Menü

Zuckerpreiskrise trifft nicht alle

Landwirtschaft

EU-Zuckermarkt braucht eine Neugestaltung

Der französische Bericht über den EU-Zuckermarkt aus dem Juni 2019 fordert eine Neugestaltung der Zuckermarktpolitik [1].

Die Europäische Union wurde mit Hilfe von Zuckerquote und Mindestpreis der weltweit drittgrößte Erzeuger von Zucker. Die Politik aus dem Jahr 1968 wurde in den folgenden Jahrzehnten immer wieder modifiziert. Nach der MacSharry-Reform 1992 stand auf Grund der brasilianischen Beschwerde bei der Welthandelsorganisation 2006 wegen unerlaubter Subventionierung vor dem Aus. Bis dahin galt der Export von Zucker als Mengenventil für die europäischen Rübenbauern. Der Import wurde in Rücksicht auf die Landwirte streng reglementiert.

Exporte wurden mit Rücksicht auf Brasilien gekappt, die Importe weniger streng in der Menge geregelt. Mit Bioethanol gab es jedoch ein neues Marktventil. Dennoch konzentrierte sich die Rübenproduktion auf die wettbewerbsfähigsten Standorte in der EU und drängte die Rübe in markfernen Lagen und auf schlechteren Böden vom Feld. Der Rückgang der Zuckererzeugung in der EU hat im Zusammenhang mit hohen Weltmarktpreisen 2013 die Euphorie hervorgerufen, die Zuckerquote ganz abzuschaffen. Betriebliches Risikomanagement könne die Preisschwankungen auffangen.

Das hat sich nicht bewahrheitet und die Rübenbauern unterliegen jetzt den Weltmarktpreisschwankungen mit fallenden Preisen in der EU. Was die Landwirte ins Herz trifft, ist für globale Unternehmen, die Zucker für ihre Getränke als Rohstoff brauchen durchaus ein Gewinn: Sie kommen preiswerter an die süßen Kristalle.

Die Krise wird nach dem Bericht dadurch verschärft, weil in den anderen Hotspots der Zuckererzeugung, wie Brasilien, China, Indien, Russland und Thailand Rübe und Rohr als Ausgangsbasis für Zucker weiterhin subventioniert wird. In Thailand und den USA gibt es weiterhin Rübenquoten zum Schutz der heimischen Produktion. In China, Indien und Russland schützen höhere Importzölle die Bauern. Brasilien subventioniert ungeniert die Bioethanolproduktion und kann zudem zwischen Rohr und Rübe als Ausgangsstoff umschalten.  

Unter diesen Marktbedingungen gibt es keinen wirklichen „Weltmarktpreis“, kritisieren die Autoren. In direkter Wechselwirkung befinden sich nur die Europäischen mit den brasilianischen Exportpreisen. Dann wird der Preis für alle durch die Überproduktion des stärksten Wettbewerbers allein beeinflusst.  

Am stärksten beeinflussen derzeit die verschiedenen Bioethanol-Politiken den Zuckerpreis. Alles ist möglich. Die Analyse der Autoren zeigte das Auf und Ab. Einem Zeitraum, in der die Lagervorräte nur noch für vier Monate gereicht hätten und einen akuten Mangel anzeigten, folgte eine Zeit mit ausreichenden Vorräten für sechs Monaten, die den Kurs in die Tiefe schickten. Die Differenz zwischen knappen und ausreichenden Vorräten machen gerade einmal 32 Millionen Tonnen Zucker aus. Im Vergleich: Weltweit werden rund 180 Millionen Tonnen Zucker erzeugt. Diese Menge reicht für den Konsum zweier Monate. Eine langfristigere Kapazitätsbetrachtung für fünf Monate mit monatlich 16 Millionen Tonnen Zucker würde den Markt schon stabilisieren helfen. Dabei werden nicht mehr als 0,34 Prozent fossiler Treibstoffe durch Ethanol ersetzt.

Für die EU bleibt der Zuckermarkt äußerst fragil. Eine weitere Reduktion beim Rübenanbau verringert zwar die Abhängigkeit von den Weltmarktpreisen, doch die Agrarpolitik muss sich ändern. Brüssel könne sich nicht aus der Verantwortung für die heimische Zuckerversorgung stehlen. Sie hat auch Verantwortung für die Stabilisierung des internationalen Handels und für die Vorbereitung der Zeit nach dem Erdöl.

Diesen Spagat muten die Autoren der EU zu.

Die Brüder Say

Ökonom Thierry Pouch gehört dem Ständigem Beraterteam von Agricultural Studies an. Er hat sich in diesem Zusammenhang dem französischen Ökonom Jean-Baptiste Say gewidmet. Der formulierte das Theorem, es gebe keine Überproduktion. Sobald ein Produkt fertig ist, besteht der dringende Wunsch, es zu verkaufen. Anderweitig sinke der Produktwert. Mit dem Geld kann der Produzent andere Produkte kaufen oder neue Produktvarianten herstellen. Say lebte zwischen 1767 und 1832 und anderen Ökonomen entgegen, die Krisen aus der Überproduktion formulierten. Merkspruch: „Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage“.

Für Thierry Pouch ist die Situation auf dem Zuckermarkt ein Gegenbeweis, dass Say irrte. Übrigens: Says jüngerer Bruder Louis gründete 1831 die Jamaika-Zuckerraffinerie in Paris. Durch Zusammenschluss mit der Zuckerfabrik Béghin in Thumeries im nördlichen Departement Nord entstand die größte Zuckerfabrik Frankreichs. Béghin-Say wurde im Jahr 2002 von den eigenen Rübenbauern gekauft und in eine Kooperative verwandelt.

Lesestoff:

[1] Une politique sucrière européenne `q reconstruire: Agriculture Strategies, Juni 2019 http://www.agriculture-strategies.eu/en/2019/07/a-european-sugar-policy-that-needs-rebuilding/

Roland Krieg

Zurück