Menü

Wanderarbeiter im Fokus

Landwirtschaft

Aus Armut in die Ferne schweifen

Auf Antrag von Bündnis 90/Die Grünen findet heute im Bundestag um 15:05 eine aktuelle Stunde zu Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie statt. In den letzten Tagen sind verschiedene Fleischwerke in die Öffentlichkeit geraten, weil mangels Infektionsschutzmaßnahmen zahlreiche Mitarbeiter erkrankten und die Arbeit ruhen musste. Am Ende einer langen Kette und dem Tod eines rumänischen Spargelstechers in Baden-Württemberg hat SARS-CoV-2 den Fokus auf ein Thema gelegt, dass nie ausgeräumt wurde. Und eine Geschichte hat.

Wanderarbeit

Wanderarbeiter pendeln über große Entfernungen zwischen ihrem Wohnort und der Arbeitsstätte. Dass Wanderarbeiter schlechter gestellt sind als der Berufskollege vor Ort, hat sich nirgends zwingend ergeben. Der Wanderarbeiter kann zeitlich begrenzt für eine kleine Zeit oder über einen langen Zeitraum an einem fremden Ort verbleiben. Ein kurzer Überblick auf einzelne Zeitpunkte der Geschichte zeigen, dass den Wanderarbeitern nahezu überall das gleiche Schicksal erdulden und die Aktuelle Stunde im Bundestag keinesfalls eine Lösung sein wird.

Bronzezeit

Alissa Mittnik ist Archäogenetikerin am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Ihre jüngste Arbeit in Science dokumentiert die soziale Ungleichheit der Menschen in der Bronzezeit [1]. Die Wissenschaftlerin hat Gräber und Grabbeigaben früher Menschen im Lechtal aus der Zeitpanne zwischen dem Spätneolithikum (3500 bis 2800 v.Chr.) bis in die Bronzezeit (2200 bis 800 v.Chr.) untersucht. In Europa gab es bereits Handelsbeziehungen zwischen Nordeuropa und der Ägäis. Aus dieser Zeit stammt die „Himmelsscheibe von Nebra“. Am Lech nahe der heutigen Stadt Augsburg zogen sich Gehöfte entlang eines Lössrückens und betrieben Ackerbau und Viehzucht. Genetische Untersuchungen zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Gräbern. Die Kernfamilie wurde über einen Zeitraum von rund 700 Jahren in reich ausgestatteten Gräbern bestattet. Abseits fanden sich deutlich ärmere Gräber. In dieser Zeit bildeten sich Hierarchien heraus. Ehefrauen kamen in der Regel aus einer Entfernung von 600 bis 700 Kilometern, meist aus Böhmen,  und erlangten den hohen Status der Männer. Die Mobilität der Frauen hat in der frühen Bronzezeit für einen kulturellen Austausch gesorgt. Abseits der Kernfamilie wurden allerdings auch Armengräber von Menschen aus lokaler und fremder Herkunft gefunden. Deren Bedeutung ist den Wissenschaftlern nicht ganz klar. Waren es Sklaven oder Bedienstete, mobile Menschen, die keinen Eingang in die Kernfamilie fanden?

Schwabenkinder

„Daheim war nirgends ein Verdienst“. Der nächste Halt der kleinen Zeitreise ist das Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck. Dort wird in der Nähe von Tuttlingen die Landwirtschaft von der Schwäbischen Alb in einem zusammen gestellten Dorf aus Häusern der Schwäbischen Alb lebendig. Auch die Geschichte der Schwabenkinder, die 1625 das erste Mal erwähnt wurden. In Tirol und dem Montafon konnten die Familien nicht alle ihre Kinder ernähren. Unter anderem, weil die Realteilung in der Erbfolge, die Höfe immer kleiner wurden. Alternative Einkommensmöglichkeiten gab es in den engen Alpentälern kaum. So wurden jährlich bis zu 4.000 Kinder zwischen sechs und 14 Jahren nach Norden zum Arbeiten geschickt. Sie blieben während des Sommers oder für mehrere Jahre. Nicht nur die großen Höfe brauchten viele Arbeitskräfte. Der erwirtschaftete Getreideüberschuss wurde nach Österreich und in die Schweiz exportiert. Im 18. und 19. Jahrhundert setze die so genannte Vereinödung ein. Heute entspricht das der Zusammenlegung aller Felder eines Hofes im Rahmen der Flurbereinigung.  Es entstanden viele kleine Höfe, deren Viehbestand nicht mehr gemeinschaftlich, sondern durch Mangel an örtlichen Arbeitskräften durch die Schwabenkinder betreut wurde.

