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Wald vor Wild

Landwirtschaft

Wildschäden gefährden den Wald

Seit rund 50 Jahren gärt der Konflikt zwischen Förstern und Jägern. Vor 50 Jahren wurde der Grundsatz „Wald vor Wild“ in 12 von 16 Landeswaldgesetzen eingeführt, der dem Forst eine schadensfreie Entwicklung ohne Wildverbiss garantieren soll. Doch während die Förster über hohe Wilddichten klagen, wollen viele Jäger den Verbiss gar nicht erst wahrnehmen.
Seitdem der Wald im Fokus der erneuerbaren Energien steht und ökonomisch wertvoller wird, merken die Förster auf. Am Mittwoch haben das Bundesamt für Naturschutz (BfN), der Deutsche Forstwirtschaftsrat ((DFWR) und die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldbewirtschaftung (ANW) in Berlin ein Gutachten zur Diskussion vorgelegt, dass der Lösung des Wald-Wild-Konfliktes einen neuen Impuls geben soll.
Mit Geburtsfehler: Denn die Jäger waren weder involviert, noch hatten sie Gelegenheit vor Veröffentlichung einmal in das Gutachten hineinzuschauen, beklagte Andreas Leppmann vom Deutschen Jagdschutz Verband (DJV).

Wild gehört zum Wald
BfN-Präsidentin Prof. Dr. Beate Jessel stellte klar, dass Wild „selbstverständlich zum Ökosystem Wald“ gehört, aber das Gutachten auf wissenschaftlicher Basis die Wildschäden erstmals quantitativ für die Öffentlichkeit hervorgebracht hat. Demnach sind rund ein Fünftel aller Jungbäume verbissen, in den alten Bundesländern hat die Verbissquote sogar um 30 Prozent zugenommen. Waldbesitzer schützen ihre Forsten mit Zäunen. In ganz Deutschland sind derzeit etwa 300.000 Hektar Wald eingezäunt. Aneinandergereiht würde der Zaun die erde am Äquator dreimal umlaufen. Alleine die Materialkosten werden mit 3.000 Euro je Hektar angegeben.
Nicht nur daher muss der Grundsatz „Wald vor Wild“ endlich umgesetzt werden, forderte Georg Schirmbeck vom DFWR. Er betonte, dass Wald- und Jagdbesitz zusammen gehören und alle Beteiligte gemeinsam Lösungen finden sollen.
Hans von der Goltz vom ANW berichtete über Folgeschäden. Seine Heimat, das Sauerland, sei der „Wasserturm des Ruhrgebietes“ und vor Kyrill konnte das Trinkwasser direkt genutzt werden. Heute hingegen muss das Wasser unter den kahlen Flächen zunächst von den Kommunen aufbereitet werden, weil mit dem Verlust an Wald auch Waldfunktionen verloren gegangen sind. Die Trinkwassersicherung gehöre dazu. Überhohe Wilddichten behindern die Wiederaufforstung, weil die Tiere die Verjüngung aufhalten und gerade die seltenen Leckerbissen wie Eberesche, Bergahorn und Buche herausäsen, was letztlich den Wald in seiner Baumartenstruktur entmischt und risikoreiche Monokulturen hervorrufe. Von der Goltz sieht in dem Gutachten eine Handreichung zur Lösung des Konflikts.

„Waldsterben von unten“
In den 1980er Jahren „starb“ der Wald durch den sauren Regen und nur wenige Personen thematisierten auch das „Waldsterben von unten“. In den letzten 200 Jahren hat sich der Bestand an Schalenwild mehr als verzehnfacht, seine Jagdstrecke wurde seit den 1950er Jahren vervierfacht und liegt heute bundesweit bei etwa 1,6 Millionen Tieren.
Muffelwidder beschädigen an Bäumen die Rinde, die den Baum schützt. Neben diesen „Rammschäden“ werden Terminalknospen der wachsenden Bäume vom Rehwild abgebissen. Dadurch versucht sich der Baum durch Bildung von mehreren Seitentrieben zwar zu retten, doch konkurrieren die Treibe um Nährstoffe, Wasser und Licht. Letztlich verliert der Baum an Wuchskraft.
Wildschweine gelten vor allem im Mais als Schadtier, doch die hohen Bestände im Wald kehren die vermeintlich positive Wühltätigkeit schnell ins Negative um. Rotwild knickt junge Bäume um.
Neben diesen sichtbaren Schäden führt Prof. Dr. Christian Ammer von der Georg-August-Universität, Mitautor des Gutachtens, Folgeschäden auf. Der Verlust an Biomasse führt zu Verlust an Dekompostierung und damit über eine niedrigere Zahl an Regenwürmern zu sinkender Bodenfruchtbarkeit. Die Entmischung von Wäldern führt zur Populationsbildung von „Spezialisten“. Angesichts der Schadinsekten gelte: „Der Borkenkäfer killt die Fichte, aber nicht die Buche“, so Prof. Dr. Thomas Knoke von der TU München.
Verbissene Bäume werden kleiner, was Förster als Strukturverlust im Wald bezeichnen. Damit reduziert sich über die Anzahl von Spinnen letztlich auch die Zahl der Singvögel.
Prof. Ammer verwies auf einen Vergleich. Innerhalb eines eingezäunten Gebietes ist die Tanne der Fichte überlegen. Außerhalb des Zaunes, dem Wild ausgesetzt, wird die Tanne nur noch 45 Zentimeter groß und wird innerhalb von zehn Jahren von der Fichte verdrängt. Auch das Wild sorgt für Reinkulturen.

