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Wirtschaft auf dem Land

Landwirtschaft

Folgekongress zur ländlichen Entwicklung in Münster – Teil I

1648 wurde in Münster und Osnabrück mit dem Westfälischen Frieden der 30jährige Krieg beendet. Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsminister Eckhard Uhlenberg knüpfte gestern etwa 360 Jahre später den historischen Bogen zur Entwicklung des ländlichen Raums. Im letzten Oktober gab es den ersten Bundeskongress zur Entwicklung des Landes und mit dem Thema „Wirtschaft in ländlichen Räumen“ nimmt die Konferenzreihe Fahrt auf. Bis Ende des Jahres sollen weitere Tagungen folgen, deren Ergebnisse in einem Eckpunktepapier zusammen gestellt werden, versprach Staatssekretär Dr. Peter Paziorek aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium auf der Pressekonferenz. Das Papier soll unter anderem dafür dienen, die Fördermittel für den ländlichen Raum zielgerichteter auszugestalten.

Das Land nicht vergessen
Noch leben 70 Prozent der Menschen im ländlichen Raum, der 80 Prozent der Fläche Deutschlands ausmacht. Die Globalisierung, Ressourcenknappheit, Klimawandel, die Wissensgesellschaft und der demographische Wandel kennzeichnen die Zukunft des Landes, in der die Menschen gleichwertige Lebensverhältnisse vorfinden sollen, wie in der Stadt. Dr. Paziorek sieht darin eine Gemeinschaftsaufgabe. „Heimliche Stars“, wie die Landmaschinenfirma Claas in Ostwestfalen seien „Leuchttürme“ für wirtschaftliche Effekte. Städtische Arbeiter leben auf dem Land, das umgekehrt die Stadt mit Agrarprodukten versorgt. Verbraucher wollen wieder Lebensmittel aus der Region. Aber, so Paziorek: „Eine 100prozentige Sicherheit gibt es in keinem Bereich!“
Menschen sollen auf dem Land wieder Arbeit finden, funktionierende Wirtschaft und Infrastruktur vorfinden und ihre Kinder auch zur Schule schicken können. Wenn es Arbeit, Firmen, Straßen und Schulen gibt. Der aus dem Grundgesetz abgeleitete Versorgungsgrundsatz muss auch bezahlbar sein. Aber wie? Auf jeden Fall „werde die Bedeutung der Land- und Forstwirtschaft derzeit eindeutig unterschätzt“.

Pettkes im Münsterland
Münster und „sein“ Münsterland gehören zusammen. Die traditionsreiche Textilindustrie hatte bei ihrem Zusammenbruch durch die Auslagerung der Produktion ins Ausland in den 1980er Jahren Arbeitslosenquoten von über 20 Prozent hervorgebracht. Heute ist es eine Boom-Region, die sich aus eigener Kraft wieder erholt hat, sagte NRW-Minister Uhlenberg. Sechzig Prozent der Bullen aus NRW sind im Münsterland aufgestallt. Die Universität Münster wurde zu einem Wissenschaftszentrum ausgebaut und mit über 4.000 km Radverkehrsnetz lockt das Münsterland viele Touristen an. Dabei wurden viele Radwege, von den Münsteranern liebevoll „Pettkes“ genannt, nicht an den Straßenrändern, sondern quer über die Felder gebaut. In NRW hat das Münsterland mittlerweile die niedrigste Arbeitslosenquote.
Ihren Beitrag für diese Entwicklung hat die Landwirtschaf geleistet. Dazu gehört für Uhlenberg im Wesentlichen, dass sich auch der vor- und nachgelagerte Bereich mitentwickelt hat. NRW hat eine offensive Ansiedlungspolitik für Unternehmen gefahren, die sich langfristig beginnt auszuwirken. Zusätzlich zum Tourismus werden regenerative Energien gefördert.

Nachgefragt:
Niedersachsen vermeldete in dieser Woche, dass die Flächenkonkurrenz zwischen Nahrungspflanzen und erneuerbaren Energien zu einer Erhöhung der Pachtpreise auf über 700 Euro geführt hat. Herd-und-Hof.de hat bei Staatsekretär Dr. Peter Paziorek aus dem BMELV nachgefragt, ob das ein ernst zunehmendes Signal sei und wie man reagieren könnte. Seine Antwort:
Die Entwicklung hat in Borken zu heftigen Diskussionen geführt. Auf Bundes- und auf europäischer Ebene wird man sich damit befassen, dass die Landwirtschaft primär die Aufgabe hat, Nahrungsmittel zu erzeugen. Das Problem ist nicht unlösbar. Wir prüfen im EEG einmal, welche Förderbeteiligungen möglicherweise reduziert werden können. Die Sachlage soll aber nicht überbetont werden, weil sich auch im Kreis Borken die Pacht wieder eingependelt hat.
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Mittlerweile steht das Land nicht mehr im Förderschatten des Ruhrgebietes. Wer die besten Ideen hat, der werde gefördert. 795 Millionen Euro stehen NRW zur Verfügung. Davon gehen 19 Prozent in die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und die Förderung für die Vermarktung, 65 Prozent werden für Agrarumweltmaßnahmen aufgewendet, 10 Prozent für Diversifizierung und Dorfverbesserung und fünf Prozent werden für regionale Entwicklungsansätze spendiert.