Diese Kinderarbeit konnte nur funktionieren, weil es für die ausländischen Kinder keine  Schulpflicht gab [2]. Das System währte rund 300 Jahre lang.

China

Wanderarbeiter folgen Unterschieden bei Lohnhöhe und Lebenshaltungskosten. In China hat das Volumen eine besondere Größenordnung eingenommen. 2017 gab es gut 286 Millionen Wanderarbeiter. Aber:  „Die Zeiten, in denen das chinesische Arbeiterheer als unerschöpflich galt, sind vorbei“, resümierte Germany Trade & Invest schon im Jahr 2018. In den vergangenen Jahren haben die Wanderarbeiter selbst Regionen vorgezogen, wo die Löhne niedriger, aber auch die Lebenshaltungskosten geringer waren. Den Ballungszentren an der Küste „gehen die Wanderarbeiter aus“. Die Kosten für Unterhalt und Wohnung sind zu stark gestiegen und Blue Collar-Jobs bleiben vakant. Das wird sich künftig verschärfen, weil die Zahl der Chinesen im erwerbsfähigen Alter zwischen 16 und 60 Jahren sinkt. Bis 2030 soll die Zahl um 100 auf 820 Millionen Menschen herunter gehen.

Südostasien

Steigende Löhne verändern die Märkte. In der Reisproduktion sind etwa 200 Arbeitsstunden pro Hektar anzusetzen. Thailand ist zwar nach wie vor der größte Reisexporteur, aber die anderen Wirtschaftssektoren wachsen voraus und konkurrieren um die Arbeitskraft. Steigende Löhne forcieren die Mechanisierung in der Landwirtschaft. Oder die Reisbauern steigen gleich auf den Anbau von Mais um. Dafür wandert der Reisanbau nach Vietnam. Dort sind die Löhne niedriger[3].

Dang Huu Tuyen ereilte 2019 ein grausiges Schicksal. Seine Eltern schickten ihn von Vietnam aus auf Baustellen in Laos. Geld sollte er verdienen. Private Auslandsüberweisungen spülen jährlich rund 16,7 Milliarden US-Dollar ins Land. Mehr als Vietnam an Entwicklungshilfe bekommt. Die Löhne auf den Baustellen in Laos waren aber sehr niedrig. Der 22jährige Vietnamese machte sich 2019 auf den Weg nach Europa auf. Er erstickte am 23. Oktober 2019 zusammen mit 38 weiteren Wanderarbeitern aus Vietnam in einem Container, den die Polizei nach dem Notruf des Fahrers in einem Industriegebiet in Purfleet im britischen Essex bei London fand [4].

Europa

Armut, Träume, Aussichtslosigkeit zu Hause haben Menschen schon immer in eine Migration geschickt, die sich im Europa der Neuzeit durch Saison-Arbeitskräfte oder Geflechte von Sub-Unternehmen im Obst-, Gemüsebau und der Fleischwirtschaft manifestiert. Das betrifft auch andere Sektoren, wie Pflegekräfte. Die Gewerkschaften haben in der Zeit ab 1890 das Thema Heimarbeiter, Wanderarbeiter und Landarbeiter hervorgehoben. In dieser Zeit war die soziale Lage aller Arbeiter schlecht. Den genannten Gruppen aber ging es besonders schlecht. Geringe Bezahlung, keine feste Arbeitszeiten und mangelhafte Unterkünfte haben schon damals die Schlagzeilen der Gewerkschaften beherrscht. Heute übernehmen Saisonarbeiter auch mit dem Status der Selbstständigkeit die Arbeiten, die für Einheimische  unattraktiv sind. Das findet sich in Österreich, Italien und Spanien genauso wie in Deutschland.

