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Zweiter Gewinneinbruch im Folgejahr

Landwirtschaft

Rukwied: „Von einer echten Trendwende wollen wir nicht sprechen!“

Wirtschaftsfaktor Landwirtschaft
Ein starker Sektor in Deutschland

China ist das neue TTIP. So könnte ein positives Fazit nach der Vorstellung des Situationsberichtes 2015/2016 sein, den Bauernpräsident Joachim Rukwied am Dienstag in Berlin vorstellte. Die Analyse des Ende Juni zu Ende gegangenen Wirtschaftsjahres brachte nur wenige erfreuliche Zahlen hervor. „Leider“, sagte Rukwied gleich zu Beginn. Es war abzusehen, dass sich die wirtschaftliche Situation der landwirtschaftlichen Betriebe nach nahezu zwei Jahren Dauerniedrigpreise verschlechtern wird. Nach einem Gewinneinbruch von 35 Prozent im Wirtschaftsjahr 2014/15 sanken die Gewinne noch einmal im Durchschnitt acht Prozent – vor allem in der Veredlungswirtschaft und der Milcherzeugung. Bei Schweinen und der Milch steigen die Preise gerade wieder, doch hat das die Laune des Präsidenten nicht verbessert: „Von einer echten Trendwende wollen wir nicht sprechen!“.

Rasanter Strukturwandel

Im Einzelnen haben die Erzeugerpreise im Milchsektor noch einmal um 17 Prozent nachgegeben, um neun Prozent bei Ferkeln. Das Minus bei Schlachtschweinen betrug sechs Prozent und für den Brotweizen bekamen die Landwirte neun Prozent weniger.

Der landwirtschaftliche Haupterwerbsbetrieb kommt nunmehr auf 39.700 Euro. Der Landwirt muss von brutto 2.300 Euro im Monat Sozialabgaben und Investitionen bezahlen. Nur dank ebenfalls gesunkener Betriebsmittelkosten ist das Minus nicht deutlicher ausgefallen. Die Kosten für den Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmittel gingen um neun und fünf Prozent zurück. Es ergab sich eine Mischung aus weniger Betriebsmittelkauf und tatsächlich gesunkenen Input-Preisen. Die Tierhalter konnten von drei Prozent geringeren Futterkosten profitieren. Den stärksten Rückgang wiesen mit elf Prozent die Ausgaben für Energie und Reibstoff aus. Zumindest das Erdölpreistal gilt seit dieser Woche durch die Einigung der OPEC mit Nicht-OPEC-Ländern für eine Drosselung der Erdölförderung als beendet. Zur Frühjahrsbestellung werden die Dieselpreise schon höher liegen.

Ohne die Direktzahlungen aus Brüssel hätten die Landwirte kaum Gewinn gemacht. Deshalb blickte Rukwied gleich ganz weit nach vorne. Im nächsten Jahr stehen die ersten großen Diskussionen über die Neuausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP): „Die Gemeinsame Agrarpolitik ist ein wichtiger Stabilitätsfaktor in dieser schwierigen Zeit. Umso wichtiger ist es, die GAP auch nach 2020so auszurichten, dass sie eine wirtschaftliche stabile, nachhaltige und wettbewerbsfähige Landwirtschaft ermöglicht.“

Das werden nicht mehr alle Betriebe erleben. Viele Jahre lang hörten zwischen zwei und drei Prozent der Betriebe auf. Bis vor zwei Jahren sank der Strukturwandel auf 1,5 Prozent, doch vor allem in der Veredelungswirtschaft hören derzeit zwischen fünf und sieben Prozent der Betriebe auf. Dabei sind es nicht immer die unwirtschaftlichsten Betriebe, die ausschieden. In den beiden letzten Jahren hat das Liquiditätsloch manchen Wachstumsbetrieb erwischt. Nebenerwerbsbetriebe können wegen ihres außerlandwirtschaftlichen Einkommens auch noch bei 20 Ct pro Kilo ihre Kühe melken. Obwohl es keine Zahlen gibt, wie die Betriebsaufgaben zwischen Haupt- und Nebenerwerbsbetrieb verteilt sind, heißt es hinter vorgehaltener Hand „Es hören nicht die Betriebe auf, von denen wir es wollen!“

