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„Wir werden mit der ASP leben müssen“

Landwirtschaft

Was die Afrikanische Schweinepest anrichtet

Es besteht allgemein die Gewissheit, dass die Afrikanische Schweinepest (ASP) auch nach Deutschland kommt. Nur der Zeitpunkt ist noch offen. Wenn sie jedoch einmal angekommen ist, wird sie bleiben, sagte Dr. Albert Hortmann-Scholten von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen auf der Wintertagung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) letzte Woche in Hannover: „Wir werden mit der ASP leben müssen.“ Ganz Osteuropa und zunehmend Asien zeigen, dass die für den Menschen ungefährliche Tierseuche endemisch wird.

Afrikanische Schweinepest

Das Auftauchen der ASP in Belgien hat die Verbreitung des Virus durch den Menschen  verdeutlicht. Die hohe Wildschweindichte in Deutschland birgt ein großes Reservoir für das Virus. Mittlerweile zeigen erste Wildschweine Resistenzen gegen das Virus. Sie werden nicht mehr krank und verbreiten es trotzdem.

Bei rund 22.000 Schweine haltenden Betrieben und 26,4 Millionen Zucht- und Mastschweinen in Deutschland stellt sich die Frage nach den Vorkehrungen und Auswirkungen  der Seuche immer wieder neu. Das ist wichtig, denn viele Landwirte haben noch keine großen Seuchenzüge mitgemacht und können sich  kaum vorstellen, was dann passiert. Die vor rund zehn Jahren sich ausbreitende Klassische Schweinepest in Nordrhein-Westfalen war noch ein kleineres Ereignis. Ende der 1990er Jahre wurden in den Niederlanden mehr als 12 Millionen Schweine gekeult.

Doch während bei der Klassischen Schweinepest im Notfall noch eine Ringimpfung möglich ist, gibt es diese Vorsorge bei der ASP nicht, warnt Hortmann-Scholten. Die Bundesländer und der Bund fühlen sich zwar offiziell gut vorbereitet, doch über die wirklichen Folgen schweigen sie

Biosicherheit

Pia Münster vom internationalen Tiergesundheitsspezialisten Elanco beschrieb noch einmal die Notwendigkeit der Biosicherheit im Stall. Dazu zählt nicht nur die Schleuse für Mensch und Geräte sondern auch das gesunde Tier mit einem funktionierenden Immunsystem. Futter, Tränke, Stallklima und Oberflächen müssen kontrolliert und überwacht werden. Die Reinigung beseitigt etwa 90 Prozent aller Keime, die anschließende Desinfektion weitere sechs bis sieben Prozent. Ganz keimfrei wird ein Stall nie. Doch gerade bei Reinigung und Desinfektion „gibt es noch Luft nach oben“, sagte Münster. Landwirte müssen sich an die Anwendungshinweise halten, die richtigen Mittel verwenden und vor allem Wirkzeiten einhalten. Die Universität Gent hat ein standardisiertes Bewertungssystem erstellt, das betriebsindividuell angepasst werden kann. Wird es jährlich durchgeführt, können Betriebsleiter die Schwachstellen ihres Betriebes erkennen und gezielt beseitigen.

Wann die Verantwortung des Landwirtes endet

Die Einhaltung der Biosicherheit liegt ganz klar in der Verantwortung des Landwirtes. Die Tierseuchenkasse zahlt nur, wenn die rechtlichen Vorgaben auch wirklich eingehalten wurden, betont Dr. Thomas grosse Beilage von der GESEVO GmbH. Das ist die 2008 gegründete Gesellschaft für Seuchenvorsorge in Niedersachsen. „Wir müssen vor die Seuche kommen“, mahnt er die Dringlichkeit der Vorsorge. Die EU fährt generell eine klare Nicht-Impfpolitik. Bei der ASP ist zudem nicht absehbar, wann ein Impfstoff vorhanden sein wird. Wenn die ASP zu einem Flächenbrand geworden ist, dann ist es für eine Eindämmung zu spät. Somit liegen die Aufgaben der Erregeridentifizierung in Begleitung mit dem Veterinär, die Identifizierung des Vektors, Reinigung und Desinfektion sowie die Auflistung der Nachbarschaftsbetriebe in der Verantwortung des Betriebsleiters. Die Veterinärämter koordinieren die Tätigkeiten. Bei Feststellung der ASP übernimmt dann das Amt. Die Sperrzone von drei und die Beobachtungszone mit zehn Kilometer wird festgelegt, das „stand still“ für Tiere und Fahrzeuge verhängt, die Schadnagerbekämpfung angeordnet und die Tötungsanordnung zugestellt. Ab dem Zeitpunkt sitzt der Betriebsleiter im fahrenden Zug. Er schließt nur noch einen Werksvertrag mit den Dienstleistern der einzelnen Tätigkeiten ab. Die GESEVO hält Zäune, mobile Boxen, Muldenkipper, Teleskoplader und Desinfektionsschleusen selbst bereit. Im Seuchenfall geht es um Stunden, um eben „vor die Seuche zu kommen“. Vorsorgegesellschaften, die auf Dienstleister mit eigenem Material setzen, stehen eventuell mit leeren Händen da, wenn dieser zeitlich gerade woanders gebunden ist. Das richtige Vorsorgemodell zu wählen, ist Aufgabe der Bundesländer.

