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Voller Einsatz für Äpfel und Kunden

Landwirtschaft

Ausgeklügelte Direktvermarktung im Rheinland

Apfelbaum auf der PlantageDas Rheinland ist ein Verdichtungsraum mit ländlichem Charakter. Entlang der Landstraße zwischen Bonn und Köln reihen sich die Dörfer zwischen den Feldern, die schon immer im fruchtbaren Vorgebirge auf der linken Rheinseite Obst und Gemüse bis in das Ruhrgebiet angebaut und geliefert haben. Einer, der die Direktvermarktung perfektioniert hat, ist der Obstbaubetrieb Otto Schmitz-Hübsch, der im Familienbetrieb bereits vor über 100 Jahren den plantagenmäßigen Anbau von Äpfeln und Birnen betrieben hat. Im Umkreis von 25 Kilometern gibt es eine Million Einwohner. Zu Schmitz-Hübsch kommen täglich bis zu 800 Kunden, was nur zu erreichen ist, wenn die Direktvermarktung professionell realisiert ist.

Sommer 2007 ist ein gutes Cox-Jahr
Von den 35 Hektar Obstbau werden 25 Hektar mit Äpfeln bebaut: Elstar, Gala, Cox, Alkmene, Berlepsch, Boskoop, Jonagold, Jonagored, Rubinette, Golden Delicious, Pinova, Pilot und Fiesta. Immer wechselt nach zwei Reihen die Sorte, denn der Apfel ist ein Fremdbefruchter.
Das Jahr 2007 sei ein richtiges Cox-Jahr, meint Elmar Schmitz-Hübsch bei der Betriebsführung. Aber seit den 1990er Jahren ist der Anbau der lagerfähigen alten englischen Sorte von 1825 stark rückläufig. Den meisten Kindern sind diese Äpfel zu sauer. „Sauer ist out!“. Heute müssten die Äpfel einen „Snickersgeschmack“ haben, sagt der heutige Betriebsinhaber.
Der englische Cox Orange bekommt jedoch auch andere Probleme. In den letzten Jahren gibt es immer mehr Sonnenschein und Temperaturen über 30 °C. Das macht ihn mehlig und er bekommt einen schwammigen Zellenaufbau. 2007 aber ist er fest-mürbe und sehr würzig.

Gute Qualität kommt nicht von allein
Jetzt in der Erntezeit sind immer drei Gruppen mit zwei Erntefahrern und Erntehelfern unterwegs. Sie laden die Holzwagen randvoll mit Äpfeln. Damit diese jedoch zur Ernte das volle Aroma entfalten können, werden die Früchte an den Bäumen rund sechs Wochen vorher bereits ausgedünnt. Im Juni und Juli kommen rund 20 Prozent der Äpfel runter und nur die besten bleiben am Baum. Auch bei der Ernte wird selektiert. Nur die ausgereiften Früchte dürfen vom Feld, der Rest muss nachreifen. Auf diese Weise wird jede Sorte drei bis sechsmal durchgepflückt. Ein Obstbaummeister, zwei Auszubildende, 12 Minijobs und 40 Erntehelfer sind im Einsatz.
Damit Spätfröste den Blüten im Frühjahr nichts anhaben können ist aufHagelschutznetze 80 Prozent der Fläche eine Überkronenberegnungsanlage aufgebaut. Das einfrierende Wasser auf den Blüten erzeugt eine Erstarrungswärme bei den Pflanzen und schützt sie letztlich vor dem Erfrieren.
Weil in der Vergangenheit Hagelschäden zugenommen haben, hat der rheinische Obstbaumbetrieb in Hagelschutznetze investiert. Für jeden Hektar müssen dabei rund 15.000 Euro aufgebracht werden.

Der Apfel lebt
Äpfel atmen nach der Ernte immer noch. Die Stoffwechselprozesse bestimmen letztlich die Lagerfähigkeit, weswegen das Herunterkühlen auf 2 °C die Haltbarkeit deutlich verlängert. Diese guten Lagerbedingungen sind dem Betrieb aber nicht genug gewesen. Schmitz-Hübsch hat daher in hochmoderne Lagertechnik investiert: Vorsicht Sehr wenig SauerstoffUltra Low Oxygen (ULO) heißt das Zauberwort. Die hermetisch abgeriegelten Lagerräume werden zusätzlich mit Stickstoffdioxid beschickt, das den Sauerstoff herausbläst und den Stoffwechsel der Äpfel ganz herunterfährt. Während in der normalen Atmosphäre Sauerstoff einen Anteil von 21 Prozent einnimmt, ist es nur noch ein Prozent in den Lagerboxen. Deswegen dürfen die nicht mehr betreten werden. Dafür halten sich die Äpfel bis zum August des nächsten Jahres taufrisch.
Ein zwischenzeitliches Auslagern einzelner Boxen kann nach Ausgleich mit der normalen Luft jederzeit durchgeführt werden. „Das merken die Äpfel nicht“, sagt Elmar Schmitz-Hübsch. Gleich danach wird der Sauerstoff nämlich wieder herausgedrückt