China ist das neue TTIP

Rukwied wollte keinen Ausblick auf das kommende Jahr geben. Zu viele Fragezeichen gibt es für den heimischen Markt. Die europäische Fleischexportwirtschaft hingegen boomt und hat bei Exporten in Drittstaaten mit Fleisch und lebenden Tieren in den ersten drei Quartalen 2016  um 18 Prozent auf 8,9 Milliarden Euro zulegen können. Der „flotte Treiber“, wie die Fleischwirtschaft am Dienstag meldete, ist Schweinefleisch. China hat den Einbruch im Russlandgeschäft längst wieder wettmachen können. Im Jahr 2011 lagen die Agrarexporte aus Deutschland nach Russland mit 1,9 Milliarden Euro deutlich von denen nach China (379 Millionen Euro. Der Russlandhandel hat sich auf 880 Millionen stabilisiert, während in den beiden letzten Jahren die Ausfuhr nach China auf 1,8 Milliarden anstieg. Der Situationsbericht weist also einen neuen Gesamtrekord nach China und Russland auf.  Rukwied hat den asiatischen Markt schon fest im Blick. Die Signale des neuen Präsidenten stehen bei den TTIP-Verhandlungen auf „Stopp“. Doch im Sinne der „America first“-Politik Trumps, werden die USA ihre „aggressive“ Exportpolitik im Agrarbereich weiterführen, sagte DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken [1]. Offenbleibe nur, wie Trump über seinen neuen Landwirtschaftsminister mit dem Bioethanol-Konzept verfährt. Derzeit vergären 120 Millionen Tonnen Mais zu Ethanol und werden als eiweißreiche Trockenschlempe weltweit als Futter verkauft.

Sorgen im Inland

Nicht nur der Weltmarkt bleibt ein Fragezeichen für das Jahr 2017. Auch die Berliner Politik birgt noch vor der nächsten Bundestagswahl manche Überraschungen. Die Düngeverordnung wird in diesem Jahr nicht mehr verabschiedet. Frühestens der März steht auf dem Plan, weil die Ergänzungen aus der Anhörung bis Ende November noch eingearbeitet werden müssen. Danach ist Wahlkampf. Doch den Bauern reicht es. Sie wollen endlich „den Sack zumachen“, wie Rukwied es formulierte. Die Instrumente für eine Lösung der Nitratfrage in den „Hotspot“-Gebieten reichten aus. Die Landwirte bräuchten endlich Planungssicherheit.

Mit Bangen schaut Rukwied auch auf die Grüne Woche. Bundesagrarminister Christian Schmidt will dann das staatliche Tierwohllabel vorstellen. Der Bauernverband unterstütze es, wenn es mit der Brancheninitiative Tierwohl verzahnt werde. Sonst werde es „fatal“. Jahrelang hat es kein Tierwohllabel breitenwirksam in den Markt geschafft. Die Brancheninitiative hingegen bezeichnete Rukwied als Erfolg.

Im Kalenderjahr 2016 hat es trotz mannigfaltigem Willen keine Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Landwirte gegeben. Die Genossenschaften lassen beim Thema Lieferverträge nicht mit sich reden. Der Wunsch, Preise über Warentermine abzusichern, findet bei vielen Landwirten ebenfalls kein Gehör. Sie sind mit der Guten Fachlichen Praxis und der Bürokratie ausgelastet. Denn nebenbei kann das Börsengeschäft nicht erledigt werden.

Die Branchenorganisation Milch gibt es nicht [2]. Wohl haben sich einige Molkereien zu einer „Light“-Version einer Interessengemeinschaft zusammengefunden. Doch die soll, so Rukwied, hauptsächlich die Fördergelder aus Brüssel optimieren. Viele Partner haben die Landwirte in den schwierigen Zeiten nicht gefunden.

Die EU will trotz Klimaschutzplan die Beimischung für Biokraftstoffe reduzieren. Doch „ohne Bioenergie gibt es keinen Klimaschutz“, sagte Rukwied. Die Biomasse nimmt mehr als die Hälfte der erneuerbaren Energien ein. Der Anteil der Biokraftstoffe liegt im Verkehrssektor bei fünf Prozent und vor allem die heimische Rapsproduktion liefert auch noch heimische Futtermittel. Neue Energien haben der Landwirtschaft im letzten Wirtschaftsjahr 5,7 Milliarden Euro Erlös gebracht. Sonst wären noch mehr Betriebe ausgestiegen.

Lesestoff:

Alle Zahlen und Grafiken finden Sie unter www.bauernverband.de

[1] Die USA erwarten für 2017 eine „Schweineschwemme“, die auf den Weltmarkt kommt: https://herd-und-hof.de/handel-/usa-setzen-2017-schweinepreise-unter-druck.html

Australiens „Monsterernte“ setzt den Rapspreis 2017 unter Druck: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/monster-aussie-wheat-crop.html

[2] https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/molkereien-gegen-milchbauern.html

Roland Krieg

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