„Man sieht nichts“

grosse Beilage zeigte Übungsfotos mit mobilen Boxen, in denen die Tiere getötet werden. Die Tiere werden aus dem Stall dorthinein gebracht. Strohballen als Sichtschutz machen sie für Mensch und Tiere nahezu „unsichtbar“. Was darin passiert ist kaum zu sehen. Das erfüllt nicht nur die rechtliche Aufgabe der tiergerechten Tötung, sondern wehrt auch das mediale Interesse ab. Rückblickend sind Kamerateams und Fotografen oftmals als erste am Ort des Geschehens. Hortmann-Scholten schätzt die Situation drastisch ein: „Die sind so geil auf Katastrophenberichte!“

Halter, Verbände und die Politik dürften sich nichts vormachen. Sobald das ASP-Virus erstmals in einen deutschen Hausschweinebestand dringt, bricht der Markt ein. Solange es den Veterinären gelingt „vor der Seuche“ zu bleiben, sind die Kapazitäten bei Logistik und Tierkörperbeseitigungsanstalten ausreichend. Wenn ASP aber in die Fläche geht, geht nach grosse Beilage auch dieses System „in die Knie“.

ASP wird wirtschaftlich eine Katastrophe

Solange das Virus noch nicht in Deutschland ist, sollen alle Beteiligten die Zeit nutzen, Biosicherheit und Vorkehrungen zu prüfen, um den Ernstfall so lange als möglich hinauszuschieben.  Das das Virus noch nicht in Deutschland ist, halten die Experten in Hannover mehr für einen Glücksfall als Ergebnis einer strategischen Planung.

Die ASP wird die Branche, das Agrarbusiness und die Politik hart treffen. Allein für Niedersachsen gibt Hortmann-Scholten den Schaden mit 22 Milliarden Euro an. Für ganz Deutschland beziffert er ihn auf mehr als 100 Milliarden Euro. Die Tschechen haben mittlerweile den Status „ASP-frei“ wiedererlangt. Das hat mehr als eineinhalb Jahre gedauert. Die Chinesen kämpfen mit einem Preisverfall von umgerechnet 3,70 auf 2,18 Euro/kg Schlachtgewicht. Der Ausbruch bei den belgischen Wildschweinen hat den Ferkelpreis von 27 auf acht Euro abstürzen lassen. Ungarn darf seit den Ausbrüchen nicht mehr nach Serbien, Russland, Taiwan, Singapur und Südkorea exportieren. Der Wunsch nach regionaler Betrachtung ist für Hortmann-Scholten offenbar ein frommer Wunsch der Politik. China und Südkorea haben dieses Ansinnen bislang abgelehnt.

Schaden für die Betriebe

Am Ende bleiben die Betriebe auf einem riesigen Kostenberg sitzen. Die Tierseuchenkasse zahlt lediglich den Nettowert der gekeulten Herde. Die Kosten für eine Betriebspause, für den Leistungsrückgang, Marktsperren sowie für den Aufwand eines Bestandsaufbaus müssen die Betriebe selbst zahlen.

Versicherer in Deutschland nehmen zum Teil schon keine Neukunden mehr an. Eine Versicherung kostet nach Hortmann-Scholten etwa 70 bis 90 Cent je Mastplatz. Österreich zahlt seit dem ersten Januar einen Zuschuss von 55 Prozent, Luxemburg von 65 Prozent. Die Niederlande und die USA haben vergleichbare Lösungen. Nur Deutschland hinkt angesichts des großen Risikos weit zurück, bedauert der Experte.

Verlierer sind nach grosse Beilage vor allem die Betriebe in den Seuchengebieten. Und wenn die ASP regional endemisch wird, gilt das für lange Zeit.

Es gibt noch andere Verlierer, die mit diesem Status noch gar nicht rechnen: Heu und Stroh dürfen aus den Sperrregionen nicht verkauft werden. Agrarwissenschaftler diskutieren aber schon darüber, ob das nicht auch für CCM, Getreide und andere Feldfrüchte gelten müsse? Biogasanlagen erwärmen das Substrat auf nur 40 Grad Celsius, was das Virus nicht abtöten wird. Dürfen Gärreste noch ausgebracht werden? Gülle lässt sich nur in den oberen Schichten desinfizieren. Das wird ebenfalls kaum ausreichen. Die meisten Güllefässer sind in Gemeinschaftsbesitz. Das Virus wird die Lagerkapazitäten an ihre Grenzen bringen.

Es sind noch viele Fragen offen, bevor das Virus da ist.

Roland Krieg

Der Text erscheint heute auch in der vfz Vieh und Fleisch Handelszeitung

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