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Welches GE-Verfahren hat eine Chance?

Landwirtschaft

Genome Editing: Wissenschaft statt Informationsmangel

Die neuen Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas9 sind gesellschaftlich hoch relevant. Was sich dahinter genau verbirgt, ist den meisten Verbrauchern unbekannt. Ende September hat das Verbrauchervotum des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) das Interesse bei Verbrauchern für das Genome Editing (GE) wecken können, die im Gegenzug einen verantwortlichen Umgang einforderten [1].

Dagegen haben grüne Politiker und der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft in diesem Jahr das einjährige Jubiläum des Urteils vom Europäischen Gerichtshof gefeiert, der neue Züchtungstechniken der alten Gentechnik gleichzusetzen scheint.

Der Wissenschaftsjournalist Ed Regis hat in diesem Monat mit seinem Buch „Golden Rice“ vor der Verantwortungslosigkeit der Opposition gewarnt, dass die Nicht-Anwendung biotechnologischer Pflanzen „Millionen Menschen bislang das Leben gekostet hat.“ [2]. Der Vitamin A-Mangel ist in Industrieländern in Lebensmitteln meist ausreichend vorhanden. In Entwicklungsländern hingegen ist die Verfügbarkeit eine Frage nach Leben und Tod. Der Mangel soll mehr Kinder unter die Erde bringen als HIV, Tuberkulose oder Malaria. Rund 2.000 Kinder sterben täglich an den Folgen des Mangels. Vor mehr als 20 Jahren haben Peter Beyer und Ingo Potrykus Gene in den Reis gebracht, die Vitamin A produzieren. Für Kinder, die täglich oftmals nur Reis zu essen bekommen, eine essentielle Versorgung.

Die tägliche Ration Vitamin A ist für Kinder in China, Indien und Bangladesch selbst heute noch nicht verwirklicht. Aus dem Vorsorgeprinzip haben Umweltorganisationen wie Greenpeace Schuld gesprochen, bis das Gegenteil bewiesen ist, folgert Regis in seinem Buch.

Wissenschaft für Genome Editing

Schon vor zwei Jahren haben 100 Nobelpreisträger in einem offenen Brief die Kampagnen gegen die grüne Gentechnik zu beenden [3]. Das haben in der vergangenen Woche 23 Verbände der Agrar- und Ernährungswirtschaft in einem offenen Brief an die deutsche Politik ebenfalls gefordert. Zentraler Satz zum EuGH-Urteil: „Mit dem Urteilsspruch, der jegliche Anwendung neuer Züchtungsmethoden pauschal als GVO einstuft, sind die vielversprechenden Techniken für unsere vorrangig mittelständisch geprägte Branche für die Produktentwicklung de facto nicht mehr anwendbar.“ Die Wissenschaft hat sich seit dem Gentechnikgesetz aus dem Jahr 2001, das auf wissenschaftlicher Basis der 1980er Jahre basiert, weiterentwickelt [4].

Das wurde am Montag auf dem Berliner Forum des Deutschen Bauernverbandes, der Deutschen Gesellschaft für Agrarrecht und der Edmund Rehwinkel-Stiftung ebenfalls deutlich. Der Rechtswissenschaftler Dr. Timo Faltus von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg führte die Schwächen des Urteils noch einmal ausführlich auf. Die Vorabfrage aus Frankreich sollte beim EuGH nur die Punktmutation klären. Transgene Fälle, wie die Einkreuzung von Fremd-DNS bleiben unter dem alten Gentechnikgesetz. Unter einer Punktmutation verstehen die Züchter die Veränderung einer einzelnen Nukleinbasis. Bei Transmutationen hingegen sind ganze Basenpaare hintereinander verändert.

Zweitens habe das Luxemburger Gericht die zeitliche Unterscheidung gewagt, zwischen Punktmutationen vor und nach 2001 zu unterscheiden. So sind Mutationen durch chemische Substanzen und Radioaktivität aus den Frühzeiten der technischen Züchtung weiterhin erlaubt. Und im Rahmen des Vorsorgeansatzes hätte das Gericht das Urteil aus produktbezogenem Ansatz und nicht aus prozessbezogenen Ansatz fällen müssen. Doch habe das EuGH in seiner Urteilsbegründung keine einzige wissenschaftliche Quelle herangezogen [5].

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat sich eine genaue Analyse des Urteils ausbedungen, bevor es beim Genome Editing aktiv wird. Der Prozess dauert an, wie der CDU-Politiker Kees de Vries am Montag bescheinigte. Der Juniorpartner in der Regierungskoalition stelle sich gegen das GE. Bei den jungen Grünen entdeckt er immerhin eine Aufweichung der harten Widerstandslinie.

Welcher Trick 17 könnte aus dem EuGH-Urteil folgen? Eine geheime CRISPR-Mutation und eine offizielle folgende leichte Röntgenbestrahlung würden aus der neuen Pflanze eine erlaubte Mutante machen.

Nachweis und Identifikation?

Ein Streit  ist um die Nachweisbarkeit entstanden. GE kann dieselben Mutationen erwirken, wie die Natur. In einer Pflanzengeneration treten durchschnittlich 50 Mutationen auf, die Röntgenbestrahlung erzwingt 30.000, sagt Dr. Jon Falk, Geschäftsführer der Saaten-Union Biotec GmbH. Was nicht nachweisbar ist, kann nicht nachgewiesen werden. Der Rechtswissenschaftler unterscheidet zwischen Nachweis und Identifikation. Mit Hilfe eines Referenzabschnittes, kann jede Mutation nachgewiesen werden, nicht aber, nach welcher Methode sie erwirkt wurde. Im deutschen Recht wäre der Beweis nicht zu erbringen und könnte gegen die Verfassung verstoßen [6].

