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„Wir müssen zurück zum Sonntagsbraten“

Landwirtschaft

Der Vorabend des Branchentreffens Fleisch

Der Einstieg in die Veredelungswirtschaft ist für einen Ackerbaubetrieb nicht nur eine Diversifizierung, sondern hat in der Vergangenheit ein deutlich gestiegenes Einkommen gesichert. Die schnelle Generationsfolge hat zur Spezialisierung geführt. Für die Zucht erzeugen Reinzuchtbetriebe Sauen, Sauenhalter liefern Ferkel und Mäster machen sie rund und dick. Die glückliche Schweinefamilie auf dem Hof kommt weder in der Effizienz nicht mit. Sie verursacht zudem Kosten, die am Markt kaum zu erzielen sind.

Landwirtschaftlicher Fortschritt

Die Effizienz in der Schweinehaltung folgt der Effizienz der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. 1949 hat ein Landwirt fünf Menschen ernährt, waren es 2017 schon 135. Die 26 „eingesparten“ Landwirte haben Arbeit in der Industrie, im Dienstleistungssektor, im Handwerk oder freiberuflich wahrgenommen. Mit dem technischen und wirtschaftlichen Fortschritt sind die Kosten für die produzierte landwirtschaftliche Einheit gesunken. So können heute auch Geringverdiener sich Lebensmittel leisten, auf die sie lange Zeit verzichten mussten. Bezogen auf das Fleisch, hat sich der Sonntagsbraten aus den 1950er Jahren zu einem Massenlebensmittel entwickelt. Verbraucher haben im gleichen Zeitraum den Anteil für Lebensmittelausgaben an ihrem Einkommen von 47 auf 14 Prozent senken können. Die frei gewordenen Euro werden in Reisen, Möbel, Autos und teure Küchen investiert. Ernährungswissenschaftler Guido Ritter hat die Entwicklung am Donnerstagabend in der Berliner Landesvertretung des Landes Nordrhein-Westfalen nachgezeichnet. Und auf die Folgen der Entwicklung hingewiesen: Beim ökologischen Fußabdruck jeden Einzelnen spielt die „Ernährung eine wesentliche Rolle“. Die Frage, ob Kunden „bio“ oder „konventionell“ essen tritt dabei in den Hintergrund. Den Unterscheid macht Fleisch. Wer auf pflanzliches Protein zurückgreift gehört ökologisch immer zu den Ressourcengewinnern. „Wir müssen zurück zum Sonntagsbraten“, fordert Ritter.

Umbau statt Abbruch

Neben den ökologischen Folgen hat die Pandemie die Arbeitssituation in den Schlachthöfen beleuchtet. Nichts, was nicht vorher schon bekannt geworden ist, wie Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser in Nordrhein-Westfalen sagt. Aber die Pandemie hat aus dem Arbeitsministerium eine Wende eingeleitet, die vorher aus der Branche nicht kam. Heinen-Esser unterstreicht auch, warum es so schwer ist, in der Fleischwirtschaft etwas zu ändern. Das heutige System trägt allein im Bundesland 3,9 Milliarden Euro Umsatz am Gesamtumsatz der landwirtschaftlichen Branche von 7,5 Milliarden Euro bei. Würde Fleisch einfach vom Teller verschwinden, bricht etwas zusammen, dessen Ausmaß kaum zu erahnen ist. In welchen Zusammenhängen sich das System Fleisch ändern muss, hat die kurze Betrachtung der vergangenen Jahrzehnte gezeigt. Sollen Rinder statt 7.700 kg Milch wieder „nur“ 2.500 kg Milch geben, wie in den 1950er Jahren? Sollen 13 der „eingesparten“ Landwirte wieder in die Landwirtschaft zurück und viele kleine Betriebe gründen, für die es weder eine Verarbeitung noch eine Vermarktung gibt?

Im Einzelnen funktioniert das. Spitzenkoch Franz Keller hat seine Michelin-Sterne gegen einen Ökohof ausgetauscht und beschrieben, wie langwierig es war, seine Kunden an eine neue Küche zu gewöhnen. „Wir haben das System der Ernährung der Industrie überlassen. Das rächt sich jetzt. Aber es ändert sich wieder“, sagt Keller hoffnungsfroh. Martin Rücker von foodwatch geht das viel zu langsam. Er vermutet hinter der oben aufgezeichneten Entwicklung ein bewusstes System gelenkter Lobbyarbeit. Allerdings hat er den Tierschutz im Grundgesetz auch als „Staatsziel“ vor Augen. Als die Bundesregierung 2002 den Artikel 20a formulierte war ihr wohl nicht bewusst, dass sie sich daran auch messen lassen muss. So ist Rückers Argument nicht verkehrt, wenn er sagt, dass Ende des Kastenstandes hat die Bauernlobby jahrelang gegen geltendes Recht verhindert. Die Erwiderung von Staatssekretärin Beate Kasch beim Bundeslandwirtschaftsministerium, der Prozess habe gezeigt, wie mühsam ein Kompromiss ist, wirkt vor dem Hintergrund der Gesetzeslage müde. Doch auch sie unterstreicht, dass ein Umbau der Tierhaltung im vollen Gange ist. Wer schneller aus dem Kastenstand raus will, der wird gefördert. Auch das vielgelobte Borchert-Papier verweist auf Überbrückungszeiten. Über die Tierwohlabgabe läuft gerade eine Machbarkeitsstudie, denn. „Wir wollen nicht in die Mautfalle laufen.“