Schäden bezifferbar
Nach Prof. Ammer gibt es einen Wahrnehmungsunterschied zwischen der Forst- und Landwirtschaft. Ziehe eine Rotte Wildschweine durch den Mais, ist das sofort sichtbar und die Bauern machen den Schaden geltend. Im Wald ist Wildschaden nicht sofort sichtbar. Waldbesitzer nehmen ihn kaum wahr und es gibt zu wenig Zahlen darüber.
Prof. Knoke hat sich in dem Gutachten an einer Bezifferung des Schadens versucht. Den Zuwachsverlust gibt er mit sieb bis 93 Euro je Hektar und Jahr an. Den Verlust an Holzqualität könne man nicht bestimmen, aber den Verlust an Baumarten. Prof. Knoke kommt dabei auf etwa 50 Euro je Hektar und Jahr.
Die Jagdpacht reiche längst nicht aus, den entstandenen Schaden auszugleichen. Vereinzelt werden sogar schon Jagden von Waldbesitzern bezahlt, die mit der Verbindung Jagd und Event den ökonomischen Zuwachs im gesunden Wald mit dieser Investition absichern.

Thüringen: Wald im Wandel
Zeitgleich berieten sich unter der Federführung des Thüringer Forstministeriums Waldbesitzer, Naturschützer, Landtagsabgeordnete, Vertreter aus Kommunen und der Tourismusbranche sowie der Forstverwaltung über die Ausgestaltung des künftigen Forstprogramms. Motto: „Wald im Wandel – eine Chance für Thüringen“. Als Baustein für Waldbewirtschaftung und Tourismus in nachhaltiger Form sei der Waldumbau, gefährdete Nadelholzkulturen in artenreiche und klimatolerante Mischwälder zu überführen. Die Bewirtschaftung soll auf eine moderne, umweltschonende und arbeitserleichternde Forsttechnik umgestellt werden. Weitere Bausteine sind das großflächige Umsetzen des Konzepts der naturnahen Waldwirtschaft sowie des Naturwaldparzellen- und des Habitatbaumkonzepts im Staatswald. Teilt das Ministerium mit. Schützenswerte Biotope sollen weiter vernetzt und die positiven Wirkungen des Waldes gesteigert werden. Für den Erhalt der biologischen Vielfalt im Privat- und Körperschaftswald gibt es finanzielle Fördermöglichkeiten. In Thüringen arbeiten rund 40.000 Menschen in der Forst- und Holzwirtschaft // roRo

Lösungen
Die Lösungen sind sehr komplex. Die Kausalkette „Hoher Verbiss – viel Wild – mehr Abschuss“ wurde von den Jägern kritisiert. Die Jagd wird in dem Gutachten aber auch nur als eine von vielen Lösungen aufgeführt.
Im Wesentlichen ist die untere Jagdbehörde der wichtigste Ansprechpartner. An gesetzlichen Regelungen gibt es keinen Mangel. Die bestehenden Gesetzte, wie Abschussquoten werden aber nicht ausgeschöpft. So gilt die Erfolgskontrolle einschließlich des Tierkörpervorlage als Vorbedingung zur Reduzierung der Wildbestände. Statt eines Abschlussplanes soll es einen Mindestabschussplan geben. Jagdzeiten sollen überarbeitet werde. So könnten kürzere Jagdzeiten den Bejagungsdruck auf das Wild reduzieren, so dass es in den Jagdzeiten einfacher aufzufinden ist. Künstliche Maßnahmen, wie der Zaunbau sollen nicht mehr mit öffentlichen Geldern gefördert werden.
Was den Waldbau betrifft, sollen größere Kahlflächen vermieden werden und standortspezifische Baumarten gemischt angebaut werden.

Konflikt Jäger – Förster?
Auch der DJV vertritt vergleichbare Interessen. So hat er in einem Positionspapier zum Schwarzwild aus dem Jahr 2002 aufgefordert, überhöhten Bestände zu reduzieren.
Trotzdem gibt es auf der regionalen Ebene wenig Konsens. Offenbar liegen die Realitäten zu weit auseinander, wie die Diskussion zeigte.
Manche großen Waldbesitzern betreiben auf einem Teil der Fläche die wirtschaftliche Holznutzung und hielten sich auf einem anderen Teil „einen Zoo“ für ihre Jagd. Manche Jäger kommen lediglich nur vier bis fünf Mal im Jahr aus der Großstadt zur Jagd und seien für die waldbaulichen Belange vor Ort kaum empfänglich. Sie stehen in im Konflikt mit regionalen Jägern. Kleine Waldbesitzer, die drei bis fünf Hektar Wald forstlich nutzen wollen haben angesichts größerer Jagdgebiete in der Nachbarschaft nur wenig Einflussmöglichkeiten, in ihrem Wald eine angepasste Wilddichte einzufordern.
Auf dieser Ebene droht das Verbändeanliegen zu verpuffen. Denn Waldbesitz und Jagdrecht sind hier auf Eigentümerebene ausgelegt. Gesellschaftliche Interessen stoßen direkt auf persönliche. Die Förster sehen in der Jagd eine Nebennutzung des Waldes. Die Jäger sehen in ihrer Tätigkeit eine eigenständige Landnutzung.
Die Vorschläge des Gutachtens folgen dem Beispiel Baden-Württembergs. Seit Jahren setzen sich revierbezogen Waldbesitzer, Jäger und Kommunen zusammen und planen angesichts von Verbissinventuren die Jagd der nächsten Jahre. Der Südwesten der Republik hat seine Waldzäune von 40 auf sieben Prozent reduziert und die Verjüngungsfläche verdoppelt.

Lesestoff:
Zuletzt hat Niedersachsen in einer Schwarzwilderklärung mit allen Beteiligten den Schwarzkitteln den Kampf angesagt.

Roland Krieg

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