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Unkraut vergeht nicht: Ackerfuchsschwanz

Landwirtschaft

Nachhaltiges Resistenzmanagement beim Ackerfuchsschwanz

Der Ackerfuchsschwanz ist der Feind im Saatbett des Landwirts. Das Gras zeigt das gleiche Auflaufverhalten wie Wintergetreide und Raps. Er ist widerstandsfähiger, schneller und verdrängt Getreide. Die Geschichte des Ackerfuchsschwanzes lässt sich in Schleswig-Holstein gut nachvollziehen. Auf den schweren Marsch-Standorten ist er unausrottbar geworden, auf der Geest wandert er ein. Aus einem vereinzelten Ungras wurde eine Seuche, gegen die fast keine Mittel mehr wirkt.

In Großbritannien wissen sich Getreidebauern kaum anders zu helfen, als die Flächen still zu legen. Landwirte, Wissenschaft und Berater suchen nach Lösungen, die aus dem Komplex Witterung, Bodenbearbeitung, Kulturart und Saattermin bestehen. Die Chemie hilft auch kaum noch und ohne eine ackerbauliche Umsteuerung werde das „bisherige Anbausystem bald komplett an die Wand fahren“, wie Top Agrar schon 2012 schrieb.

Der Ackerfuchsschwanz

Alopecurus myosuroides gehört wie das heimische Getreide zu den Süßgräsern. Es wächst vor allem auf tonigen, Wasser haltenden Böden dem Getreide davon und reagiert sehr positiv auf Stickstoffdünger. Es ist ein gut überwinterndes einjähriges Gras. Im Frühjahr kann sich der Ackerfuchsschwanz bei guten Bedingungen mehr bestocken als Getreide und bildet bis zu 150 Ähren pro Einzelpflanze aus. Pro Quadratmeter sind 6.000 bis 15.000 Samen im dichten Fuchsschwanzbesatz möglich, die im Boden bis zu 20 Jahre keimfähig sind.

Das Samenpotenzial im Boden ist riesig und eben nur schwer zu beseitigen. Bezogen auf die Schadschwelle führen 20 bis 30 Pflanzen pro Quadratmeter in der Regel noch nicht zu Ertragsminderungen. Aber der Ackerfuchsschwanz hat sich dem Ackerbau und seiner Bewirtschaftung angepasst, weil er zunehmend resistent gegen Herbizide ist. Das Gras weist eine metabolische Resistenz auf. Das heißt, die Pflanze ist in der Lage die bisher entwickelten Wirkstoffe abzubauen und sich zu entgiften. Der Industrieverband Agrar schreibt, dass diese Form der Resistenz durch den mehrjährigen Einsatz ähnlich wirkender Herbizide entsteht. Zum einen sind das ACCase-Wirkstoffe, die an der Bindestelle von Kohlenstoffdioxid am Acetyl-CoA wirken und damit die Fettsäuresynthese unterbinden. Die anderen Herbizide der Gruppe ASL-Hemmer wirken auf das Enzym Acetolactat, das verzweigtkettige Aminosäuen zusammensetzt. Mittlerweile gibt es Ackerfuchsschwanzpflanzen, die auch gegen Diindolylmethan (DIM) resistent sind. Wirken diese Mittel nicht mehr, dann wirkt auch kein ACCase-Mittel mehr.

Das Resistenzmanagement muss sich also von der Chemie weg bewegen.

Wie funktioniert Resistenz?

Das Thema hat der Kölner Pflanzenschutzspezialist Adama am Donnerstag in einem Webinar verarbeitet. Dr. Johannis Hermann von der erst im vergangenen Jahr in Stuttgart gegründeten Firma Agris 42 forscht an der Resistenzbildung. Nur das Wissen, wie Resistenzen entstehen, kann in den hartnäckigen Fällen wie beim Ackerfuchsschwanz noch etwas ausrichten. Denn die wichtigste Erkenntnis ist: Resistenzen entstehen bei jeder einzelnen Anwendung als natürlicher Vorgang. Resistenzen sind nicht umkehrbar, sondern werden im Zeitablauf immer stärker und manifest. Ziel ist also, eine frühe Resistenzbildung zu erkennen und schnell gegenzusteuern.

Auf zehn Prozent der Felder findet beispielsweise eine schlechte Wirkung eines Herbizids statt. Die Wirkung resultiert aus einer vorgefundenen Resistenz oder anderen Gründen und bildet die derzeitige Wissensbasis.

