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Vegane Landwirtschaft

Landwirtschaft

Brauchen Veganer eine vegane Landwirtschaft?

Vegetarismus und Veganismus sind Ernährungsstile, die ihre Konsumenten finden. Selbst der klassische Lebensmitteleinzelhandel kommt nicht mehr ohne diese Sortimente aus. Während Vegetarier je nach Ausrichtung auch Milch und Eier auf dem Speisezettel haben, kommen die Veganer ganz ohne tierische Produkte aus. Ende März ging die Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg der Frage nach, ob und wie es eine vegane Landwirtschaft gibt und wie die Bodenfruchtbarkeit auf den Flächen erhalten werden kann.

Die Pioniere Hofstetter und Hoops

Der Blick in die Geschichte zeigt, dass tierlose Landwirtschaft in Europa keine Erfindung des heutigen Zeitgeistes ist. Eine der Pionierinnen ist Mina Hofstetter. Die 1883 in der Schweiz geborene Lebensreformerin arbeitet als Dienstmagd in Genf und Berlin und drängte ihren Mann zu einem Bauernhof in Ebmatingen, rund 20 Kilometer östlich von Zürich. Durch Rohkostverzehr besserte sich in den 1920er Jahren eine schwere Krankheit und sie verkaufte bis 1927 alles Vieh. Sie machte Versuche über Reihensaaten und der tierlosen Landbewirtschaftung, hielt später Vorträge über den Bioanbau und gründete 1936 auf ihrem Hof eine Lehrstätte für den biologischen Landbau. Die von ihr gegründete Agrargenossenschaft „Biolog“ wirtschaftet noch heute unter dem Namen „Bioterra“.

Ein zweiter Pionier lebte in Walsrode. Der 1932 geborene Adolf Hoops schuf auf seinem Betrieb zwischen Bremen und Hannover Grundlagen einer biozyklischen Landbauidee, die auf Selbstheilungskräfte durch Mischkultur, Dauerbegrünung und Hügelbeete ruhte. Nach Ausscheiden aus dem Berufsleben konnte Hoops noch bis 1999 seine praktischen Erfahrungen in Griechenland verfeinern und definierte erste biozyklische Grundprinzipien. Bio-vegane Kreise erkannten einen veganen Ansatz, der daraufhin von Dr. Johannes Eisenbach zu „Biozyklischen-Veganen Richtlinien“ erweitert wurde. Sie wurden erst in diesem Jahr veröffentlicht. Die Anerkennung als globaler IFOAM-Standard steht ebenfalls an. Betriebe können dann eine Zusatzqualifikation zu ihren Verbandskriterien erwerben.

Kompost als Schlüsselelement des Betriebes

Dr. Eisenbach stellte die Richtlinien in Berlin vor. Sie werden derzeit von 80 kleinen landwirtschaftlichen Betrieben in Griechenland umgesetzt, die ihre Ware nach Deutschland, Österreich und Skandinavien exportieren. „Wir spüren, dass wir ein Teil der Zukunft sind“, sagte Dr. Eisenbach. Er sieht die vegane Landwirtschaft als Weiterentwicklung des ökologischen Landbaus. Die vegane Landwirtschaft sei eine Alternative zur „Massentierhaltung“ und liefert Produkte für Veganer, die aus ethischen oder gesundheitlichen Gründen ihre Ernährung umstellen.

Der Schlüssel der veganen Landwirtschaft ist der Kompost. Ein gesunder Boden ist das humose Fundament für den Pflanzenbau. Ein Hektar Boden beherbergt 20 Tonnen Mikro- und Makroorganismen, die zusammen ein wertvolles Ökosystem bilden. Das weiß auch Jens Petermann, der im Oderbruch einen konventionellen Milchviehbetrieb mit 110 Milchkühen führt und im Landesbauernverband Brandenburg Spezialist für Bodenaufbau ist. Sein Motto: „Im Boden die Natur für uns arbeiten lassen.“ Allerdings ist er skeptisch: „Wie viel organische Substanz verträgt der Boden?“

Den Kompostkreislauf anwerfen

Die vegane Landwirtschaft hat nur die Pflanzenreste als organischen Dünger und will damit die Bodenfruchtbarkeit erhalten. Im Gegensatz zum Ökolandbau dürfen auch keine tierischen Betriebsmittel eingesetzt werden. Die ersetzt der Kompost, der lange reifen muss und der Terra Preta aus Südamerika nahe kommt. Dieser anthropogene Boden besteht aus Holz- und Pflanzenkohle, menschlichen Fäkalien und Kompost mit Tonscherben durchsetzt. Vegane Betriebe nutzen zusätzlich die Gründüngung und das Anlegen von Nützlings-Habitaten für den Pflanzenschutz.

Die 13. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde  kam 2015 zu keinem endgültigen Schluss. Herausforderungen der veganen Landwirtschaft sind Pflanzenernährung, Beikrautdruck, Schädlinge und Krankheiten, Bodenstruktur und Ökonomie. Mehr Forschung sei notwendig. Ein Jahr zuvor stellte Franz Schulz vom Hessischen Versuchsbetrieb Gladbacher Hof der Universität Gießen einen Vergleich zwischen viehloser und viehhaltender Biobewirtschaftung vor. Besonders Nicht-Leguminosen sind auf den Humus im Boden angewiesen. Ein Verlust an organischer Substanz bedeutet eine Verschlechterung der Bodeneigenschaften, wie die Versuche zeigten. Das schmälert den Ertrag.

Viehlose Betriebe sind daher auf eine gemulchte Rotationsbrache in der Fruchtfolge mit einem maximal möglichen Umfang an Körner- und Futterleguminosen in Haupt- und Zwischenfruchtstellung angewiesen. Es stelle sich dann aber die Frage nach der Verwendung der Leguminosen. Schulz schlägt eine Futter-Dünger-Kooperation mit anderen Betrieben oder die Verwertung in einer Biogasanlage vor. Für viehlose Betriebe sei eine kontinuierliche Überprüfung der Humus- und Nährstoffbilanzen, vornehmlich der N-Bilanzen, notwendig.

Dr. Eisenbach empfiehlt den Betrieben den Aufbau einer Humuskreislaufwirtschaft. Dafür seien zusätzliche Flächen alleine für die Kompostierung notwendig. Der Zwischenfruchtanbau alleine reiche nicht. Vom Umfang her benötigten die veganen Betriebe Kompostflächen in der Größe der Futterflächen ökologischer Viehhalter.

Für Jens Petermann ist das auch eine Preisfrage. Eine Tonne Kompost kostet zwischen 60 und 90 Euro. Für die Ziele der veganen Landwirtschaft müssten die Landwirte zwischen zehn und 15 Tonnen Humus je Hektar ausbringen, was bei den aktuellen Erzeugerpreisen schlichtweg unrentabel ist.

Roland Krieg

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