Hier haben Züchter und Juristen eine Tiefe erreicht, die Verbraucher nicht mehr nachvollziehen können. In etwa sei es so, wie ein Teilnehmer es formulierte: Die schwangere Frau sei nachweisbar schwanger, aber bei bloßem Augenschein der Vater nicht identifizierbar.

„Wir müssen über Züchtungsziele reden“

Timo Faltus kritisierte das Kommunikationsmanagement von Politik, Behörden und Wissenschaft. Um was es genau beim Urteil in Luxemburg gehe, habe vorher niemand auseinandergehalten. Die Kritiker hätten mit der falschen Pauschalität, es gehe um die Zuordnung des GE zur alten Gentechnik die Oberhand gewonnen. Wenn GE künftig eine Chance haben soll, dann müsse die Kommunikation dringend geändert werden. Der Primat der Politik sei der Machterhaltung oder die Machterweiterung sowie der geglaubte Wille des Volkes und widerspreche dem naturwissenschaftlich-technischem Primat.

Der Brandenburger LandesbauernpräsidentHendrik Wendorff ist auch Vorsitzender des DBV-Fachvorstandes Ökolandbau und bewirtschaftet selbst einen Ökohof im Osten des Landes. Ob GE eine Option für den Ökolandbau sei, wie es einst der Vorsitzende Urs Niggli beim Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FIBL) formulierte, wollte Wendorff nicht sagen. Die harte Kritik an dem Schweizer Wissenschaftler wollte er sich nicht zuziehen. Wendorff formulierte es vorsichtiger und mahnte an, wenn neue Methoden Lösungen für die Landwirte schneller  bereit halten, sei das zu überlegen. Innerhalb des DBV werde das Thema kontrovers diskutiert. „Wir müssen über Zuchtziele reden“, forderte Wendorff und kommt damit dem Verständnis bei Verbrauchern näher. Den Landwirten muss es bei Herausforderungen des Klimawandels besser gehen. Die Ökoverbände sprächen wie der DBV jeweils für sich. Auch der Ökolandwirt will Produktsicherheit und Produktqualität auf seinen Feldern [7].

Eine von vielen Bausteinen

Die Landwirte stehen in der Verantwortung der Ernährungssicherheit für bald 10 Milliarden Menschen, was mit der aktuellen Ertragssteigerung nicht erreichbar ist, führt Dr. Falk aus. Es gebe ein Kalorien-Defizit, dass bei zunehmend unsicheren Bedingungen geschlossen werden müsse. Die Nutzpflanzen müssen robuster werden. Punktmutationen können im Einzelfall helfen, Pflanzen trockenresistenter zu machen. GE verkürzt den Weg bis zur Sortenzulassung von üblicherweise 20 Jahren, ist aber mit einem Aufwand von mehr als fünf Millionen Euro nicht preiswerter.

Dennoch hat sich die Pflanzenzüchtung weiter entwickelt. Die Höhe des Ertrags ist vielleicht nicht so entscheidend, als mehr die Ertragsstabilität. Zudem werden sich nach dem Experten der Saaten-Union die Anbaumethoden ändern und mit Soja und Sorghum neue Kulturpflanzen in Westeuropa etablieren. Schweden habe einen Ansatz für die Formulierung eines neuen Gentechnikgesetzes gefunden. Er folgt der Unterscheidung, ob Fremd- oder Eigen-DNS verwendet wurde. Auf dieser Basis hat auch Australien sein Gentechnikgesetz neu geschrieben [s. Link in Quelle 6].

Es ist an der Zeit

Der Diskurs über GE ist überfällig. Mit ihm sollte auch der Versuch unternommen werden, die Defizite in der Grundlagenkenntnis bei Verbrauchern zu überwinden. Europa kann sich keine Zurückhaltung leisten. Deutsche Züchter verlieren mit Ländern, die GE dereguliert haben,  Saatgutherkünfte und müssten mit einer geringeren Sortenvielfalt auskommen. Das gelte möglicherweise auch für den Handel, der neue Produkte aus Drittstaaten nicht mehr einkaufen wird.

Mittlerweile hat die Wissenschaft sogar eine neue Tiefe der Veränderung erreicht. Beim Base Editing werden einzelne Buchstaben, die als Basenpaare ACGT die Verschlüsselung der Erbinformation darstellen, ausgetauscht. Hier werden neue Gene abgelesen, bevor sie in das neue Erbgut integriert werden [8].

Lesestoff:

[1] Verbrauchervotum GE: https://herd-und-hof.de/ernaehrung-/genom-editing-mit-dem-potenzial-verantwortlich-umgehen.html

[2] Ed Regis: Golden Rice: The Imperiled Birth of a Gmo Superfood; John Hopkins University Press, Baltimore 2019; ISBN 9781421433035

[3] https://www.supportprecisionagriculture.org/nobel-laureate-gmo-letter_rjr.html

[4] http://grain-club.de/

[5] Überraschendes Urteil: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/eugh-urteil-zu-genom-editing.html

[6] Studie zur Nachweisbarkeit von GE widersprochen: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/nachweisbarkeit-von-genom-editing.html

[7] Wie umfangreich die Sicherheitsprüfungen für die Zulassung von GVO sind hat das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, das für die Zulassung zuständig ist aufgezeichnet: https://www.bvl.bund.de/DE/06_Gentechnik/02_Verbraucher/gentechnik_verbraucher_node.html

[8] Buchstaben-Tausch: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/base-editing.html

Roland Krieg

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