Institutionalisierte Entwertung

Bei der Einführung des Mindestlohnes argumentierte die Agrarbranche, dass Obst und Gemüse zu normalen Lohnbedingungen kaum verkauft werden könnten. Auch das Schnitzel würde teurer. Der langsam steigende Stundensatz des Mindestlohns hat aus Sicht der Arbeiter und Subunternehmer lediglich den Parameter Geld verbessert. Ja, es gibt die Spargelbauern, die ihren Arbeitern eigene Wohnungen anbieten. Die Sammelunterkunft ist bei den prekär Beschäftigten nach wie vor Standard. Den bekannten Missstand hat die Pandemie erneut aufgedeckt. Der Aufschrei und auch die Aktuelle Stunde im Bundestag werden an der Situation der Wanderarbeiter nichts Grundsätzliches ändern.

Doch mittlerweile schauen auch die Herkunftsländer kritischer auf den Wohlfahrtsstaat Deutschland. Am Montag beklagte die rumänische Abgeordnete Carmen Avram von den Sozialdemokraten die schwierigen Arbeitsbedingungen ohne Infektionsschutz. Sie forderte den Schutz „unserer“ Saison-Arbeitskräfte und sprach von unfairen Arbeitsbedingungen. Ihr Landeskollege von den Christdemokraten, Daniel Buda, nannte es unmoralisch, wenn erkrankte Mitarbeiter einfach zurückgeschickt werden.

Das soziale Europa muss das Thema endlich auf ein ordentliches Fundament stellen.

Wegschauen reicht nicht mehr

Was in den Schlachthöfen und auf den Gemüsefeldern nicht nur ein Einzelfall geworden ist, verstößt grundlegend gegen die Arbeitsschutzverordnung, die von Berlin im April erlassen wurde. Dominik Ehrentraut ist Sprecher für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und sah sich am Montag in der Regierungspressekonferenz genötigt, zu sagen, dass diese „einzuhalten und von den zuständigen Länderbehörden auch zu überprüfen sind.“ Das gelte ausdrücklich auch für Saisonarbeiter und Werkvertragsarbeiter. Zuständig sind die Arbeitsschutzbehörden der Bundesländer. Minister Hubertus Heil habe einen dringlichen Appell an die Bundesländer verfasst und lässt weitere Entwicklungen dergestalt offen, dass die Fleischwerke und Felder stillgelegt werden könnten, wenn sich nichts verbessert.

Dann gibt es nichts mehr. Der Bundesverband der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie (BOGK) hat bereits mitgeteilt, dass es für den Gurkenmarkt eng wird. Schon alleine auf den Gurkenfliegern sind Abstände nicht einzuhalten. Die Ernte werde länger dauern und teurer werden. Außerdem sinke die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte. „Die Lager sind leer“, sagt Geschäftsführer Christoph Freitag. „Bis zur neuen Ernte wird es eng.“

Auch Julia Klöckner fordert Änderungen

Schon auf der Agrarministerkonferenz hat Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner deutlich gemacht, dass die Länder den Infektionsschutz überprüfen müssen. Mit Beteiligung des Robert-Koch-Instituts, dem BMAS und dem Innenministerium hatte sie ein Konzeptpapier für die Einreise von Saisonarbeitern abgestimmt, die unter bestimmten Bedingungen auch per Flugzeug einreisen dürfen. Das war der Wunsch von Betriebsleitern. Doch schon bei der Abreise aus dem rumänischen Cluj drängelten sich die Arbeiter am Flughafen eng zusammen. Einzelne Betriebe dankten ihren Erntehelfern mit Sammelunterkünften und engen Transportmitteln.  

„Die Standards werden dabei fortlaufend weiterentwickelt, ihr Einsatz ist vor dem Hintergrund der örtlich vorliegenden Verhältnisse im Einzelfall zu prüfen. Die Überprüfung des Gesundheits- und Arbeitsschutzes obliegt den Ländern nach Maßgabe der jeweils geltenden landesrechtlichen Regelungen. Entsprechend gelten auch die Sanktionierungsmöglichkeiten nach den entsprechenden Quarantäne-Verordnungen der Länder. Die Länder müssen dieser verfassungsgemäßen Aufgabe nachkommen“, reichte das Ministerium am Montag nach. Julia Klöckner wörtlich: „Wir haben einen verantwortungsvollen Korridor zur Einreise geschaffen – unter strengen Infektionsschutzauflagen. Um die Akzeptanz der Bevölkerung für diese Regelungen aufrecht zu erhalten, sind jetzt die Länder gefragt. Verfassungsrechtlich ist es ihre Aufgabe, die Einhaltung der Auflagen und eine effektive Kontrolle sicherzustellen. Besonders im Sinne der vielen landwirtschaftlichen Betriebe, die sich an die Vorschriften halten, müssen sie dieser Verantwortung nachkommen. Denn die Alternative wäre, dass die gefundene Lösung in ihrer derzeitigen Form nicht fortbestehen kann.“

