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Weltforum Bioenergie

Landwirtschaft

Ost-West-Forum im Zeichen der Bioenergie

Das in diesem Jahr zum 14. Mal stattfindende Ost-West-Forum auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin hat mit über 1.400 internationalen Gästen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft einen neuen Rekord erzielt und musste in einen größeren Saal des ICC umziehen. In seiner kurzen Begrüßung wollte Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer, dann das ehemalige Forum zwischen Ost- und Westeuropa gleich zu einem internationalen Forum umwidmen. So hochkarätig waren auch die Diskussionsgäste heute Vormittag.
Die Welt stellt sich die Frage, ob es eine Konkurrenz zwischen Nahrungspflanzen und Energiepflanzen gebe, da beide Aufgaben gleichzeitig erfüllt werden müssen: Die Weltbevölkerung mit Nahrung und mit Energie sichern.

Russland
Russlands Landwirtschaftsminister Alexej Gordejew sieht Russland vor den gleichen Fragen wie Deutschland. Die Anzahl der Autos ist in den letzten Jahren um das fünffache gestiegen und die Stadtbevölkerung zeigt ein wachsendes Umweltinteresse. Das Potential für die Produktion von Biomasse gibt Gordejew mit einer Milliarde Tonnen an, was vergleichbar mit den USA wäre. 20 Millionen Hektar Land liegen in Russland noch brach. Damit könnte das Land den Europäern helfen, ihren Bedarf an erneuerbaren Energien zu decken. Beide Wirtschafträume verfolgten die gleichen Ziele.

Brasilien
Brasiliens Staatsekretär Linneu Carlos da Costa Lima sieht in Brasilien keine Konkurrenz zwischen Nahrungs- und Energiepflanzenanbau. Das Riesenland verfüge über 851 Millionen Ackerfläche und weiteren 300 Millionen Hektar Grünland. Den Regenwald sieht Lima weiterhin geschützt, weil sich der Raubbau im letzten Jahr um 30 Prozent verringert habe, so Lima. Bei der Rinderproduktion wolle Brasilien die aktuell genutzten 200 Millionen Hektar mit 30 Millionen Rindern auf unter 150 Hektar zurückdrängen.
Brasilien kann bei der Zuckerrohrproduktion zwischen der Ethanol- und Zuckerherstellung wechseln. Aktuell produziert das Land nach Angaben Limas 17 Milliarden Hektoliter Ethanol und 30 Millionen Tonnen Zucker auf sechs Millionen Hektar Fläche. (Die Ackerfläche in Deutschland umfasst rund 12 Millionen Hektar; roRo).
In vielen Fällen produziert das südamerikanische Land Energie und Nahrung in der Landwirtschaft. Die Fläche für den Energieanbau könne auf das drei- bis vierfache erhöht werden und ist gewillt, die Welt mit Energie zu beliefern.

Chile
Chile ist da in anderer Position. Landwirtschaftsminister Alvaro Rojas sieht lediglich Mittelchile in guter klimatischer Position zu Wettbewerbsbedingungen produzieren. Gleichzeitig ist Chile sehr abhängig von Energieimporten. Beispielsweise Gas aus Argentinien, was aber in der Zukunft auch abgebaut werden soll. Die im Land verwendete Biomasseproduktion für die Kraftstoffe der ersten Generation werden auf rund 600.000 Hektar angebaut. Technologien für die Kraftstoffe der zweiten Generation sind im Land aber nicht vorhanden, weswegen Rojas einen Technologietransfer mit Europa sucht. Selbst werden in Chile Steuern auf Kupfer erhoben, die für die Entwicklung von innovativer Technik investiert werden. Im letzten Jahr kamen auf diese weise zwei Millionen US-Dollar zusammen.

EU
Für die EU-Kommissarin Mariann Fischer Boel ist das Thema Bioenergie ein Lieblingsthema. Mit dem am 10. Januar vorgelegten Aktionsplan hat das Thema oberste Priorität. Wichtig ist ihr gewesen festzustellen, dass es vornehmlich um die Reduzierung der Energieabhängigkeit von Importen gehe und nicht um hohe Erdölpreise: „Wir dürfen das Interesse an der Bioenergie nicht an den Ölpreis koppeln“. Zwar gebe es Konkurrenzen zwischen Energie- und Nahrungspflanzenanbau, aber nur bei den Kraftstoffen der ersten Generation. Bei der BtL-Technik können Stroh, Holz, Gülle und landwirtschaftliche Abfallstoffe Verwendung finden und die Konkurrenzbeziehung auflösen. Außerdem verwies sie auf die Tradition in der Landwirtschaft, mit Hafer für Zugpferde schon immer Energie angebaut zu haben.
Für Minister Seehofer ist das Thema Konkurrenz so lange keines, so lange es Stillegungsflächen gibt. Für ihn kann die bäuerliche Zukunft mit der Diversifizierung in Nahrungsanbau, als Energiewirt und im Bereich Tourismus einen Verzicht auf Subventionen völlig ermöglichen. „Junge Menschen erlernen wieder landwirtschaftliche Berufe, weil sie eine Perspektive auf dem Land sehen.“ Es müssen aber klare Regeln geschaffen werden, damit es nicht zu Monokulturen oder zur Ausbeutung des Bodens komme.

Gentechnik
Seehofer will mehr über Chancen reden, als nur über Risiken. „Viele Leute erlauben es noch nicht einmal über Forschung im Bereich der Gentechnik zu reden. Wenn wir die Forschung behindern, können wir keine Zukunftsfragen beantworten.“ Eine Gentechnik im Bereich der Nicht-Nahrungsmittel hält er für notwendig. Zur Zeit sei die Stimmung im Land so, dass man darüber reden könne, meint der Landwirtschaftsminister. Fischer Boel steht ihm bei, besteht aber auf verlässliche Regeln zur Koexistenz. Wenn alle Sicherheitsbedenken geklärt sind, dann könne die Technik genutzt werden.
Ungeklärt bleibt die Frage, ob man mit der Subventionierung der Bioenergie, nicht den gleichen Fehler macht wie vor vierzig Jahren mit der Subventionierung der Landwirtschaft. Fischer Boel hält eine Kofinanzierung für realistisch. Das sei aber noch ein Thema für die entkoppelte Landwirtschaft. So setze die Zuckermarktreform Potential frei, Rüben für die Ethanolproduktion anzubauen und wieder zurück in den Markt zu kommen.

Welthandel Energie und Getreide
Während Brasilien die Welt mit Bioenergie versorgen will, möchte Gordejew Russland wieder zur Getreidenation machen. Das Land habe vormals mehr Getreide exportiert als Kanada, die USA und Argentinien zusammen und erst der Sozialismus hat das Verhältnis umgekehrt, so dass jährlich rund 30 Millionen Tonnen importiert werden mussten. Jetzt zählt Russland wieder u den fünf größten Getreideexporteuren wieder dazu.
Wichtig ist aber dabei, dass man die Bauern reich mache und nicht wie beim Erdöl nur wenige Städter. Gordejew wusste auch wie: Es sei Aufgabe der Genossenschaften in diese Bereiche zu investieren und den Mehrwert seinen Mitgliedern zukommen zu lassen. Das sieht auch Fischer Boel genauso: Die Genossenschaften hätten ein ureigenstes Interesse hier zu investieren.

roRo

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