Kasch verteidigt die Freiwilligkeit der Herkunftskennzeichnung und den Ansatz, das Thema erstmals nach Brüssel gebracht zu haben. Dort seien zwar alle Mitgliedsländer von der Idee begeistert, wollen aber keine verpflichtende Kennzeichnung. So steigt Tschechien jetzt erst mit einer Übergangsphase von zehn Jahren aus der Käfighaltung von Legehennen aus. Die Politik wird, sobald mehr als eine Akteur beteiligt ist, schwerfälliger als Wissenschaft und Fortschritt.

Traditionelles Fleisch weicht künftig hinter Pflanzen- und anderen Proteinen zurück. Ob die Zeit reicht, der Welt bis 2050 ein nachhaltiges Ernährungssystem zu sichern, bezweifelt Guido Ritter.

Wald-Eier

Metzger Max Esser aus dem rheinischen Heinsberg arbeitet mit seiner handwerklichen Fleischerei bei jeder Krise in der Fleischwirtschaft am Limit. So auch in der Pandemie. Die Menschen überdenken zunehmend, was sie essen und stellen regionale Anforderungen. Nachdem Esser Fleisch und Wurst zuerst mit seiner Geschichte des Fleischerhandwerks verkauft hat, rücken jetzt die liefernden Landwirte in den Fokus. Das begeistert die Menschen. Dahinter steckt harte Arbeit und Vermarktungsgeschick, bekennt Esser. Und geistige Flexibilität.

Seit neuestem verkauft Wald-Eier. Der Wald ist der liebste Aufenthaltsort für Hühner. Dorthin flüchten sie vor ihren Feinden. Allerdings dürfen im Wald nach Frostgesetz keine Hühner gehalten werden. Für sie setzt er auf Agrarholz. Eine dichte Plantage für Energieholz, die nicht als Wald gilt. Am Rand und in der Plantage laufen seine Hühner 24 Stunden am Tag herum und legen Eier. Die verkauft er bundesweit einmalig als Wald-Eier.

ASP und SARS-CoV2

Die Tierwohlabgabe war im Juni das wichtigste Ergebnis des ersten Branchentreffens Fleisch, das Ursula Heinen-Esser mit ihrer niedersächsischen Kollegin Barbara Otte-Kinast und Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner abgehalten haben [1]. Die Pandemie hatte Lücken in die Schlachtlandschaft geschlagen, die Werksverträge galten bereits als verboten und der so genannte „Schweinestau“ baute sich auf.

Heute hat sich die Situation verschärft. Am Nachmittag kommen die drei Ministerinnen zum zweiten Branchentreffen zusammen. Vom Erzeuger bis zur Ladentheke sind wieder alle dabei, sagte Heinen-Esser. Das Verbot von Fleisch als Lockvogelangebot im Handel soll durchgesetzt werden. „Das geht national“, sagt die Ministerin. Der Umbau in der Tierhaltung muss aber gelenkt werden.

Aber es drängt: Mit der Afrikanischen Schweinepest sind Exportmärkte weggefallen. Die Schlachtkapazitäten sind nach den Infektionsereignissen bei Tönnies in Rheda weiter unter Normalniveau und aktuell stehen die Schlachthöfe in Emstek (Vion) und Sögel (Tönnies) vor der Schließung. Die Landwirte sind verzweifelt und haben ihren Reaktionen, zunächst ihre Schweine und dann sich selbst zu töten, am Mittwochmorgen Barbara Otte-Kinast im Landtag zu einer sehr emotionalen Situation gebracht. Liquiditätshilfen werden geprüft, stehen aber nicht sofort zur Verfügung. Die privaten Kühlhäuser sind seit den pandemiebedingten Schlachthausschließungen voll. Ein Förderprogramm für private Lagerhaltung werde keinen Sinn machen, weil kein Platzmehr da ist.

Diese Situation trifft auf einen Schweinebestand, der in diesem Jahr bereits um 2,4 Prozent gesunken ist. Alternativen für Exportmärkte in Drittstaaten gibt es nicht. Vor allem für Köpfe, Ohren, Pfoten und Innereien sind langfristig keine Abnehmer in Sicht. Der Preisdruck in Deutschland wirkt sich mittlerweile auf die Nachbarländer aus. In Spanien, Dänemark und Polen ist die Zahl der Schweine in diesem Jahr um 3,0, 4,9 und 6,0 Prozent gestiegen.

Aus dieser Krise gibt es keinen schnellen Weg. Dafür ist das System international zu verzahnt. Die Niederlande gehen den Weg der Auflösungsprämie. „Das ist für uns derzeit nicht denkbar“, sagte Ursula Heinen-Esser. „Abe es kann eine Zeit kommen, da ist das zu überlegen.“

Lesestoff:

[1] Erstes Branchentreffen Fleisch: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/1620-uhr-einigung-bei-tierwohlabgabe.html

Roland Krieg

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