärtigen Trends in der Milchkuhhaltung ein weit entferntes Ziel.

Lesestoff:
Die komplette Tagung und weiterführende Literaturhinweise finden Sie auf www.allianz-fuer-Tiere.de

Roland Krieg

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