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Vinum de Marchica terra

Landwirtschaft

Weinlese in Brandenburg

> Die Studenten der Universität Frankfurt/Oder spotteten im 16. Jahrhundert: ?Märkischer Erde Weinerträge ? gehen durch die Kehle wie ´ne Säge.? Brandenburger Weine hatten jedoch auch schon immer lobende Fürsprecher, die 1751 dem Wein aus Werder (Havel) ?einen angenehmen Geschmack? bescheinigten. In dieser Zeit erreichte der märkische Weinbau mit über 600 Hektar Rebfläche auch seinen Höhepunkt, bis die ökonomische Konkurrenz der südlichen Weine, witterungsbedingte Ausfälle aber auch unzureichende Qualifikation der Weinbergsbetreiber den Weinbau in der Mark niedergehen ließen.

Spitzenlage Wachtelberg
So wie sich Werders Bürgermeister 1739/40 gegen das Edikt König Friedrich II wehrte, der auf Grund des Frostwinters verlangte, den Weinbau einzustellen und Getreide anzubauen, so will die Stadt den Wachtelberg auch heute noch bewahren und fördern. 1991 bescheinigte ein Gutachten der Landeslehranstalt für Weinbau in Bad Kreuznach dem Rebenberg ein weinbauliches Gutachten, dass für die Rebfläche bei Temperaturvergleich und Sonnenscheindauer in der Vegetationsperiode und Jahresniederschlagsmenge vergleichbare Qualitäten auszuweisen sind wie für Würzburg oder Ahrweiler.
Wer auf der B1 nach Werder kommt und den grünen Hinweisschildern ?Zum Weinberg? folgt, der wähnt sich auf den letzten 100 Metern tatsächlich auf einer steilen Auffahrt zu einem Ahrweiler Weingut. Auf dem Wachtelberg bewirtet der Obst & Weinbau Dr. Manfred Lindicke inmitten seiner 6,2 Hektar Rebfläche auch die ?Weintiene?, auf der sich die Gäste genauso von der Sonne verwöhnen lassen können, wie die Trauben rundherum, deren gekelterten Saft sie genießen.

Qualitätswein aus Werder
Am Samstag startete in Anwesenheit des Brandenburger Agrarministers Dr. Dietmar Woidke die Weinlese der Rotweinsorte ?Regent?. 1985 begannen die traditionsbewussten Werderaner wieder mit dem wirtschaftlichen Weinbau. Dr. Manfred Lindicke übernahm 1996 die Bewirtschaftung und begann ein Jahr später mit der Aufrebung von jeweils 1.000 Stöcke ?Dornfelder? und ?Regent?.
Seit 1991 gehört die Lage ?Werderaner Wachtelberg? auf 52° 23? nördlicher Breite nicht nur zum nördlichsten Weinbaugebiet Saale-Unstrut, sondern wurde von der EU von der Produktion von Qualitätsweinen zugelassen. Der sonnenbeschienene Hang ist die weltweit nördlichste weinbaulich zugelassene Reblage der Welt und führt die QbA-Bezeichnung: Qualitätswein bestimmter Anbaugebiete.
So bekommt Dr. Lindicke auch in diesem Jahr wieder Silber- und Bronze-Auszeichnungen der DLG für seine Weine. Verarbeitet werden die Trauben in Bad Kösen (Saale-Unstrut). In Schlieben erfolgt die Pflege der Weinreben ?Müller-Thurgau? und ?Bacchus? durch Mitglieder des ?Vereins zur Förderung des historischen Weinbaus e.V.? in ihrer Freizeit. Diese Qualitätsweine werden in der Meißener Winzergenossenschaft hergestellt. Die Mostgewichte der Wachtelberger Weine liegen klimabedingt zwischen 60 und 85 Grad Öchsle. Der Namensgeber Ferdinand Öchsle bezeichnete 1836 mit diesem Maßstab die Dichte des Mostes, die bei 20° Celsius gemessen wird. Damit lässt sich der potenzielle Alkoholgehalt des Weines bestimmen. Ein Most mit 80 °Öchsle ergibt vollständig vergoren einen Wein mit 84 Gramm reinen Alkohol pro Liter, was einem Gehalt von 10,6 Volumenprozent entspricht.

Regent, Merlot und Blauer Portugieser
Der Wachtelberg war während der Bundesgartenschau in Potsdam Außenstelle und verdankt dieser die gastliche Infrastruktur, die heute die Besucher anzieht. Rund 35.000 Flaschen Rot- und Weißwein produziert Dr. Lindicke jährlich. Es geht ihm aber um mehr als den Weinverkauf. Wer im Urlaub Wein getrunken hat, der findet hier die Trauben dazu. Auf zwei Lehrpfaden mit jeweils 35 Rot- und Weißweinsorten kann man die Rebe und die Trauben des Weines ?begreifen?. Dr. Lindicke möchte auf dieser Weise ?zum Weinverständnis beitragen?.
So erfährt der Besucher auf kleinen Hinweistafeln, dass ?Merlot? ?kleine Amsel? heißt und die Rotweinsorte nach der Lieblingstraube des kleinen Vogels benannt ist. Oder, dass der ?Blaue Portugieser? seit 200 Jahren für Weißherbst und Rotweine genutzt wird, 1772 von Freiherr de Fries aus Portugal nach Österreich gebracht wurde und seit 1840 auch in Deutschland angebaut wird. So viel Wein und Trauben gibt es für Berliner so nah nirgendwo anders wie auf dem Wachtelberg.

Exotischer Weinberg oder Wirtschaftsfaktor?
Die Qualitäten und die Historie verweisen auf ein wirtschaftliches Standbein in Brandenburg. Der Agrarminister sieht den Weinbau auch als Träger für die touristische und wirtschaftliche Entwicklung der Region. Aber: ?Ohne Tourismus funktioniert es nicht?, wertet Dr. Woidke gegenüber Herd-und-Hof.de. In der Entwicklung der ländlichen Räume solle nicht erst ein Radweg gebaut werden, um darum herum etwas zu gestalten, sondern man will auf bestehende ?Highlights in der Umgebung? zurückgreifen können. Für die Großhotellerie in Potsdam ist der Wachtelberg ein Ausflugsziel und der Minister fragte auch schon in die Runde, wie viel ein Schiffsanleger für die Weiße Flotte kosten würde. Am Fuße des Wachtelbergs fließt zwischen Schwielowsee und Großer Zernsee nämlich die Havel.
Viel lieber würde er aber direkt die landwirtschaftlichen, Obst- und Weinbaubetriebe fördern, um mit einer eigenen Veredelung die Wertschöpfung im Land und bei den Bauern zu lassen: ?Das jedoch ist in Brandenburg selten.? Immerhin: Das Land hat die ?Weintiene? und das Weinlager gefördert, damit auch die Berliner ihren Hauswein kennen lernen können.

Auf der Seite www.wachtelberg.de finden Sie mehr Historisches über den Weinbau auf der ?Marchica terra?, das Geheimnis hinter dem Namen ?Weintiene? und ein Bestellformular für die Weine.

Roland Krieg

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