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Wissenschaft muss aufklären

Landwirtschaft

DFG-Broschüre „Grüne Gentechnik“

Die Diskussion über grüne Gentechnik fordert bei Verbrauchern die ersten Wissensopfer. Wenn „Tomaten keine Gene haben“ oder die Bauern gleich „ganz auf Züchtung verzichten“ sollen, fehlt dem Verbraucherwissen die Basis. Die Aufgabe der Wissenschaft liegt dann in der Aufklärung. In diesem Sinne haben sich die beiden Kommissionen „Stoffe und Ressourcen in der Landwirtschaft“ und „Grundsatzfragen der Gentechnik“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in einer neuen Broschüre vorgenommen, das Thema der grünen Gentechnik zu erläutern.

Motivation
Vordergründig nehmen die Autoren die Herausforderung an, weil neben der Grundlagenforschung, im Zeitlauf spezifisch wirtschaftliche und soziale Fragen entstanden sind. Sie fühlen sich aber angesichts der aktuellen Diskussion auch in der Defensive: Diese „ist – zumindest für diejenigen, die in der Grünen Gentechnik große Potenziale sehen – in hohem Maße unbefriedigend.“ Sie fühlen sich in der Defensive, erklären zu müssen, warum sie daran forschen. Denn im Grunde beschreibe der Begriff nur „die Übertragung isolierter Gene im System Pflanze.“ Oft werden Bakterien als Überträger des Erbguts genutzt, die natürlicherweise in der Lage sind, bakterielle Gene in das Pflanzengenom zu übertragen. Die „Schlüsseltechnologie der Grünen Gentechnik ist also gleichsam der Natur abgeschaut.“
Die Broschüre reiht die grüne Gentechnik in die Reihe der Pflanzenzüchtung, die der Mensch seit Tausenden von Jahren durchführt. Die wilden Getreidepflanzen hatten brüchige Ähren, um sich zu besser zu vermehren, und eine lange Samenruhe. Eigenschaften, die im modernen Ackerbau hinderlich sind. Heute ernähren zwanzig Quadratkilometer Fläche nicht mehr nur einen Jäger und Sammler, sondern 9.000 Menschen, weil die Ähren das spätere Erntegut festhalten und die Menschen immer auf den höheren Ertrag selektiert haben. Ohne Pflanzenzüchtung gäbe es heute kein Rapsöl, weil die bittere Erucasäure den Kreuzblütler ungenießbar macht. So bieten die Verfahren der grünen Gentechnik den Pflanzenzüchtern Gelegenheit, neue Herausforderungen schneller und gezielter zu erreichen. Den Potenzialen der Gentechnik ist ein ganzes Kapitel gewidmet.

Plus und Minus
Die Aufzeichnungen möglicher Risiken und Möglichkeiten der grünen Gentechnik öffnen Lesern den Weg zu einer eigenen Einschätzung der Vor- und Nachteile. Das Buch wird aber nur die Unentschiedenen ansprechen, weil die Diskussion über lange Zeit hinweg so festgefahren ist. Für sie ist das lesbare Kompendium jedoch ein Gewinn mit nützlichem Glossar.
Was im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Erklärungen zu kurz kommt und unscharf geraten ist, sind die komplexen Themen wie Haftungsfragen, Patente oder die Verteilung zwischen privatwirtschaftlichen Interessen und gesellschaftlichen Aufgaben.
Nur ganz versteckt finden sich Hinweise auf die aktuellste Entwicklung. Die Gentechnik im humanmedizinischen Bereich hat durch ihren hohen individuellen Nutzen die Feuertaufe überstanden und ist weitestgehend etabliert. Fast genauso wie die grüne Gentechnik. Zwar weisen die Autoren auf das Missverhältnis zwischen einst 3.000 Hektar Anbaufläche gentechnisch veränderter Maispflanzen in Deutschland gegenüber 120 Millionen Hektar realem Anbau in der Welt hin – die Gentechnik hat aber in anderen Farben den „grünen Bereich“ längst erschlossen. Über gentechnisch veränderte Bakterien im Biogasfermenter oder zur Erzeugung von Enzymen und anderen Zutaten für den Nahrungsbereich wird gar nicht erst diskutiert. Da bekommen die Produkte sogar das Siegel „Ohne Gentechnik“.

Es bedarf der Fortsetzung
Vornehm zurück halten sich die DFG-Wissenschaftler im Wissenschaftsdisput, obwohl es dort einiges aufzuklären gibt. Die Entscheidung des Bundeslandwirtschaftsministeriums, Mon810 die Zulassung zu entziehen, basiert auf der Studie vergifteter Zweipunkt-Marienkäfer. Eine Studie, die Wissenschaftler im Nachgang begründet auseinander genommen haben. Solange sich die Wissenschaft nicht selbst einig ist, finden Studien ihre Abnehmer und sind dem medialen und öffentlichen Wahrnehmungswillen unterworfen. Prof. Joachim Schiemann vom Julius Kühn-Institut forderte auf der Abschlusstagung von Biosafenet Meta-Studien, die über einen längeren Zeitraum erstellte Ergebnisse zusammenfassen.
Diesem Thema darf sich die DFG in einer zweiten Ausgabe widmen, um die begonnene Öffentlichkeitsarbeit mit dem Heft „Grüne Gentechnik“ nicht zu beenden. Die Leser haben jedoch schon mal einen differenzierten Blick auf das Thema gewonnen.

Lesestoff:
Deutsche Forschungsgemeinschaft (Hrsg.): „Grüne Gentechnik“, Wiley-VCH, Weinheim 2010; ISBN 978-3-527-32857-4; PDF auf www.dfg.de - > DFG-Magazin -> Forschungspolitik -> Grüne Gentechnik - > Publikationen

Roland Krieg; Buchcover: DFG

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