Mit der Schlachtbranche hat Klöckner am Dienstag gesprochen: „Die Branche muss Konzepte entwickeln, wie der Betrieb unter strengen Auflagen des Arbeitsschutzes und Gesundheitsschutzes weiter gehen kann.“ Sei das nicht gewährleistet, ist die Versorgungssicherheit gefährdet. Auch da steckt die Drohung drin, Betriebe zu schließen.

Reaktion in Brandenburg

Das Potsdamer Landwirtschaftsministerium  hat einen ersten Runden Tisch „Gute Saisonarbeit“ mit den Verbänden des Garten-, Obst und Spargelbaus abgehalten. „Die Brandenburger Landwirtschaft und Ernährungsbranche kann nicht ohne Saisonkräfte leben“, stellt Minister Axel Vogel fest. Auch Arbeitsminister Jörg Steinbach nahm daran teil. Das Fazit: „Alle Beteiligten – die Gewerkschaften, die Anbauverbände als Arbeitgeber und die Landesregierung – wollen, dass gute Saisonarbeit ein echtes Qualitätsmerkmal für die Landwirtschaft und das Verarbeitungsgewerbe in Brandenburg wird.“ Schwarzen Schafen, die sich nicht an Standards halten, möchte Vogel entschieden entgegentreten. Damit ist nicht nur das Lohnniveau gemeint. Ausdrücklich geht es auch um „angemessene Unterbringung und festgelegte Arbeitszeiten.“ Die Einhaltung der Hygienevorschriften ist der aktuelle Rechtsrahmen. Das Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit wird gemeinsam mit dem Zoll regelmäßige Kontrollen auf den Betrieben durchführen und auf das Abstellen etwaiger Verstößen drängen.

Für Brandenburg ist das keine Eintagsfliege. Im Sommer soll es einen zweiten Runden Tisch geben, bis zu dem konkrete Vorschläge zu Unterbringung, Betriebswechsel, An- und Rückreise geregelt werden. Das dürfte auch für die Zeit nach der Pandemie Bestand haben.

Tönnies

Deutschlands größter Schlachter wird in den kommenden Tagen jeweils 500 Mitarbeiter auf das Virus testen. Am Montag hat Tönnies in Absprache mit dem Krisenstab des Kreises Gütersloh damit begonnen. Nach der Teilnahme an der Telefonkonferenz mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium hat Tönnies ein 14-Punkte-Hygienekonzept erstellt. Kern ist die PCR-Methode zur Feststellung von Virus-DNS und wird diese in einem eigenen Testcenter einsetzen. Im Fall eines positiven Ergebnisses wolle Tönnies den Vorfall direkt an die Gesundheitsämter der Landkreise melden. Seit Februar hat der Schlachter verbindliche Vorgaben in den Bereichen Wohnen, Transport und Arbeit aufgelegt.

Am Ende ist die lange Geschichte der sozialen Ungleichheit noch nicht.

Lesestoff:

[1] Mittnick A, Kinshipp-based social inequality in Bronze Age Europe; Science 08. Nov 2019, Vol. 336, Issue 6466, pp 731-734 https://doi.org/10.1126/science.aax6219

[2] Geschichte der Schwabenkinder: https://www.schwabenkinder.eu/de/

[3] Arbeitsproduktivität beim Reisanbau: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/strukturwandel-in-so-asiens-reisproduktion.html

[4] Khuê Pham und Vanessa Vu haben die Geschichte der geflüchteten Vietnamesen in „Die Zeit“ vom 07. Mai 2020 nacherzählt.

Roland Krieg

© Herd-und-Hof.de Nutzungswünsche: https://herd-und-hof.de/impressum.html

Zurück