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Wer oder was schont die Ressourcen in der Landwirtschaft?

Landwirtschaft

Landwirtschaft: Ressourcenschonend und innovativ

Die Landwirtschaft steht im Spannungsfeld zwischen Ressourcennutzung und Schutz der Ressourcen. Über die richtige Balance gehen die Meinungen auseinander. Bei einer Anhörung im EU-Agrarausschuss am Montag lag der Fokus der Experten deutlich auf der Schonung.  

Paradigmenwechsel

Philippe Baret von der Katholischen Universität Leuven in Belgien sprach sich für einen Paradigmenwechsel aus. Die negativen Kosten für Nährstoffanreicherung, Biodiversitätsverluste und Emissionen seien nicht mehr hinnehmbar. Dazu gehöre jedoch nicht nur eine Veränderung des landwirtschaftlichen Systems, sondern ein systemischer Ansatz vom ländlichen Raum bis zur klimabewussten Ernährung. Die Anhebung der Preise würde die Ressourcenschonung widergeben. Die EU müsse eine Politik fahren, die weg vom Primat des Ertrags führe. Dazu müssten Landwirte und Politik auch sinkende Erträge akzeptieren, solange die Ernährungssicherheit nicht gefährdet sei.

Landwirtschaft und Ernährungsindustrie

Begrenzte Senkungspotenziale für Energie und Emissionen sieht Béla Glattfelder von der ungarischen Plattform für erneuerbare Energien. Mehr als 45 Prozent Einsparung bei Treibhausgasen bis 2050 sieht Glattfelder nicht in der Landwirtschaft. Die angestrebten 80 Prozent seien nur im Zusammenspiel mit der Lebensmittelkette zu erzielen. In der Landwirtschaft müssten deutlich mehr Biokraftstoffe eingesetzt werden. Doch die steuerlichen Anreize aus der Politik fehlten. Ungarn hat ein großes Potenzial an Geothermie, die für den Agrarbereich genutzt werden kann. Effizienter müssten die Landwirte mit der Bewässerung umgehen, wobei der Verzicht auf die künstliche Beregnung auch keinen energetischen Vorteil bringe, weil mehr auf größerer Fläche produziert werden müsste.

Innovationen

Spezialisten im Bereich der Wassereffizienz sind die Israelis. Sheenan Harpaz ist stellvertretender Direktor der landwirtschaftlichen Forschung am Volcani Center in Tel Aviv. Die Israelis sind weltweit Technikführer im Bereich der Tropfenbewässerung. Bei Dauerkulturen können sie mit Schattennetzen über Lupinenfeldern den Eiweißträger auch bei einer Jahresniederschlagsmenge von 30 mm anbauen. Schattennetze entstehen aus gedrehten Kunststoffbändchen, die vergleichbar einem Strickmuster, nach unterschiedlicher Verarbeitung die Sonne unterschiedlich abschatten. Auch unterschiedliche Farbe ermöglicht eine Schattenabdeckung zwischen 60 und 90 Prozent.

Kleinstfarmen

Kevin Morel vom National Institute for Agriculture Research (INRA) in Paris hat Kleinstbauern wissenschaftlich begleitet. Im Norden Frankreich nimmt diese Bewegung zu. Kleinste biologische Betriebe mit weniger als einem Hektar Obst und Gemüse produzieren für den regionalen Markt. Gegenüber dem Erwerbsgartenbau nimmt mit sinkender Technisierung die Ressourennutzung ab und ermögliche höhere Erträge durch intensiveren Anbau. Trotz hohem Arbeitsaufwand. Aus dem Blickwinkel der Ressourcen betrachtet schaffen Zusammenschlüsse dieser Kleinbauern eine regionale Kreislaufwirtschaft, die zudem das Landleben aktiver gestalte. Da sie aufgrund der kleinen Fläche von den Subventionen ausgeschlossen sind, forderte Morel eine Umkehr der Agrarpolitik.

Agroforstsysteme

Als Alternative gelten auch Agroforstsysteme, die unter Bäumen Ackerkulturen anbauen. Patrick Worms vom belgischen World Agroforestry Centre beschriebt die veränderten Anforderungen. Die Bäume müssen so ausgewählt und gepflegt werden, dass ihre Wurzeln denen der Ackerkultur nicht ins Gehege kommen und mehr in die Tiefe gehen müssen. Die Bewirtschafter von Agroforstsystemen müssten auf diese Form der Mischkultur eher den Blick eines Försters haben. Bäume erschließen Wasser- und Lichtreserven noch im Oktober und können mit dem Laub die Winterfrucht düngen.

„Wir brauchen stabile Landwirtschaftssysteme“

Diesen Satz haben Carl-Albrecht Bartmer, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) und Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft in einem Berliner Streitgespräch zu Beginn des Monats beide unterzeichnet. Auch die konventionelle Landwirtschaft sei eine „System-Landwirtschaft“, was der Ökolandbau als Alleinvertretung beanspruche. Zudem ist der konventionelle Landbau „viel besser“ geworden. Die Forderung nach einem „stabilen System“ könne keine Forderung nach einem alten Gutshof sein.

In Ergänzung betonte Löwenstein, dass auch die Ökolandwirtschaft ökologisch intensiver werden müsse. Moderne Produktionstechniken, wie das Strip-Till-Verfahren seien auch für den Ökolandbau geeignet. Ein Paradigmenwechsel steht auch für Löwenstein an: „Prämien für höhere Erträge stelle ich infrage“, sagte er. Bartmer hingegen überlegte, ob der Ökomarkt die hohen Preise noch beibehalten kann, wenn der Anteil deutlich mehr als bei sieben Prozent liegt.

Keine Ausweitung des Ökolandbaus

Werden Treibhausgas-Emissionen zwischen Ökolandbau und konventioneller Landbewirtschaftung verglichen, steht der Ökolandbau besser da. Scheinbar. Flächenbezogen stimme das, kommentiert der Industrieverband Agrar (IVA) Mitte des Monats. Je Produkteinheit allerdings ist der ökologische Fußabdruck größer. Das liege an den bis zur Hälfte geringeren Erträgen. Das hat der Wissenschaftliche Beirat in einem Gutachten für das Bundeslandwirtschaftsministerium ermittelt. „Für wirksame Klimaschutz-Maßnahmen in der Landwirtschaft müssen wir uns von einer eindimensionalen Betrachtung verabschieden, die nur auf die Emissionen je Fläche schaut. Durch moderne Produktionsmittel wie Mineraldünger und Pflanzenschutzmittel steigern Landwirte ihre Erträge nachhaltig und senken so die spezifischen Emissionen ihrer Produkte“, kommentiert IVA-Hauptgeschäftsführer Volker Koch-Achelpöhler.

Umbau der Landwirtschaft unaufschiebbar

Die Herbsttagung des BÖLW hingegen kam nahezu gleichzeitig zu dem Fazit, dass der Umbau der Landwirtschaft zwingend notwendig sei. „Mit einer regenerativen Landwirtschaft könne viel überschüssiger Kohlenstoff in humusreiche Böden dauerhaft, sicher und günstig gebunden werden“, erklärte Löwenstein. „Deutschland müsse wieder zu einem Klimapionier werden.“ Dr. Hermann Lotze-Campen vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) ergänzte, dass ein „business as usual“ nicht möglich sei. Die Tierproduktion müsse umgebaut werden. Der Fleischkonsum müsse sich verringern. Ehrliche Preise sind für Alexander Mahler vom Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) Voraussetzung für den Klimaschutz und die Abschaffung schädlicher Subventionen die Schonung der Ressourcen.

Roland Krieg

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