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Zwei Jahre Galgenfrist

Landwirtschaft

Ferkelkastration: Das Kernproblem bleibt

In Zahlen: Namentlich haben 422 Abgeordnete des Deutschen Bundestages am Donnerstag für eine zweijährige Verschiebung des Verbots der betäubungslosen Ferkelkastration gestimmt. 142 Abgeordnete lehnten die Verschiebung ab, 88 enthielten sich. Union und SPD werfen 392 Stimmen in die Waage. Schon vorher war klar, dass Nein-Stimmen innerhalb der SPD durch Ja-Stimmen der AfD mehr als ausgeglichen werden würden. Der Bundesrat muss am 14. Dezember der Verschiebung zustimmen.

Dennoch ist das Kernproblem in Deutschland nicht gelöst. Kein ernsthaft geführter landwirtschaftlicher Betrieb wird die Abstimmung in der Politik abgewartet haben, um sich für einen der zur Verfügung stehenden Alternativen zu entscheiden. Meist haben Sauenhalter schon alle Verfahren verschiedentlich erprobt und ihren Favoriten entdeckt. Auf manchen Betrieben werden auch zwei Methoden angewandt.

Bei der Alternative eins bleibt der Eber intakt, wird weder operiert noch geimpft. Erfolgreiche Betriebe zeigen, dass die Ebermast funktioniert, auch wenn das Tiermanagement aufwendiger ist. Der Markt bleibt begrenzt, weil Metzger um die sogenannten Stinker fürchten, die durch auffälligen Ebergeruch Konsumenten vom Fleischgenuss abhalten.

Die Alternative zwei bekam durch eine Studie der Universität Hohenheim auf der zurückliegenden EuroTier Konjunktur. Ausgerechnet die Methode, die in Deutschland so gut wie keinen Markt hat, wurde von Verbraucherschützern und Tierschutzorganisation hochgejubelt. Zwei, manchmal drei Impfungen gegen die Bildung von Geruchshormonen sind notwendig. Zeitlich verschiebt sich der Eingriff vom Ferkelerzeuger auf den Mäster.

Im Bioanbau angewandt wird die Betäubung des Ferkels vor der Kastration mit Isofluran. Das Mittel ist zwar für Schweine nicht zugelassen, kann aber im Einzelfall durch den Tierarzt umgewidmet werden. Was bei 300.000 Bio-Mastschweinen noch als „Einzelfall“ durchgeht, ist bei 50 Millionen Mastschweinen überhaupt nicht mehr tragbar. Jetzt wurde rechtzeitig die Zulassung beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit das Arzneimittel „Isofluran Baxter vet 1000mg/g“ auf Ferkel zugelassen.

Damit stehen drei Wege als Alternative für die betäubungslose Kastration zur Verfügung. Für die Isofluran-Narkose müssen spezielle Geräte für rund 8.000 Euro angeschafft werden. Das Bundeslandwirtschaftsministerium wird im nächsten Jahr über eine Förderung entscheiden, die in der Regel 25 Prozent umfasst.

Es gibt noch einen vierten Weg, der auf EuroTier um einen fünften Weg, erweitert wurde. Eine Lokalanästhesie. Für beide Wege werden Lignocain und Bupivacain zur Betäubung genutzt [1]. Hier gibt es das Problem, das Deutschland in seinem Tierschutzgesetz die Schmerzfreiheit vorschreibt. Was „schmerzfrei“ heißt ist noch nicht immer genau definiert. Wäre eine Spritze wie beim Zahnarzt erlaubt? Für manche Menschen ist die Injektion schmerzfrei, für andere nicht. Zudem wird die Spritze in festes Gewebe und nicht in weiches, wie dem Hodensack, gesetzt. Die TU München startet ein Projekt zur Feststellung, wie schmerzfrei der vierte (und fünfte Weg) ist. Ein Ergebnis wird nicht innerhalb der nächsten beiden Jahre vorliegen. Damit bleibt es bei den drei Wegen.

Der Kernproblem bleibt: Außer Deutschland sieht kein anderes EU-Land die Ausschaltung von Schmerzen vor, sondern nur die Linderung der Schmerzen gegenüber der betäubungslosen Kastration. Daher wenden Länder von Spanien bis Schweden, von den Niederlanden bis nach Österreich die unterschiedlichsten Wege an, die in Deutschland verboten sind. Die Bundespolitik hat am Donnerstag im Bundestag ihre eigene Voreiligkeit lindern, aber nicht ausschalten können [2]. Es gibt aus den Parlamentsreihen in ganzer Breite kein einziges Signal, das Tierschutzgesetz abzuändern und auf Schmerzlinderung zu schalten. Das Thema ist eines, bei dem die Politik nicht gewinnen kann. Aber auch die Fleischbranche muss sich Gedanken machen, warum sie die eine oder andere Alternative in den letzten fünf Jahren schlecht geredet hat.

Für die noch gerade einmal 8.000 Sauenhalter in Deutschland bleibt die wirtschaftliche Bredouille auch in den beiden nächsten Jahren erhalten. Sie mögen sich für eine oder andere Alternative entscheiden. Doch werden etwa 15 Prozent sowieso in den nächsten beiden Jahren aufhören. Die Preise machen aus dem Schweinegeschäft einen Markt um einzelne Cent. Heute kommen rund neun Millionen Ferkel zur Mast nach Deutschland aus Dänemark und den Niederlanden. Kastriert nach Methoden, die in Deutschland verboten sind. Aber der Binnenmarkt erlaubt den Export. Die Nachbarn werden sich in den beiden nächsten Jahren über steigende Aufträge freuen.

Lesestoff:

[1] Der fünfte Weg kommt aus Australien: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/kastration-karten-fuer-ferkel-werden-neu-gemischt.html    

[2] EU will Arbeitsgruppe zur Ferkelkastration wieder fördern: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/tagung-der-eu-plattform-tierwohl.html

Roland Krieg

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