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Wie sieht die Gesellschaft die Nutztierhaltung?

Landwirtschaft

Analyse über die Einstellung zur Nutztierhaltung

Die landwirtschaftliche Tierhaltung wird in der Öffentlichkeit seit Langem kritisch gesehen. Gesellschaftliche Vorstellungen, wie mit Tieren umzugehen sei, und die moderne landwirtschaftliche Praxis liegen häufig weit auseinander. Doch worauf legen die Verbraucherinnen und Verbraucher besonders viel Wert, welche Erwartungen haben sie an tierhaltende Betriebe? Und welche Rolle kann der Handel als Bindeglied zwischen Stall und Teller spielen?

Nutztierhaltung beinhaltet viele Zielkonflikte 

In Gruppendiskussionen mit Verbrauchern stießen die SocialLab-Forscher jenseits von Pauschalbegriffen wie „Massentierhaltung“ schnell auf Zielkonflikte: Konsumenten müssen sich nicht nur zwischen billigen und hochpreisigen, dafür tiergerecht produzierten Waren entscheiden. Auch zwischen Aspekten wie Tierwohl, Umweltschutz und Klimawirkungen gilt es abzuwägen. So entspricht etwa der Freilandauslauf dem arteigenen Verhalten vieler Nutztiere, dies kann aber mit verstärkter Belastung von Böden und Grundwasser durch Exkremente einhergehen. Bei Befragungen zeigten sich oft Hilflosigkeit im Umgang mit sich widersprechenden Zielen und die Tendenz, diese Zielkonflikte zu verdrängen. Insgesamt zeigen die Ergebnisse von SocialLab: Der Wunsch nach mehr Tierwohl steht in der Bevölkerung weit oben – höher als Umweltziele, arbeitswirtschaftliche Ziele der Betriebe oder selbst Aspekte der Arbeitssicherheit. Das sind Bereiche, bei denen von der Landwirtschaft erwartet wird, innovative Lösungen zu finden.

Ministerin will Ergebnisse konkret nutzen

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, die die SocialLab-Veranstaltung eröffnete, betonte die Relevanz der Ergebnisse: „Verbraucher schätzen die Vielfalt an hochwertigen Lebensmitteln in Deutschland, sie wollen regionale Produktion um die Ecke. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass die gesellschaftlichen Anforderungen an eben jene Produktion größer werden, besonders im Bereich der Tierhaltung. Diese Anforderungen würden es gerade aber den regionalen Kleinbetrieben, die im Wettbewerb stehen, schwer machen, zu überleben. Oder: Die Mehrheit ist für mehr Tierwohl, aber beim Einkauf selten bereit, mehr Geld dafür auszugeben.“ Für die Arbeit im Ministerium ist es wichtig, zu sehen, wo die Defizite beim verstehen liegen, um daraus Ansatzpunkte für das Anliegen Tierwohl voranzubringen

Ein Blick ins Verbrauchergehirn

Wie stark sich Erwartungen auf das subjektive Empfinden auswirken, wurde in einem Wahlversuch deutlich. Verbraucher sollten Kochschinken bewerten. Getestet wurden – jeweils vom gleichen Verarbeiter hergestellt – Kochschinken von Schweinen aus unterschiedlichen Haltungsbedingungen (konventionell, biologisch und zwei andere tiergerechte Haltungssysteme). Bei der Blindverkostung erhielten die Testpersonen die Schinkenproben zunächst ohne Kennzeichnung und konnten keine Unterschiede feststellen. Anschließend wurden den Probanden die Haltungssysteme erläutert und sie konnten noch einmal testen. Hierbei traten deutliche Unterschiede auf: Die Bio-Variante wurde am besten bewertet und die konventionelle am schlechtesten.

Berichterstattung in den Medien

Das Bild der Bevölkerung über Tierhaltung wird maßgeblich durch die Medien geprägt. Die Berichterstattung darüber nimmt in den (Print-)Medien seit Jahren zu. Sie ist in der Regel anlassbezogen. In den Regionalmedien stehen vor allem die lokalen Facetten der Tierhaltung im Vordergrund, sowohl in positiver Hinsicht als auch bei Problemen. Insgesamt, so zeigen die Analysen, ist die Themenvielfalt groß; es wird vielfach abwägend und nicht wertend berichtet, auch wenn zunächst ein Problem als Aufhänger dient.

Die Rolle des Handels

Ob Innovationen in der Nutztierhaltung erfolgreich sind, wird am Ende nicht im Stall, sondern am Regal entschieden – über Top oder Flop entscheiden die Verbraucher. Dem Handel kommt hier eine wichtige und noch zu wenig berücksichtigte Rolle zu, denn er ist in der Lage, die oft nur latenten Präferenzen der Verbraucher zu steuern (zum Beispiel mit Bannern über dem Regal). Derzeit sieht sich der Handel allerdings meist als reiner Bereitsteller von Produkten. Mit den SocialLab-Ergebnissen zu den Präferenzen der Konsumenten wäre er in der Lage, die Verbraucher stärker an die Produkte heranzuführen, die ihren Vorstellungen am ehesten entsprechen.

Lesestoff:

Den Abschlussbericht finden Sie unter  https://www.sociallab-nutztiere.de/

Michael Welling (TI); roRo

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