Auf sich selbst besinnen
Mit dem Metropolenkonzept werden nur bestimmte Ballungsräume gefördert, die in dem größer gewordenen Europa stärker im Wettbewerb zueinander stehen. Aber zu den Metropolen gehören mittlerweile engere und weitere Verflechtungsräume, die auch Peripherien miteinbeziehen, stellte Prof. Dr. Ulrike Grabskie-Kieron, Geographin von der Universität Münster vor. Damit kann auch ein Wachstum außerhalb von Metropolen, wie beispielsweise Hamburg, Rhein-Main oder Berlin erzielt werden. Aber es gebe auch Kritik: Dem ländlichen Raum würde kein eigenständiges Profil mehr zugestanden und die Entwicklung richtet sich nur auf die Metropole aus. Das würde zu Mittelabflüssen aus den Peripherien führen.
Es gibt jedoch wichtige Erfolgskriterien, die für eine eigenständige Wirtschaftsentwicklung führen können:
Der ländliche Raum zeichnet sich dadurch aus, dass er viele mittelständische Unternehmen aufweist, die eigen- oder familiengeführt sind. Die Firmen sind regional verankert, eingebettet in attraktive Arbeits- und Wohnumfeldbedingungen, haben regionale spezifische historische Bezüge und können durch kurze Wege und viele persönliche Kontakte flexibel auf ein Marktgeschehen reagieren. Prof. Grabskie-Kieron fasst das als „weiche“ Standortfaktoren zusammen, die mit einem „regionalen Milieu“ die Stärke des Erfolges prägen. Existenzgründungen und Cluster-Bildungen spielen sich vor solchen Hintergründen leichter ab. Das seinen „keine Spezialitäten bestimmter Räume“.
Existenzgründungen können den Wandel des ländlichen Raumes durch Wettbewerb beschleunigen. Eine Binnenentwicklung, also abseits der Metropolen, führt zum Schluss regionaler Wertschöpfungslücken auf dem Land.

Die Zukunft ist erneuerbar
Das größte Zugpferd der Landwirtschaft ist zur Zeit die erneuerbare Energie. Das war sie vor dem Verbrauch des fossilen Erdöls – und das wird sie zukünftig auch wieder sein, wenn der Mensch es geschafft hat, „in 200 Jahren die über Millionen von Jahren gebildeten Erdölressourcen ausgebeutet zu haben“, stellte Prof. Dr. Alexander Steinbüchel, Mikrobiologe der Universität Münster fest. Erdöl wird nur zu sechs Prozent als Ausgangsmaterial für die Chemie verwendet. Die restlichen 94 Prozent dienen energetischen Zwecken. Das kann alles durch Biomasse gedeckt werden. Dr. Steinbüchel bezifferte das Biomassewachstum pro Jahr auf 200 Gigatonnen, von denen jeweils 50 Gigatonnen Cellulose und Lignin sind. Die Industrie stellt aber nur 0,2 Gigatonnen Polymere her und wir verbrauchen vier Gigatonnen Erdöl im Jahr (bei einer Reserve von noch 135 Gigatonnen). Die Zukunft ist also bereits vorhanden.
Bei der Herstellung von Ethanol hilft Saccharomyces cerevisiae oder ein ganzes Bündel von anaeroben Bakterien in der Biogasanlage. Die Aminosäure Lysin wird von der BASF im südkoreanischen Gunsan mit Hilfe von E. coli in einer Anlage für 100.000 Tonnen im Jahr, einem Zehntel der Weltproduktion, erzeugt. Zitronensäure und Glutaminsäure in Lebensmitteln kommen meist auch aus vergleichbaren Fabriken.
Dabei ist auch der Rohstoff Biomasse nicht unendlich verfügbar. Zudem gibt es eine Flächenkonkurrenz zwischen dem Anbau von Nahrungs- und Energiepflanzen. „Wir können uns keine Extensivierungsprogramme mehr leisten. Wir brauchen jeden Hektar“, beschreibt Pof. Steinbüchel die Zukunft. So ist es bereits oftmals so, dass die bakteriellen Helfer auch gentechnisch verbessert werden, um die Ausbeute zu optimieren. Dann werde auch der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen, die Polymere als Ausgangsstoffe produzieren, „bald Realität sein“. Das könnte, so der Mikrobiologe, helfen, die Akzeptanz der Gentechnik bei der Bevölkerung zu erhöhen.
Ob es ein neuer Ethylester als „Mikrodiesel“ ist, den Bakterien von Fettsäuren herstellen, oder ob Kartoffeln „Plastikausgangsstoffe“ herstellen: Es werden neue Bioraffinerien im ländlichen Raum geben, die aus der Region ihre nachwachsenden Rohstoffe beziehen.
Viele Ideen für ein neues Leben auf dem Land.

Der zweite Teil wird am kommenden Montag das Tagungsforum Holz- und Forstwirtschaft vorstellen.

Roland Krieg

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