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Von der Agrar- zur Zeitenwende

Landwirtschaft

Vom Protest zum Umbau

Felix Prinz zu Löwenstein

Nach der Eröffnungspressekonferenz der Internationalen Grünen Woche in Berlin mit dem bekannten Doppel aus Agrar- und Ernährungsindustrie, dem Präsidenten des Bauernverbandes und dem Sprecher der Bundessvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie, stellt die Ökobranche in Form des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft seine politischen Forderungen vor. Während in der ersten Konferenz auch die Unterschiede zwischen den Bereichen Agrar und Verarbeiter öffentlich werden, passt zwischen Lebensmittelwirtschaft, Naturkostfachhandel, Bauernvertreter und Verarbeiter in der BÖLW-Konferenz kein Blatt Papier dazwischen. Sie sprechen auch gemeinsam von der aktuellen Zeit, wo der Agrar- und Ernährungswende eine Zeitenwende auf den Straßen sichtbar wird. Die jungen Menschen demonstrieren freitags, samstags fahren die Traktoren. Es ist eine kollektive Wahrnehmung da“, fasst BÖLW-Vorsitzender Felix Prinz zu Löwenstein die Demonstrationen zusammen. Es knirscht an allen Ecken und Enden. Die Rahmenbedingungen für eine neue Wirtschaft stimmen nicht mehr, die wirtschaftliche Situation der landwirtschaftlichen Betriebe und des Ernährungshandwerks sind nicht mehr gegeben. Bei den Menschen mache sich Bestürzung über die zusammenbrechenden Lebensgrundlagen breit und in den sozialen Netzwerken findet eine Radikalisierung statt.

Zehn-Punkte-Programm

Wie die Zeitenwende gelingt hat der BÖLW in ein Zehn-Punkte-Papier niedergeschrieben. Darin fordert die Biobranche Ergänzungen zur Bio-Verordnung der EU, was noch bis Ende 2020 möglich ist. Vorgaben zu Ställen und Ausläufen, die unter das Bio-Recht fallen müssen konkretisiert werden. Auch bei den Listen für Bio-Betriebsmittel und Lebensmittelzutaten sowie Anforderungen an Bio-Importe aus Drittstaaten seien nicht konkret genug. Definitionsspielräume gefährdeten die Biotier-Haltung und das Ausbauziel 20 Prozent Bio. Für den Bereich der ernährungswende sei das neu einzuführende System des französischen NutriScore als Einzellösung nicht ausreichend. Es fehle nach wie vor eine umfassende Strategie für eine gesunde Ernährung.

Grüne CDU-Politik?

Die engere Verbindung zwischen Erzeuger, Verarbeiter und Handel wird in den Öko-Modellregionen sichtbar, wo eigene Wertschöpfungsketten mit gegenseitiger Rücksichtnahme aufgebaut werden. Auch bei den höheren Preisen hat die Ökowirtschaft weniger Probleme: Marken sorgen für eine engere Kundenbindung, bei denen Verbraucher auch höhere Entgelte akzeptieren.

Immerhin: Die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast sagte in einem Zeitungsinterview, dass die ökologische Landwirtschaft durchaus ein Vorbild sein kann. Prinz zu Löwenstein lobte die Ackerbaustrategie von Julia Klöckner: „Da ist alles drin.“ Wenn schon die CDU-Politikerinnen auf grünen Agrarwegen wandeln, wer bremst denn dann noch den Ökolandbau? Löwenstein konnte gegenüber Herd-und-Hof.de niemanden spezifisch ausmachen, als auf einzelne Agrarlobbyisten im Bundestag zu verweisen. Elke Röder vom Bund Naturkost und Naturwaren assistierte und sagte, derzeit stimmen die einzelnen Musiker ihre Instrumente und es fehle noch der Politiker, der das Orchester dirigiere.

Volker Krause vom BÖLW

Es sind offenbar nur Kleinigkeiten, die hinter lautem Getöse verändert werden müssen. Nicht nur die Landwirte haben es schwer. Weiter hinten in der Kette sind Metzger und Bäcker mit ihrem Handwerk in ähnlicher Notsituation. Während die Landwirte auf öffentliche Förderung aus dem Agrartopf bauen können, ist das ernährungswirtschaftliche Handwerk auf Gelder der Gemeinschaftsaufgabe zur Förderung der Wirtschaft (GWR) angewiesen. Geld bekommt, wer 55 Prozent der Förderkriterien erfüllt. Volker Krause vom BÖLW (Bohlsener Mühle) sagte, in Niedersachsen bekommt die ökologische Ausrichtung eines Betriebes lediglich fünf Prozent Förderpunkte. Mit einem höheren Satz und Ausrichtung auf die Bio-Ökonomie kämen Metzger und Bäcker schneller in den Förderbereich.

Ein anderes Thema sind die Wachstumsschmerzen des landwirtschaftlichen Öko-Bereiches. Umstellungswillige Betriebe zögern, weil die Getreidepreise 2019 doch niedriger als erwartet sind. Das will die Branche nicht gelten lassen. Nach dem Dürrejahr 2018 war Bioroggen knapp und teuer. Da Landwirte 2019 in der Hoffnung auf hohe Preise mehr Roggen anbauten und Mühlen sich vorab mit preiswerteren Partien eindeckten, waren die meisten Roggenbauern Ende 219 enttäuscht.

Gleichwohl gebe es „Wachstumsschmerzen“ räumt Peter Röhrig vom BÖLW ein. Wenn der Markt größer wird, Discounter in die Vermarktung einsteigen und Mühlen sich sowohl aus heimischer Produktion als auch am Spotmarkt versorgen, ruckelt auch der Biomarkt. Die Erfahrung zeige, dass sich solche Preisdellen in ein bis zwei Jahren auswachsen, erläutert Röhrig gegenüber Herd-und-Hof.de.

Dennoch: Während der konventionelle Markt auf gesunde Märkte hofft, ist die Biobranche überzeugt, dass Märkte auch gemacht werden können. Soweit trägt das Regionalkonzept der Biobranche die Akteure in der Wertschöpfungskette zusammen mit den Verbrauchern. Der Appell, auch auf der IGW 2020: Die Politik müsse die richtigen Leitplanken für diese Form der Wertschöpfung setzen.

Roland Krieg

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Q: IGW 2020

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