Auf den anderen 90 Prozent der Felder wirkt das Herbizid gut. Dort überleben im Spritzschatten aber auch einzelne Pflanzen, die zunächst keine Probleme bereiten und erst über wenige Generationen hinweg zu einem Problem werden. Das zu verhindern ist Hermanns angestrebte Wissensbasis.

Dafür untersucht seine Firma jährlich 1.300 Felder von hunderten Landwirten. Mehrere Flächen von einem Betrieb lassen innerbetriebliche Unterschiede zu erkennen. Der Landwirt gibt dazu seinen Schlag in eine App ein. Hermann und seine Kollegen beproben das Feld nach Abschluss aller Herbizidmaßnahmen und noch vor der Ernte. Mit den gefundenen Ackerfuchsschwänzen werden Resistenztests im Gewächshaus durchgeführt. Die Landwirte erhalten das Ergebnis kostenfrei. Die Erkenntnisse fließen in die Forschung und Prognose ein. Zwei Drittel der Landwirte ist mit der Wirkung der vorhandenen Pflanzenschutzmittel noch zufrieden. Aber was an Ungräsern übrig bleibt wird das Problem von Morgen, prognostiziert Hermann. Zwei Drittel der Proben haben im Anbaujahr 2019/20 schon erste Resistenzen gezeigt.  

Was sind die Ursachen?

Im Auftrag von Adama hat Hermann Betriebe mit vergleichbaren Fruchtfolgen, in ähnlichen Regionen auf Saatzeitpunkt, Bodenbearbeitung, Herbizideinsatz und Standort analysiert. Das wichtigste: Die Resistenzbildung findet lokal statt.

Ein um eine Woche späterer Saattermin mindert die Resistenzbildung. Die Betriebe mit weniger Resistenzproblemen pflügen öfter und spritzen weniger ALS-Herbizide. Dagegen verwenden sie mehr Flufenacet-Herbizide. Der Anteil resistenter Pflanzen steigt bei Feldern mit steigendem Tonanteil an.

Die Mehrheit in Nordrhein-Westfalen hat noch keinen kritischen Befall. Resistente Pflanzen gibt es auch bei geringem Aufkommen von Ackerfuchsschwanz. Bei ähnlicher Fruchtfolge liegt der Unterschiede zwischen den Betrieben bei integrierten Maßnahmen, bei denen die ackerbaulichen Maßnahmen vor den chemischen Maßnahmen stehen. Hermann will mit seiner Forschung detaillierte Prognosen nach einem Ampelmodell erstellen, das Landwirte auf ihrem Smartphone nutzen können.

In Großbritannien hat intensiveres Pflügen zu einem Rückgang von Ausfallsamen im Mittel von 54 Prozent geführt. Allerdings hat Top Agrar festgestellt: „Vergraben allein kann offenbar nicht verhindern, dass der Ackerfuchsschwanz sich auch auf langjährigen Pflugbetrieben ständig ausbreitet.“ Walzen vor dem Einsatz von Bodenherbiziden trifft keimenden Ackerfuchsschwanz an empfindlicher Stelle, führt Adama-Berater Gerd Dingebauer aus.

Wenn gar nichts hilft, dann muss der Getreideanbau einer mehrjährigen Kultur mit Schnittnutzung, wie Luzerne und Grünland weichen.  Einfache Lösungen wird es nicht geben.

Hilfe gesucht

Für Manja Landschreiber von der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein ist der Ackerfuchsschwanz als Beispiel für hartnäckige Ausbreitung kein fachliches, sondern ein psychologisches Problem. „Die Angst fährt auf dem Schlepper mit.“ Landwirte kennen den integrierten Pflanzenschutz, wenden ihn aber zu wenig an. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass eine spätere Winteraussaat durch Witterungsbedingungen nicht immer funktioniert. Wer auf der sicheren Seite stehen will, der greift auf einen frühen Saattermin zurück.

Ob neue Baukastensysteme wie Clearfieldraps, der eine konventionelle Züchtung der Kulturpflanze Raps im Paket mit einem Herbizid, gegen den der Raps resistent ist, hilft, bleibt fraglich. Zum einen wird resistenter Ausfallraps im Feld zum Problem und nach Hermann muss ein erfolgreiches Resistenzmanagement mehrjährig über die gesamte Fruchtfolge passen. „Es gilt, das Samenpotenzial langfristig zu verringern“, lautet das Fazit von Johannis Hermann.

Roland Krieg

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