Im Apfelparadies
Der ApfelladenIm Hofladen gibt es weder Schnickschnack noch überflüssigen Eventaufwand. Der helle Verkaufsraum lädt mit freundlichen Farben zu einer Entdeckungsreise zu Apfelsorten, Gelee oder Saft ein.
Hier stehen die gleichen Kisten wie auf dem Feld. Und es sind auch dieselben Kisten, die von den Erntehelfern befüllt werden. Vom Feld über das Lager bis in den angrenzenden Hofladen werden die Äpfel nicht mehr umgepackt. Sie bleiben in ihren geräumigen Holzkisten, die mit dem Gabelstapler bewegt werden können. In der Kiste greift der Kunde praktisch direkt auf die Ernte zu.
Besonders Frauen suchen sich ihre Äpfel aus den Kisten als lose WareFrisch vom Feld aus, ohne, so die Erfahrung, die ganze Kiste zu durchwühlen. Deren Oberfläche ist so groß, dass alle Kunden ihren Vorlieben nach kleinen und großen Äpfeln nachgehen können. Vereinzelt gibt es auch abgepackte Ware, auf die besonders gerne Männer zurückgreifen.
Erfrischend ist die Apfelsafttheke. Der Clou: Die Theke ist mit einer Zapfanlage direkt mit dem Lager verbunden. Hier rinnt der frisch gepresste Saft in das Glas.
Von der Ernte werden 15 Prozent der Äpfel zu Saft erarbeitet. Nach Köpfen und Waschen zieht eine Schnecke die zerkleinerten Äpfel nach oben zur Siebbandpresse. Hier werden die Äpfel zwischen ein weißes und ein blaues, jeweils äußerst straff gespanntes, Band geführt – bis der Saft herauskommt. Bei 2 °C gekühlt, wartet er in einem Behälter bis im Laden die Zapfanlage betätigt wird.
Saft wird aber auch konventionell nach kurzer Erhitzung auf 80 °C in Flaschen gefüllt. Die Abpackanlage schafft 1.500 Flaschen in der Stunde. Flaschen haben jedoch den Nachteil, dass nach dem ersten öffnen Luft hineingelangt und der Countdown für die Haltbarkeit beginnt. Elmar Schmitz-Hübsch zeigt den neuesten Trend: Bag in the Box. In einem 5- oder 10-Liter Karton ist ein Beutel eingelassen, der den eingefüllten Apfelsaft vakuumiert. Über ein Einwegventil verlässt der Saft den Beutel ohne das im Gegenzug Luft hineinkommt. So sind die großen Apfelsaftkanister auch nach dem Öffnen noch bis zu zwei Monte haltbar.

Kundengenuss
Einfahrt zum ParkplatzBei Schmitz-Hübsch muss der Kunde nicht am Wegesrand halten oder in zweiter Reihe parken. Der geräumige Parkplatz lädt die Gäste zum Verweilen ein.
Der Obstbetrieb vermarktet seine gesamte Ernte im Direktvertrieb und Elmar Schmitz-Hübsch hat Herd-und-Hof.de auf die beiderseitigen Vorteile aufmerksam gemacht: An den Großmarkt müsste er das Kilo Äpfel für rund 0,50 Euro verkaufen und der Kunde zahlt im Supermarkt einheitliche 1,99 Euro. Bei ihm liegt der Gleichgewichtspreis bei 1,10 Euro. Für fast alle Apfelsorten.
In der Vergangenheit haben die Kunden bei ihm jedoch nicht nur Äpfel kaufen wollen, sondern immer öfters gefragt, ob er nicht auch Gemüse und anderes Obst anbieten könnte.
Nun hat der Betrieb noch vier Hektar Birnen und 2,5 Hektar Kirschen – aber das reichte nicht. So gibt es mittlerweile im Nebengebäude noch einen zweiten Hofladen, der weitere Produkte aus dem Vorgebirge anbietet. Beide Läden zusammen beschäftigen noch einmal 12 Verkaufskräfte.Zwei Läden auf dem Hof
Und anlässlich des 100jährigen Betriebsjubiläums wurde 1996 ein Obstbaummuseum eingerichtet. Bis zum zweiten Weltkrieg wurden in dem Gebäude Obstkonserven hergestellt, doch heute laden historische Zeichnungen zum Studium alter Apfelsorten. Maschinen und Schriften informieren über den Obstbau und Besucher können sogar die erste Obstkühlmaschine aus dem Jahr 1908 besichtigen.

Lesestoff:
Virtuell können Sie den Betrieb unter www.schmitzhuebsch.de besichtigen. Am 06. Oktober steigt auf dem Betrieb das Apfelfest 2007.

Roland Krieg; Fotos: roRo

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